Jüdische und griechische Philosophie: Was war der eigentliche Konflikt?

Jüdische und griechische Philosophie: Was war der eigentliche Konflikt? (Aus DIE JÜDISCHE ZEITUNG, Nr. 50, 24. Kislew 5770 / 11. Dez. 2009)

VON RABBI DONIEL BARON

Die alten Griechen waren von Ästhetik geradezu besessen und hielten Schönheit für das höchste Ideal. Aber die Griechen kümmerten sich auch um das Gehirn und die Werke ihrer Philosophen sind noch heute ein Muss an den Universitäten.
Die Griechen behielten ihre Ideen und Vorstellungen nicht für sich, sondern verbreiteten sie bei jedem Volk, das sie eroberten. In einem verblüffenden, militärischen Feldzug, bei dem Alexander der Grosse ausgedehnte Teile der Welt eroberte und dabei unbesiegt blieb, schufen die Griechen ein enormes Königreich, in dem sie ihre Botschaft verbreiteten.
Als aber die griechische Kultur und ihre Lebensart das Land Israel erreichte, erlebte sie dort einen ungeahnten und ungewohnten Widerstand. Während der vielen Jahrzente bis zur Geschichte von Chanukka, Jahre in denen die Juden der griechischen Kultur ausgesetzt waren, hielten die Rabbiner ihren unermüdlichen Widerstand gegen die griechische Lebensart aufrecht. Die Situation spitzte sich zu, als König Antiochus die grundlegendsten Mizwot des Judentums verbot. Die geistigen Führer des Volkes weigerten sich, nachzugeben und waren bereit, ihr Leben dafür einzusetzen, um den jüdischen Weg aufrecht zu erhalten. Der folgende Konflikt gipfelte in der wundersamen Geschichte von Chanukka, im jüdischen Triumph über die Griechen, und der Gründung eines für einige Jahrzehnte wieder unabhängigen jüdischen Staates.

Ist Schönheit schlecht?

Der grundlegende Konflikt zwischen der jüdischen und der griechischen Philosophie bedarf einer Erklärung. Was war so schlimm an der Schönheit, die für die Griechen so wichtig war? Ist denn Ästhetik gefährlich? Weshalb waren unsere Gedolim so vehement gegen die griechische Kultur, sogar noch bevor die Mizwot verboten wurden?
Und zudem, was störte die Griechen so sehr am Widerstand der Juden? Sie hatten die politische Kontrolle und wie es schien auch die klare, militärische Übermacht. Ihre Kultur beherrschte die Welt. Weshalb störte sie diese störrische Gruppe von Juden in Judäa so? Was brachte sie so weit, dass sie die Religion eines anderen Volkes verboten? Die Antwort kann nicht sein, dass Judentum Schönheit ablehnt. Das Bet Hamikdasch war mit Gold und Silber überzogen. Es war als eines der schönsten Gebäude der Welt bekannt, und die Reste, die uns erhalten geblieben sind, lassen die frühere Pracht erahnen. Jerusalem selber wird im Buch Echa der „Inbegriff der Schönheit“ genannt. Die Tora trägt uns auf, die Mizwot mit „Schönheit“ auszuüben – se keli we’anwehu eine schöne Sukka, ein schönes Schofar etc. zu haben. Die Torah hält fest, dass einige unserer heiligsten V orfahren – zum Beispiel Sarah, Rifka, Rachel und Josef schöne Menschen waren, eine Schönheit , die von den mächtigsten Herrschern damals auch bemerkt wurde. Was war dann falsch an den Griechen? Weshalb lehnten wir eine Kultur ab, die äusserliche Schönheit schätzte und das Denken förderte?

Was ist Schönheit?

Die Antwort liegt in der Definition von Schönheit. Klassische Schönheit, die Auffassung von Schönheit, die Jahrtausende überlebt, stammt von der Harmonie. Ohne Harmonie finden wir optische Reize entweder langweilig oder chaotisch. Ein Beispiel für Harmonie findet man in der Symmetrie: ein Bild, das ausgeglichen ist, spricht einen an.
Die Griechen waren auch deshalb besessen vom menschlichen Körper, da sie diesen als Beispiel für perfekte Symmetrie betrachteten. Aber Harmonie finden wir auch in Gegensätzen, wie den Anblick eines tiefen Tales
vor einem hohen Berg. Auch die weniger künstlerisch Begabten unter uns können dies anhand der Farben verstehen. Wir sehen Schönheit in der Anwendung von ähnlichen Farben, die sich nebeneinander auf dem tertiären Farbenrad befinden, einem fortlaufenden Arrangement von 12 Farben, die nach ihren Wellenlängen sortiert und aneinandergereiht werden. Aber wir sehen auch Schönheit in Gegensätzen, etwa in Komplementärfarben, de sich auf dem Farbenrad gegenüber stehen. Beide sind harmonisch, weil sie die Farben des Mediums verbinden, entweder durch Kontrast oder durch Ergänzung und sie präsentieren dadurch ein ausgeglichenes, visuelles Medium. Vielleicht können wir so die Natur der Auseinandersetzung zwischen den Griechen und den Juden besser verstehen. Die Griechen verstanden die Harmonie in äusserlicher Schönheit, aber sie begriffen das Wesentliche nicht. Ultimative Harmonie beruht auf der Verbindung von geistigen und der körperlichen Eigenschaften – von Ruchnius und Gaschmius. Dies schafft eine Schönheit wie keine andere, ein so eindrückliches Ergebnis, dass jeder Versuch, es zu imitieren eine Beleidigung der gängigen Auffassung von Schönheit ist. Es gibt keine grössere Harmonie als die Verbindung zwischen materiellen Dingen und ihrem geistigen Ursprung. Jerusalem ist der Inbegriff von Schönheit im Judentum. Es ist die Stelle wo Himmel und Erde sich „küssen“, eine Brücke zwischen zwei Bereichen, ein symmetrisches Phänomen. Gemäss unserer Tradition fliesst die physische Kraft, die die ganze Welt aufrecht erhält, durch Jerusalem hindurch. Das Jerusalem auf dieser Welt ist das physische Gegenstück der geistigen Energie, die in diese Welt fliesst und damit das Beispiel für perfekte Harmonie zwischen dem Physischen und Geistigen. Die „schönen Menschen“ in der Tora waren Spiegelungen dieser Harmonie zwischen der physischen und der geistigen Welt. Josef Hazadik zum Beispiel war äusserlich so schön, dass die Frauen auf die Mauern kletterten, um einen Blick auf ihn werfen zu können. Aber statt sich von körperlichem Vergnügen leiten zu lassen, bestand Josef die Prüfung, als er durch Potifars Frau verführt werden sollte. Er liess nicht zu, dass seine körperliche Schönheit ihn von der wahren Harmonie des geistigen Lebens trennte. Unsere als schön beschriebenen Vorfahren waren also Menschen, deren körperliche Schönheit in perfekter Harmonie mit ihrer geistigen Schönheit und Vollkommenheit lebte.
Die Griechen dagegen tauschten diese echte Harmonie gegen die billige Harmonie zwischen verschiedenen Aspekten der physischen Welt ein. Physische Schönheit ist oft eine Versuchung, die der echten Harmonie im Weg steht. Die Griechen ignorierten und verachteten die wahre Schönheit, da sie nur etwas zur Kenntnis nehmen wollten, das äusserlich schön war. Das Streben nach echter Harmonie ignorierten sie völlig. In ihrer Blickweise existierten nur Dinge, die der Mensch wahrnehmen und verstehen kann, und Harmonie mit etwas Geistigem war unmöglich.
Unsere Weisen entdeckten diese Gefahr in der griechischen Kultur und kämpften dagegen. Sie wollten auf keinen Fall zulassen, dass echte Schönheit von etwas Oberflächlichem ersetzt werden sollte. Und als die Griechen schliesslich die Gefahr bemerkten, die die Juden für ihre eigene Philosophie darstellten und wie die jüdische Vorstellung von Schönheit ihre eigenen Begriffe und ihre Lebensanschauung bedeutungslos machte, gingen sie in die Offensive.
Wir gewannen den Krieg am Chanukka vor mehr als zweitausend Jahren, doch der Kampf dauert an. Unsere Gegner loben und vertreten alles, das angenehm anzusehen ist und schön erscheint. Doch nichts was sie offerieren, kommt der Harmonie zwischen Körper und Seele auch nur nahe.
Es liegt an uns zu entschieden, ob wir uns mit künstlicher Schönheit zufrieden geben, die nur Harmonie zwischen physischen Dingen bietet, oder ob wir uns an unser Erbe halten und nach der ultimativen Harmonie zwischen dem Physischen und dem Geistige streben, zwischen Körper und Seele.
Chanukka ruft uns zu und bietet uns die Möglichkeit, echte Schönheit zu finden, die Harmonie, die nur aus unserer Verbindung zu Haschem und zu Seinen Mizwot kommen kann.

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