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„Wir verlassen uns auf unseren Vater im Himmel“: Problem oder Lösung?

 

Bearbeitet und ergänzt von S. Weinmann

Zu Schir HaSchirim (Hohelied) zum Vers (7:14) gibt es einen Midrasch Peli’a (rätselhaften Midrasch). Im Vers steht folgendes: „HaDuda’im natnu Re’ach; we’al Petachenu kol Megadim; Chadaschim gam Jeschanim, Dodi zafanti lach.“ („Die Duda’im verströmten einen Duft; und auf unseren Türschwellen gibt es allerlei edle Früchte; die heurigen und vorjährigen, mein Teurer, habe ich für dich aufbewahrt.“)

Der Midrasch erklärt wie folgt:

  • „Die ‚Duda’im’ (Blumen, Alraunen) verströmten einen Duft“ weist auf Re’uwen hin (welcher seiner Mutter Duda’im brachte [Bereschit 30:14]).
  • „Und auf unseren Türschwellen gibt es allerlei edle Früchte“ bezieht sich auf das Wunder von Chanukka.
  • „Die heurigen und vorjährigen, mein Teurer, habe ich für dich aufbewahrt“ bezieht sich auf die geschriebene überlieferte („Torah Sche’Bichtaw“) und die mündlich überlieferte Torah („Torah sche’Ba’al Peh“).

Aus einem bestimmten Grund fasst der Midrasch in diesem einen Vers Re’uwens Duda’im, das Wunder von Chanukka, die Torah sche’Bichtaw und die Torah sche’Ba’al Peh zusammen. Was haben sie gemeinsam?

Der Midrasch Rabba (in Wajeze, zu Vers 30:16) sagt zu Re’uwens Duda’im „Komme und sehe, was für eine Aufgabe diese Duda’im von Re’uwen erfüllt haben!“ (Er gab sie seiner Mutter, Leah, welche sie Rachel abgab, die dafür ihrerseits das Zusammentreffen mit Ja’akow aufgab, damit Ja’akow zu Leah kommen konnte. Daraufhin wurde Leah mit Jissachar schwanger.) „Zwei grosse Stämme

Jisraels entstanden als Resultat dieser Tat – der Stamm Jissachar und der Stamm Sewulun, die die typische Jissachar/Sewulun Beziehung begründeten: Jissachar sass und lernte, während Sewulun hinausging und Geld verdiente, welches für beide reichte. Der Midrasch fährt fort, dass die Torah heute wegen diesen beiden Stämmen im jüdischen Volk verankert ist.

Nochmals: Der Midrasch bezieht sich auf den Vers in Schir HaSchirim: „Die Duda’im dufteten“ und diese Blumen ihrerseits werden mit der Verankerung der Torah im jüdischen Volk in Verbindung gebracht. Warum ist das so?

Rav Re’uwen Katz gibt in seinem Sefer „Duda’ej Re’uwen“ einen herrlichen P’schat (Erklärung) zu diesem Midrasch. Wir haben überliefert, dass Ja’akow und seine Frauen wussten, dass 12 Stämme von Ja’akow abstammen werden. (Raschi hält an mehreren Stellen fest, dass sie dies mittels Ru’ach Hakodesch (G’ttlicher Vorsehung) wussten.) Leah hätte sich somit auf den Standpunkt stellen können: „Ich warte und was sein wird, wird sein. Falls G’tt mir soundso viele Kinder schenkt, wird dies von selbst geschehen. Ich habe nichts anderes zu tun als die Haschgacha (Vorsehung) für mich wirken zu lassen und zu warten bis Sein Wille Wirklichkeit wird.“

Aber was berichtet uns die Torah? Die Torah sagt uns, dass diese beiden Stämme – diejenigen Stämme, welche für die Erhaltung der Torah im jüdischen Volk verantwortlich waren – entstanden, weil Leah aktiv in das Geschehen eingriff und handelte. Sie blieb nicht untätig in der Meinung: „Was geschehen soll, wird halt geschehen.“

Die Torah lehrt uns, dass wir nicht passiv bleiben sollen, wenn es um die Torah geht. Wir müssen tätig werden! Torah und Judentum werden nicht bewahrt und gerettet, wenn wir dasitzen und mit verschränkten Armen zuschauen. Die Duda’im von Re’uwen lehren uns, dass ein Mensch manchmal den „Stier bei den Hörnern packen soll“.

Das ist auch die Verbindung zwischen „den Blumen Re’uwens“ und „dem Licht von Chanukka“ („Ner Chanukka“). Hätten wir in einer Epoche gelebt, in der die Kohanim (Priester) hellenisiert sind, das Bejt Hamikdasch (Tempel) entweiht ist und wir ohne Führer und ohne Öl dastehen - das wäre sicher ein Grund zum Verzweifeln gewesen. Was können wir da tun? Was können wir gegen korrupte Hohepriester schon unternehmen?

Doch im Gegenteil: Die Geschichte des Chanukka-Wunders spricht von Personen, die nicht tatenlos zuschauten, von Menschen, die sich weigerten, den Dingen ihren vorgegebenen Lauf zu lassen. Sie standen auf und handelten. Sie ergriffen den Stier bei den Hörnern und handelten – genau wie Leah bei der Begebenheit mit den „Blumen von Re’uwen“ handelte.

Rav Chajim von Woloschin bringt einen aufschlussreichen P’schat zu einer Mischna in Sotah [49b]. Die Mischna zählt all die Dinge auf, welche am Ende der Zeiten eintreten werden – während den Tagen von „Ikweta di’Meschicha“ (den „Fussstapfen von Maschiach“). Die Mischna sagt u.a., dass Unverschämtheit (Chuzpe) überhand nehmen wird; das Geld wird wertlos, die Regierung wird ketzerisch, Zurechtweisung wird verunmöglicht, das Wissen der Gelehrten wird verpönt, jene, welche Sündhaftigkeit meiden, werden verschmäht, die Jugend wird ältere Leute beschämen, das Gesicht der Generation wird dem Gesicht eines Hundes ähneln, usw., usw. Schliesslich endet die Mischna mit den Worten: „Und auf wen können wir uns verlassen, auf unseren Vater im Himmel“.

Der einfache P’schat in dieser Mischna ist folgender: „All dies wird geschehen und uns bleibt nur, uns auf unseren Vater im Himmel zu verlassen“. Rav Chajim von Woloschin erklärt dies auf eine andere Art. Er sagt, dass der Schlusssatz „Wir können uns auf niemand anders als auf unseren Vater im Himmel verlassen“ stellvertretend für die Probleme ist,

welche in den Zeiten der ‚Fussstapfen von Maschiach’ vorherrschen. Die Haltung „Nebbich, man kann nichts tun“, ist eines der Probleme in dieser Zeit, gleich wie das Vorherrschen von Frechheit und Respektlosigkeit, welche die Mischna vorher erwähnt.

Die Leute werden sagen „Was kann ich schon tun; ich bin nur ein Einzelner; das ist „baschert“; wir müssen uns auf G’tt verlassen“. Nach der Meinung von Rav Chajim von Woloschin ist dies eine Erscheinungsart dieses Problems. Wir müssen aus der Geschichte mit den „Blumen von Re’uwen“ und von dem „Licht von Chanukka“ lernen, dass wir handeln müssen, ohne darauf zu achten, wie gross unsere Erfolgsaussichten sind. Nur wenn jemand untätig ist und sich scheut, sich der Herausforderung zu stellen, ist die Lage wirklich hoffnungslos.

Quellen und Persönlichkeiten:
 

  • Midrasch Rabba (der grosse Midrasch): Grosse Sammlung von Erklärungen und Aggadot zum Chumasch der Tana’im (Mischnagelehrten) und Amora’im (Talmudgelehrten).
  • Midrasch Peli’a: eine Sammlung von rätselhaften Midraschim.
  • Raschi (1040-1105) [Rabbi Schlomo ben Jizchak]; Troyes (Frankreich) und Worms (Deutschland); „Vater aller TENACH- und Talmudkommentare“.
  • Rav Chajim von Woloschin (1749-1821): Berühmter Schüler des Wilnaer Gaon, Gründer der Jeschiwa von Woloschyn; Litauen (heute Weissrussland).
  • Rav Re’uwen Hakohen Katz: (1880-1963) Rosch Jeschiwas Lomza und Rav von Petach Tikva, Israel. Verfasser von Duda’ej Re’uwen, Degel Re’uwen und weiteren Werken.

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