Die Bedürftigen tun mehr für die Reichen als umgekehrt (Raw Frand Mischpatim 5782 - Beitrag 1)

Rav Frand zu Paraschat Mischpatim 5782 – Beitrag 1
Bearbeitet und ergänzt: S. Weinmann
Die Bedürftigen tun mehr für die Reichen als umgekehrt
Der Passuk in der Parascha dieser Woche sagt: „Im Kessef talweh et Ami…“ - Wenn du meinem Volk, einem Armen, der bei dir wohnt, Geld leihst, verhalte dich ihm gegenüber nicht wie ein Schuldherr; ihr sollt ihm keine Zinsen auferlegen.“ [Schemot 22:24] Trotz der Tatsache, dass die Tora das Wort „Im“ verwendet (was in der Regel „wenn“ bedeutet, d.h. freiwillig), bedeutet das Wort in diesem Fall – wie Raschi zur Stelle erklärt - „sobald“. Es ist eine grosse Mizwa, anderen Juden Geld zu leihen. Wir müssen diese Mizwa durchführen, ohne als Schuldherr aufzutreten und ohne Zinsen zu berechnen.
Der Midrasch Rabba [31:5] weist darauf hin, dass hier ein grundlegender Unterschied zwischen Menschen und dem Allmächtigen angedeutet wird. Der Midrasch zitiert einen Passuk (Vers) in Mischlej/Sprüche [19:7]: „Alle Brüder eines Armen hassen ihn …“ Es liegt in der Natur der Menschen, dass sie, wenn sie arme Verwandte haben, ihnen kein Darlehen geben wollen. Der reiche Manager distanziert sich gerne von seinen „armen Vettern“. Der erfolgreiche Cousin zuckt jedes Mal zusammen, wenn sein verarmter Verwandter ihn begrüsst, als hätte er Angst, dass Armut ansteckend sei, oder aus Angst, dass dieser Gruss ihn „teuer“ zu stehen kommt. Laut dem Midrasch ist dies die Natur von „Fleisch und Blut“. Der Allmächtige ist jedoch nicht so, wie geschrieben steht: „Reichtum und Ehre kommen von Dir und Du herrschst über alles – in Deiner Hand liegen Macht und Stärke und es liegt in Deiner Hand, jeden gross und stark zu machen.“ [Diwrej Hajamim I 29:12]. Alles Reichtum der Welt gehört ihm und doch hat Er einen besonderen Platz in Seinem Herzen für die Armen. Aus diesem Grund - schliesst der Midrasch - betont die Thora: „Wenn du MEINEM VOLK Geld leihst.“
Der üblichere biblische Stil ist zu sagen: „Wenn du deinem Bruder (Achicha) Geld leihst“ oder „deinem Freund (Re’acha)“. Bemerkenswert ist der Ausdruck „MEINEM VOLK“. Es weist auf G-ttes Nähe und Fürsorge für sein Volk hin, und besonders wenn es arm ist.
Der Midrasch zitiert dann einen Passuk in Tehillim/Psalm [61:8] und interpretiert ihn homiletisch: David HaMelech (König David) kommt vor den Allmächtigen und fragt sozusagen: „Warum, G'tt, bist Du kein Sozialist? Warum hast du eine Welt geschaffen, in der es sowohl reiche als auch arme Menschen gibt? Warum gibt es keine gleichmässige Verteilung des Reichtums“ („Jeschev Olam lifnej Elokim“)? Der Allmächtige antwortet (basierend auf der Fortsetzung des Verses): „Wenn ich dies tun würde, wer würde dann Barmherzigkeit und Wahrheit praktizieren? (Chessed weEmes man jinzeruhu?)“
Laut dem Midrasch deutet dieser Passuk auf den berühmten Dialog zwischen dem boshaften Turnus Rufus und Rabbi Akiwa hin: Turnus Rufus fragte Rabbi Akiwa: „Wenn euer G'tt die Armen liebt, warum versorgt Er sie dann nicht mit ihrem Lebensunterhalt?“ Rabbi Akiwa antwortete: „Damit wir durch sie vor der Strafe des Gehinoms (Hölle) gerettet werden“ [Baba Batra 10a].
Der Zweck von G'tt, Armut in dieser Welt zuzulassen, besteht darin, dass die Menschen die Gelegenheit haben, Wohltätigkeit auszuüben, Akte der Nächstenliebe und Barmherzigkeit gegenüber den Unglücklichen. Die Menschen sollten erkennen, dass, wenn sie wohlhabender und erfolgreicher sind als andere, es daran liegt, dass der Allmächtige ihnen deshalb zusätzliche Ressourcen gegeben hat, damit sie mit ihrem Geld Wohltätigkeit ausüben sollen.
„Rabbi Jehoschua lehrte: Mehr als der Reiche für den Armen tut, tut der Arme für den Reichen.“ [Midrasch Rabba Wayikra 34:8] G'tt hat die Armut geschaffen, weil Er will, dass die Menschen lernen, wie man anderen gibt. Die Welt wurde für Chessed (Güte) erschaffen. Dies ist so lebenswichtig und so wesentlich, dass, um dies zu erreichen, Menschen mit vielen ernsthaften Bedürfnissen und Notlagen geschaffen werden, damit andere die Möglichkeit haben, diese Bedürfnisse zu erkennen und zu erfüllen, und sie mit dem grösstmöglichen Einsatz aus der Not zu befreien.
Quellen und Persönlichkeiten:
Midrasch Rabba (der grosse Midrasch): Grosse Sammlung von Erklärungen und Aggadot zum Chumasch der Tanna’im (Mischnagelehrten) und Amora’im (Talmudgelehrten).
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Die Bearbeitung dieses Beitrages erfolgte durch Mitarbeiter des Jüfo-Zentrums in Zürich
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