Tewet 
/Paraschat Wajechi/


Rav Frand zu Paraschat Wajischlach 5779 (Beitrag 1)

Die Sonne geht auch wieder auf

Nachdem Ja‘akow mit Ejsaw’s (Esau‘s) Engel gekämpft hatte, steht in der Torah [Bereschit 32:32]: „Wajisrach lo Haschemesch - Die Sonne ging ihm (Ja‘akow) auf...“ Der Talmud in Chulin [91b] erzählt uns wie Rabban Gamliel, Rabbi Jischma‘el und Rabbi Akiwa dabei waren, Fleisch für die Hochzeit von Rabban Gamliels Sohn einzukaufen. Dabei erkundigte sich Rabbi Akiwa über die Bedeutung des obigen Verses: „Ging denn die Sonne nur für Ja’akow auf? – Sie schien doch für jedermann?!“ Auf dies antwortete Rabbi Jizchak: „Die Sonne, die für ihn untergegangen war, ging für ihn wieder auf.“ Bei seiner Reise nach Charan steht in der vorwöchigen Parascha [Bereschit 28:11]: Er traf auf den Ort (Berge Morijah) und übernachtete dort, weil die Sonne (vorzeitig) untergegangen war…

Was bedeutet die Frage des Talmuds und dessen Antwort und warum erachtete es die Gemara (Talmud) als notwendig, uns die Umstände zu erzählen, unter denen diese Diskussion stattfand?

Der Menachem Zion bringt eine wunderschöne Erklärung. An anderen Stellen des Talmudes wird viel über das Verhältnis zwischen Rabbi Akiwa und seinen Gefährten berichtet. Eine berühmte Begebenheit befindet sich am Ende des Traktates Makot [24b] – und solche Geschichten stehen öfters in der Gemara.

Rabbi Akiwa erlebte die Zerstörung des zweiten Tempels und lebte nachher in der Zeit der Vertreibung nach der Zerstörung. Es war eine schrecklich bedrückende Zeit, eine der schlimmsten Perioden der jüdischen Geschichte. Die unterdrückten Juden waren verzweifelt und oft auch ohne einen Funken Hoffnung.

Immer war es Rabbi Akiwa, der seine Gefährten aufzuheitern versuchte und ihnen Hoffnung zusprach. Im Traktat Makot [24b] lesen wir von dem Vorfall, wie die Weisen einen Fuchs aus dem Ort des verwüsteten Allerheiligsten des Tempels schlüpfen sahen. Die Weisen weinten bis Rabbi Akiwa sie tröstete. Er erklärte ihnen, dass er dies als gutes Zeichen verstand. (Wenn die Prophezeiung, dass Füchse an diesem Ort herumstreunen werden, in Erfüllung gegangen war, so wird auch die Prophezeiung der Erlösung in Erfüllung gehen.)

Zu der Zeit als die römische Regierung die Juden zu unterdrücken begann, so sagt der Talmud [Baba Batra 60b], hätten die Weisen eigentlich eine Verordnung erlassen sollen, dass die Menschen besser nicht heiraten und Kinder haben sollten; vielleicht wäre es besser, dass die Kinder Awraham‘s von selbst aussterben, als diese schrecklichen Verfolgungen zu erleiden. Schlussendlich entscheidet die Gemara jedoch, dass diese Handlungsweise nicht richtig wäre; klar ist jedoch, dass die Gefühle in dieser Zeitperiode an Hoffnungslosigkeit grenzten.

Rabbi Akiwa war mit seinen Freunden unterwegs, um Fleisch für die Hochzeit von Rabban Gamliels Sohn zu kaufen. Rabban Gamliel überlegte: "Was tue ich da? Ich bin dabei, meinen Sohn zu verheiraten. Wozu denn? Ich werde dereinst Grosskinder haben, die von den Römern getötet werden?!"

Rabbi Akiwa sah, dass Rabban Gamliel der Verzweiflung nahe war. Er freute sich überhaupt nicht über die Hochzeit seines Sohnes. Rabbi Akiwa wollte seinen Gefährten Leben und Fröhlichkeit einhauchen. Deshalb kam er auf das Prinzip von „Ma'asse Awot Siman leBanim“ zu sprechen, das bedeutet, dass alles was den Vätern widerfuhr, ein Vorzeichen für das ist, was den Nachkommen geschehen wird

Schaut, was Ja‘akow in Paraschat Wajeze widerfahren ist. Er war auf dem Tiefpunkt seiner Karriere – er war der Niedrigste der Niedrigen. Ja‘akow musste von zuhause flüchten. Sein Bruder wollte ihn umbringen. Er hatte nichts was er sein Eigen nennen konnte. Hier stand er und die Sonne ging für unseren Vorvater Ja‘akow unter - sowohl in Wirklichkeit als auch im übertragenen Sinne. Die Dunkelheit begann. Ja‘akow bewegt sich in eine Periode der Finsternis hinein und geht ins Exil zu einem Lawan, der ihn nur berauben und betrügen will. Für Ja‘akow war die Sonne untergegangen.

Doch, was geschah? Ja‘akow hielt durch. Er gab nicht auf. Ja‘akow blieb fest und ehrlich. Nach diesem langen Exil kam er zurück - finanziell gesichert, wohlbehalten an Leib und Seele, unbeirrt in seiner Religion. Ja‘akow schaffte es die Nacht hindurch und jetzt ging die Sonne für ihn wieder auf.

Rabbi Akiwa wollte seinen Gefährten sagen: "Gebt nicht auf. Was den Vorvätern widerfahren ist, wird sich bei den Kindern wiederholen. Die Sonne, die für Ja‘akow untergegangen war, ging zum Schluss wieder für ihn auf. Das Exil und die Nacht hatten ein Ende."

Und dies war auch die bisherige Geschichte des jüdischen Volkes. Wir wandern durch die Nacht. Wir erduldeten die römische Unterdrückung, wir machten die Inquisition durch, wir machten Pogrome mit, wir erleideten die Geserot T"ach veT"at (Pogrome des Chmelnyzkyj 1648 - 1649); in neuester Zeit erlitten wir den Holocaust. Aber wir werden aus alledem wieder rauskommen.

Nezach Jisrael lo jischaker (der Ewige Israels lügt nicht) [Samuel I 15:29]. Es wird ein Ende geben. Die Sonne, die zur Zeit der Zerstörung des Tempels für uns unterging, wird eines Tages wieder für uns aufgehen. Und wir - als Nation - werden zurückkehren, körperlich, materiell und geistig wohlbehalten.

Quellen und Persönlichkeiten:

Rabbi Menachem Ben-Zion Sachs (1896-1987), Jerusalem, Miami, Verfasser von Menachem Zion

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Die Bearbeitung der Gedanken dieser Woche erfolgte durch Mitarbeiter des Jüfo-Zentrums in Zürich

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