Raw Jochanan Zweig zu Parschat Bo 5774

 

Die wörtliche Auslegung dieses Verses ist, dass man die Zubereitung der Mazot mit grösster Vorsicht und Eile angehen sollte, weil die kleinste Verspätung dazu führen kann, dass der Teig „Chamez“ (gesäuert) wird - was die Mazot für den Gebrauch am Pessach-Fest ausschliesst. Raschi zitiert eine Interpretation des Midrasch im Namen von Rabbi Joschija, die besagt, dass durch die Umstellung der Vokale, das Wort „Mazot“ zu „Mizwot“ wird - womit der Vers eine Aufforderung an uns darstellt, alle Mizwot mit grösster „Srisut“ (Eifer, Schnelligkeit) auszuüben. Wenn ein Mensch die Möglichkeit hat, eine Mizwa auszuüben, sollte er sie nicht „ansäuern“ lassen, sondern sie sofort umsetzen.

Der Vergleich des Midrasch zwischen dem Backen von Mazot und der Ausübung von Mizwot, beinhaltet folgende Schwierigkeit: Wenn ein Mensch die Mazot ohne die nötige Schnelligkeit zubereitet, macht er sie unbrauchbar. Doch obwohl es nicht die vorzuziehende Art und Weise ist, wie man Mizwot ausübt, führt ihre Verzögerung nicht automatisch zu ihrer Entwertung (oder gar Ausserkraftsetzung). Ausserdem erfordert auch der folgende talmudische Ausspruch [Traktat Sanhedrin 105b] eine Erklärung: „Ein Mensch sollte sich zu jeder Zeit mit Thora und Mizwot beschäftigen - und sei es mit unreiner Absicht (persönliche Interessen), denn durch ihre Ausübung wird er sie (automatisch) letzten Endes mit reiner Absicht ausüben.“ Warum stellt die Ausübung einer Mizwa mit unreiner Absicht ein Verdienst dar, wohingegen die Ausübung einer Mizwa mit reiner Absicht - aber mit zu wenig Eifer und Schnelligkeit - mit wertlosem Chamez verglichen wird?

Wenn eine Frau ihr Kind losschickt, um ein paar Lebensmittel einzukaufen, dann geht das Kind aus einem Gefühl heraus, es seiner Mutter schuldig zu sein (d.h. aus Verpflichtung). Wenn das Kind zurückkehrt und seine Mutter ihm mitteilt, dass noch etwas aus der Einkaufsliste fehlt, dann wird das Kind ein weiteres Mal zum Laden gehen - wenn auch widerwillig. Wenn sich dieses Szenario aber wiederholt, dann wird der Widerwille des Kindes mit jedem Mal ansteigen, an dem es schon wieder gebeten wird, zum Laden zurückzulaufen – bis das Kind an den Punkt angelangt, wo es die Anweisung seiner Mutter ablehnt. Das Kind mag seinen Widerwillen sogar dadurch zum Ausdruck bringen, dass es respektlos zu seiner Mutter spricht. Es wäre besser von Seiten der Mutter gewesen, wenn sie ihr Kind erst gar nicht um den Gefallen gebeten hätte - denn was als ein Akt des Respekts begann, hat sich zu Respektlosigkeit hochgeschaukelt. Doch wenn die Mutter ihrem Kind einen finanziellen Anreiz geboten hätte, dann würde es die Aufgabe mit Freude ausführen.

Die Erklärung dafür ist wie folgt: Je länger ein Mensch eine Aufgabe mit Ablehnung ausführt, umso mehr wird sein Widerwille ansteigen. Er wird einen Punkt von derartiger Ablehnung erreichen, dass er es verabscheuen wird, die Aufgabe zu erfüllen. Doch Anreize werden seine Abneigung mildern - und er wird möglicherweise sogar Freude daran entwickeln, die Aufgabe auszuführen. Der Rambam (Maimonides) lehrt, dass wir Anreize schaffen sollten, um unsere Kinder zur Ausübung von Mizwot zu bringen - etwa mit Süssigkeiten, sodass sie mit der Handlung etwas Positives verbinden. Die Erfahrung zeigt, dass wenn man seine Kinder dazu zwingt, zur Synagoge zu gehen - und es dadurch im Bewusstsein der Kinder zu negativen Konnotationen kommt (bishin zum Kontrollverlust über die Kinder) - dann werden sie aufhören, hinzugehen. Wenn sie jedoch die Erfahrung als eine positive ansehen - und sei es auch aus falschen Gründen - dann stehen die Chancen gut, dass sie weitermachen werden. Hoffentlich werden sie dann aufwachsen und lernen, die Synagoge (wie auch alle anderen Mizwot) aus sachgerechten, angemessenen Gründen zu lieben.

Ein Mensch mag die richtigen Intentionen bei der Ausübung einer Mizwa haben, doch wenn er sie auf eine lasche, nachlässige Weise ausführt, dann zeigt er damit, dass er es mit Widerwillen tut. Die Abneigung kann bis zu dem Punkt anwachsen, an dem er die Ausübung der Mizwa sogar verabscheut. Aus diesem Grund bezeichnen unsere Weisen die Ausübung einer Mizwa ohne Eifer als Chamez. Auf der anderen Seite, wenn ein Mensch eine Mizwa mit Enthusiasmus ausübt, dann kann er sie lieben lernen - selbst wenn sein Enthusiasmus durch Belohnungen und Anreize hervorgerufen wurde. Aus diesem Grund ermutigen unsere Weisen ein solches Verhalten.

Doppeltes Unheil

„Gehe zu Pharao, denn ich habe verstockt sein Herz…“ [10:1]

Die Parascha der letzten Woche enthält sieben der zehn Plagen, die über Ägypten verhängt wurden. Parschat Bo berichtet von den übrigen drei. Weshalb sind die Plagen über zwei Wochenabschnitte aufgeteilt? Die Einleitung zu den drei Plagen in diesem Wochenabschnitt enthält die Anweisung G-ttes an Mosche, vor Pharao zu erscheinen, sowie die Verpflichtung, unseren Kindern von den Wundern zu erzählen, die G-tt für uns vollbracht hat. Beide dieser Botschaften beziehen sich auf alle zehn Plagen. Warum werden sie an dieser Verbindungsstelle der beiden Wochenabschnitte dokumentiert?

Den Kindern Israels wurde befohlen, das Blut des Lammes an den Pfosten und Oberbalken ihrer Türen anzubringen. Das Verdienst der Erfüllung dieses Gebotes würde sie vor jeglichem Leid beschützen, das mit der Plage der Erstgeborenen zusammenhing. Darüber hinaus heisst es im Vers, dass G-tt zum Zeitpunkt dieser Plage die jüdischen Häuser überspringen (hebr. passach) wird. Raschi kommentiert, dass das Wort „passach“ sich auch als „Erbarmen haben, verschonen“ übersetzen lässt. Alle vorhergehenden Plagen trafen nur die Ägypter, und es war kein besonderer Schutz notwendig gewesen. Warum erforderte die Plage der Erstgeborenen ein neues Verdienst der Kinder Israels und ein zusätzliches Mass an Schutz?

Raschi zitiert einen Midrasch, wonach die zehn Plagen einem wohlkalkulierten Schlachtplan folgten. Wenn eine angreifende Armee den Feind zur Kapitulation bringen will, beginnt sie damit, dem Feind die Wasserversorgung abzuschneiden. Wenn der Feind sich weigert, aufzugeben, wird psychologische Kriegsführung angewandt, um ihn in die Knie zu zwingen. Genauso tat es auch G-tt, der zuerst die Wasserversorgung der Ägypter attackierte. Ihre Weigerung zu kapitulieren, brachte die Frösche über die Ägypter, die fürchterliche Laute von sich gaben und dem gesamten Volk Angst einflössten. Der Midrasch hat aber noch eine zweite Erklärung für die Motivation G-ttes hinter den zehn Plagen: Die Plagen, die Pharao überkamen, richteten sich an alle Elemente, die er benutzte, um die Kinder Israels zu versklaven. Die Plagen waren eine konzertierte Strafaktion gegen die ägyptische Versklavungsmaschinerie. Was aus diesen beiden Midraschim hervorgeht, ist das Verständnis, dass die Plagen einem dualen Zweck dienten: Sie wurden angewandt, um Pharao dem Willen G-ttes zu unterwerfen, und sie wirkten sich als Strafe aus, die gegen die Ägypter gerichtet war, weil sie die Kinder G-ttes versklavt hatten.

Obwohl Pharao bereits nach der siebten Plage kapituliert hatte, als er verkündete, „Haschem ist der Gerechte, und ich und mein Volk sind die Bösen“, wurde Mosche darüber informiert, dass Haschem Pharaos Entschlossenheit noch gestärkt hatte, die Kinder Israels nicht freizulassen. Es wird nun offensichtlich, dass die Plagen noch eine zweite Absicht verfolgten - denn selbst nachdem Pharao den Forderungen G-ttes zugestimmt hatte, setzten sich die Plagen fort. Hiermit erfüllte sich G-ttes Versprechen an Awraham: „Doch auch das Volk, dem sie dienen sollen, werde ich richten.“

Die Strafe ist nicht vollständig, bis alle zehn Plagen ausgeteilt sind. Die Abgrenzung der Wochenabschnitte repräsentiert die zwei Dimensionen der Plagen. Während der Fokus der ersten sieben darauf abzielt, Pharao zu unterwerfen, und die übrigen drei zur völligen Bestrafung dienen, ist dies also die angemessene Abgrenzung zur Aufteilung der Wochenabschnitte.

Als der Hintergrund der Plagen darin bestand, Pharao zu unterwerfen, benötigten die Kinder Israels keine eigenen Verdienste zu ihrem Schutz. Doch als die Plagen rein bestrafender Natur waren - und das Attribut der Gerichtsbarkeit (hebr. Midat Ha’Din) in den Vordergrund rückte, gerieten auch die Kinder Israels ins Visier einer genauen Überprüfung und benötigten ihr eigenes Verdienst, um Bestrafung abzuwenden. Mosche, der sich dessen bewusst war, ging nur widerwillig und zögernd nach der siebten Plage zu Pharao. Daher wurde es notwendig, dass Haschem gegenüber Mosche die Anweisung erteilte, Pharao zu informieren, dass die Plagen weitergehen würden. Das Attribut der Gerichtsbarkeit manifestierte sich selbst in der Plage der Dunkelheit. Raschi zitiert den Midrasch, der besagt, dass achtzig Prozent der Kinder Israels unter dem Schleier der Dunkelheit starben, damit die Ägypter ihre Bestrafung nicht mitansehen würden.

Die Botschaft, die wir unseren Kindern weitergeben, ist, dass ausser dass Haschem gegen die Ägypter Wunder vollbracht hat, um sie zu unterwerfen und uns zu befreien, Er sie auch dafür bestraft hat, dass sie uns versklavt haben.

 

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