„Vor Chanukka“-Gedanken

 

„Vor Chanukka“-Gedanken (Jonathan Rosenblum zu Chanukka)

Die Geschichte ordnet Antiochus IV. Epiphanes die Rolle des ersten religiösen Verfolgers zu, des ersten Tyrannen, der der menschlichen Seele Befehle erteilen wollte. Doch zahlreiche Tatsachen lassen sich nicht mit diesem Bild vereinen.

Tatsächlich verboten Antiochus´ Verordnungen aus dem Jahr 167 v. die Einhaltung des Judentums lediglich in Judäa und wollten es durch einen Götzendienerkult ersetzen, dessen Mittelpunkt der Tempel in Jerusalem sein sollte. Doch bleibt die Frage: War Antiochus IV der Urheber dieser Verordnungen oder führt er nur die Vorschläge anderer aus?

Stutzig macht, dass Antiochus in keiner anderen Region in seinem Staat ähnliche Massnahmen anordnete; nichts war den Verordnungen in Judäa auch nur im Geringsten ähnlich. Nirgends wurde die Religion eines der Völker seines Staates ersetzt. Kein anderes Volk wurde daran gehindert, Beschneidungen durchzuführen. Kein anderes Volk, das kein Schweinefleisch ass, wurde zu dessen Verzehr gezwungen. Sogar die Juden, die anderswo in seinem Reich lebten, durften ihre Religion weiter ausüben.

Die hartnäckigen Bemühungen, das Judentum in Judäa auszulöschen, müssen deshalb – so nehmen Historiker an – von „aufgeklärten“ Hellenisten eingeleitet worden, angeführt vom „Kohen Hagadol“ (Hohepriester) Menelaos. Für die „hellenistischen Juden“ war die Fähigkeit, sich mit allen Völkern, mit denen man in Kontakt kam, assimilieren zu können, das Kennzeichen der Zivilisation. Besonderheiten waren ein Zeichen von Barbarentum.

Die jüdischen Hellenisten konzentrierten sich darauf, jene Eigenschaften direkt anzugreifen, durch die sich das Judentum am deutlichsten auszeichnet: Beschneidung, Schabbat, die Festtage und das Torah-Lernen. Der Kult, den sie im Tempel einführten, verlangte Tiere als Opfergaben, die bisher als unrein angesehen worden waren, insbesondere Schweine.

Die Hellenisten waren bereit, die anderen Juden mit dem Schwert zu bedrohen, um ihre Teilnahme an diesem neuen Kult zu erzwingen und sie dadurch zu „zivilisieren“.

Der Aufstand der Makkabäer war deshalb vor allem ein Bürgerkrieg. Die Feinde der Makkabäer waren die „Gesetzlosen“.

Als Antiochus´ Nachfolger, Antiochus V., im Jahr 163 offiziell anerkannte, dass die Juden nicht hellenisiert werden wollten, brachte er Menelaos als „Zeichen seines Wohlwollens“ für die Juden um.

Im spanischen Zeitalter finden wir ähnliche Verhaltensmuster.
Während des Goldenen Zeitalters des spanischen Judentums lebten die Juden in engem und fruchtbarem Kontakt mit ihren nicht-jüdischen Nachbarn. Doch schon zur Zeit der maimonidischen Auseinandersetzungen des späten 12. und frühen 13. Jahrhunderts wiesen viele auf die Gefahr des Philosophiestudiums hin, das eine starke Anziehungskraft auf die jüdische Aristokratie ausübte.

Rabbi Meir Halevi Abulafia und der Ramban – selbst Männer mit grossen philosophischen Fähigkeiten – befürchteten, dass die Betonung der Suche nach philosophischer Wahrheit zu einer verminderten Wertschätzung der Einhaltung von Mitzwot führen würde, auch wenn es, wie im Fall des Rambam, um die Erkenntnis G“ttes ging. Sie hielten fest, dass die Philosophie oft zu Zügellosigkeit führte, wie es seinerzeit auch bei den jüdischen Hellenisten der Fall gewesen war.

Der Ramban bezeichnete die aristokratischen Philosophen seiner Zeit in Barcelona als „Männer, die der Immoralität verdächtigt werden“ und Rabbi Meir Abulafias Bruder beschrieb sie als „Vergnügungssüchtige, die insgeheim nicht religiös sind“.

Die Befürchtungen des Ramban verwirklichten sich im Lauf der zeit. Es war das einzige Mal in der jüdischen Geschichte, dass die Mehrheit der Juden in einem Land den Loyalitätstest zu ihrer Religion nicht bestanden. Hunderttausende verliessen während der Verfolgungen in den Jahren 1391 und 1412 das Judentum. Zuerst taten die meisten es gegen ihren Willen, doch innerhalb von zwei Generationen waren die meisten angepasste Christen.

Viele Historiker schreiben die Schwäche des spanischen Judentums, im Vergleich etwa zu den französischen und deutschen Juden währen den Kreuzzügen, der Verbreitung der Philosophie in Spanien zu. Die Faszination der allgemeinen Philosophie entzog dem spanischen Judentum nicht nur den Willen, als Juden zu leben, sondern brachte auch einige der schlimmsten Judenhasser aus dem eigenen Volk hervor. Ungläubige Juden veröffentlichten eine breite Auswahl an anti-jüdischer Literatur, und sie spielten in fast jeder Auseinandersetzung mit der Kirche eine wichtige Rolle. Sogar viele der berüchtigten Inquisitoren kamen aus den Reihen der Juden.

Der Chassid Jawetz, einer der Vertriebenen aus dem Jahr 1492, bemerkte, dass die meisten der 200000 Juden, die ins Exil gingen – ein kleiner Bruchteil der spanischen Gemeinde, die es damals gab – einfach Leute waren und nicht der jüdischen Aristokratie angehörten.

Die Parallelen zwischen den jüdischen Hellenisten und der Reformbewegung im 19. Jahrhunderts sind noch eindrücklicher. Moses Mendelsohn, „der deutsche Plato“, der selbst noch ein religiöser Jude war, lehrte, dass die westliche Kultur in die jüdische Denkweise eingebracht werden sollte. Nur die Bräuche seien besonders und setzen eine Offenbarung voraus.

Seine Anhänger lehnten dann auch diese Bräuche ab, um das Ziel der vollen Integration in die deutsche Gesellschaft zu erreichen. Bereits die Kinder des Moses Mendelsohn traten der protestantischen, katholischen oder evangelisch-reformierten Kirche bei. Sogar das Gebot der Beschneidung wurde von den radikalsten Reformern angegriffen.

Wie die Hellenisten zwei Jahrtausende zuvor, waren die deutschen Reformer daran interessiert, ihre Brüder aufzuklären – wenn nötig mit Zwang. Sie befürchteten, dass diejenigen, die sich an der Halacha festklammerten, dadurch bewirkten, dass alle Juden als altmodische Barbaren porträtiert würden, die der Emanzipation unwürdig seien. Wo die Reformer die traditionellen Gemeinden übernahmen, verwendeten sie ihre Macht, um die „Traditionalisten“ zu unterdrücken. Mikvaot wurden zugeschüttet, die Herstellung von koscheren Lebensmittel unterbrochen und Jeschiwot geschlossen.

Die Frankfurter Gemeinde verbot das Torah-Studium und wandte sich an die örtliche Polizei – in der Rolle von Epiphanes – um das Verbot durchzusetzen.

Wie sieht unsere Lage heute aus? Nur wenige Juden – wahrscheinlich keine ausserhalb Israels – erzürnt es heute, wenn andere Juden Mitzwot erfüllen. Die Assimilation ist zu weit fortgeschritten, als dass sie befürchten, dass einige hartnäckige Juden die Uhr zurückdrehen könnten.

Doch das Unbehagen gegenüber den anderen gibt es noch immer. Dies erklärt, warum es über eine Woche lang dauerte, bis die jüdischen Organisationen in den USA die Aufstände in Crown Heights im Jahr 1991 als das erkannten, was sie waren: Ein Pogrom. Sie konnten sich ganz einfach nicht mit Chassidim identifizieren.

Die meisten Juden vertreten heute eine Agenda der Assimilation, die aus Feindseligkeit gegenüber jüdischer Erziehung besteht und annimmt, dass Juden am besten von einer Umgebung profitieren, in der sie so unerkenntlich wie möglich sind.

Es ist eine Agenda, die direkt in den jüdischen Friedhof führt, genau wie wenn ihre historischen Vorgänger gewonnen hätten.

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