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Josef gibt uns eine Lektion in gutem Benehmen (Raw Frand Wajigasch 5781 - Beitrag 2)

Ergänzungen: S. Weinmann

Josef gibt uns eine Lektion in gutem Benehmen

Als Josef sich schliesslich seinen Brüdern zu erkennen gibt, sind sie bestürzt und verängstigt.

Er versucht, sie zu beruhigen, indem er sagt „Und nun, nicht ihr habt mich hierhergeschickt, sondern G’tt; Er hat mich Pharao zum Vater (Berater), Verwalter über sein ganzes Gut und Herrscher über das ganze Land Ägypten gemacht.“ [Berejschit 45:8].

Rav Jerucham Leibowitz zitiert einen interessanten Midrasch Raba zu Paraschat Tezawe [36:2], welcher sich auf diesen Passuk (Vers) bezieht. G’tt übergab dem jüdischen Volk die Mizwa (Gebot), die Menorah (Leuchter) im Bejt Hamikdasch (Tempel) zu entzünden. Der Midrasch tut uns kund: „Es verhält sich nicht so, dass Ich das Licht der Menorah benötige. Schliesslich bin Ich ja das Licht der Welt. Vielmehr befehle ich euch, für Mich zu entzünden als Erinnerung an das Licht (Feuerwolke in der Wüste), mit welchem Ich euch leuchtete. Das wird euch Gelegenheit geben, diese Wohltat zu ‘vergelten'.“

Rav Jerucham sagt, dass wir eine tiefsinnige Lehre für gutes Benehmen aus diesem Midrasch ziehen können. Stellen wir uns vor: Jemand macht seinem Freund einen grossen Gefallen und der Empfänger kommt zu ihm und fragt ihn, wie er das zurückgeben könne. Wie reagiert man auf einfühlsame Weise in einer solchen Situation?

Die meisten Menschen würden sagen, dass die richtige Antwort in dieser Situation ist, das Ganze herunterzuspielen und abzuwinken: „Vergiss es! Sorg’ dich nicht! Du musst es mir nicht vergelten.“ Der Midrasch lehrt uns das Umgekehrte. Die richtige Antwort besteht darin, dem Beschenkten einen Weg zu weisen, wie er seinem Wohltäter (irgendetwas) zurückzahlen kann. Ein Mensch, der für die Gefühle seines Freundes wirklich Verständnis hat, möchte nicht, dass dieser in seiner Schuld steht.

Die Beziehung von Wohltäter und Empfänger wird betrübt, wenn man dem Beschenkten keine Möglichkeit zur Vergeltung gibt. Tief im Herzen drin denkt der Gönner „dieser Kerl schuldet mir immer noch einiges“ und der Adressat denkt sich das auch. Es macht keinen Sinn eine Beziehung auf dieser Basis weiterzuführen. So benimmt sich kein begabter Mensch. Eine Person mit lobenswerten Charakterzügen wird sagen, „Ja, du kannst etwas für mich tun…“

Sogar wenn der Beschenkte keinen bedeutungsvollen und wichtigen Dienst erweist, gibt dies diesem Menschen die Möglichkeit zu fühlen: “Ich habe ihm etwas zurückgegeben“, sodass der Empfänger nicht durchs Leben geht und fortwährend denken muss: „Ich stehe in seiner Schuld. Ich stehe in seiner Schuld. Ich stehe in seiner Schuld.“

G’tt lehrt uns dies, indem Er Klall Israel um einen „Gefallen“ bittet – für Ihn ein Licht im Tempel anzuzünden. In der Wüste hätten wir keine fünf Schritte machen können ohne G’ttes Licht. G’tt braucht unser Licht nicht. Dennoch gab Er uns in Seiner Güte die Möglichkeit, uns „erkenntlich zu erweisen“.

Der Rosch hält in seinem Werk „Orchot Chajim le’ha’Rosch“ [6. Tag, Paragraph 110] fest, dass dies nicht nur für eine Situation gilt, in der jemand uns einen Gefallen erweist, sondern es gilt auch, wenn jemand uns beleidigt. Zu diesem Fall bemerkt er: „Betrachte es nicht als Sünde, wenn die Person sich bei dir entschuldigen möchte, ob es eine gute Entschuldigung ist oder nicht.“

Die Situation, von der der Rosch spricht, ist folgende: Re’uwen verletzt Schim’on tief. Zwei Wochen später kommt Re’uwen zu Schimon und sagt „Weißt du, ich habe erkannt, dass ich mich dir gegenüber schrecklich verhalten habe. Ich möchte mich erklären.“

Wieder: Wie reagieren wir in so einer Situation? „Vergiss es. Ich verzichte auf deine Erklärungen. Ich brauche deine Erklärungen nicht anzuhören. Es ist vorbei – vergiss es!“ Der Rosch erklärt, dass dieses Verhalten keine lobenswerte Midda (Charaktereigenschaft) an den Tag legt. Schim’on weigert sich, die Erklärung anzuhören, weil er will, dass Re’uwen leidet. Er weiss, dass Re’uwen sich von nun an, jedes Mal, wenn er ihn sieht, mies fühlen wird. Falls Schim’on nicht willens ist, die Erklärung anzuhören, begründet er die zukünftige Beziehung auf einem Gefühl von „Ich schulde ich ihm etwas“ auf Re’uwens Seite.

Der Rosch sagt deshalb, dass man es nicht als weitere Sünde ansehen soll, wenn jemand gegen einen fehlt und dann kommt, um sich zu erklären. Im Gegenteil: Lass ihn ausreden. Höre seiner Entschuldigung zu – ob es eine gute Entschuldigung ist oder nicht. Sogar wenn seine Entschuldigung völlig absurd ist, lass ihn sie trotzdem vorbringen. Lass ihm das Gefühl der Genugtuung, dass er nun erlöst ist, als ob er seine Schuld wirklich abgetragen hätte. Ein solches Verhalten zeugt von vorbildlichen Charaktereigenschaften. Jemand der seinen Nachbarn ‚laufen lässt’, sogar wenn er es nicht verdient so leicht wegzukommen, ist in höchstem Masse lobenswert.

Rav Jerucham findet in Josefs Antwort zu seinen Brüdern ein Beispiel für diese Haltung. Stelle dir vor, wie die zehn Brüder sich fühlten. Sie hatten Josef gepackt und wollten ihn töten. Schliesslich verkauften sie ihn als Sklaven. Ihr Verhalten gegenüber ihm war fast unentschuldbar. Was sollen sie ihm jetzt nur sagen? Was für eine Entschuldigung können sie unter diesen Umständen nur vorbringen?

Josef sagt ihnen: „Ihr habt nicht gegen mich gesündigt. Es hat sich alles zum Guten gewendet. Dies alles war Teil von G’ttes Plan. Ihr wart nur Spielfiguren, Marionetten in der Hand des Marionettenspielers.“ Josef versuchte, seine Brüder von ihrer unsäglichen Schuldenlast zu befreien. Dies zeigt die überragende Qualität der Middot von Josef haZaddik (dem Gerechten).

Quellen und Persönlichkeiten:

Midrasch Rabba (der grosse Midrasch): Grosse Sammlung von Erklärungen und Aggadot zum Chumasch der Tanna’im (Mischnagelehrten) und Amora’im (Talmudgelehrten).

Rav Jerucham Leibowitz (1874 - 1936): Einflussreicher Denker, Maschgiach (Leiter und geistiger Ratgeber) der Jeschiwa in Mir, Litauen.

Rosch (ca. 1250 – 1327) [Rabbi Ascher ben Jechiel]: Jüdischer Rechtsgelehrter, einer der bedeutendsten Rischonim; Worms (Deutschland) und Toledo (Spanien). Eines seiner Werke ist das Buch „Orchot Chajim“, ein Sefer Mussar (Buch über Verhaltensweisen, Moralregeln, Schulung des Charakters), mit ganz kurzen Mussar-Sprüchen, geteilt in sieben Teile, für jeden Wochentag ein Teil.

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Die Bearbeitung dieses Beitrages erfolgte durch Mitarbeiter des Jüfo-Zentrums in Zürich

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