Heilige Menschen werden nicht straucheln, unkoscheres Fleisch zu essen (Rav Frand Mischpatim 5782 - Beitrag 2)

Rav Frand zu Paraschat Mischpatim 5782 – Beitrag 2
Bearbeitet und ergänzt: S. Weinmann
Heilige Menschen werden nicht straucheln, unkoscheres Fleisch zu essen
Der Passuk (Vers) in der Parascha dieser Woche sagt: „Heilige Menschen sollt ihr mir sein; Fleisch eines auf dem Feld zerrissenen Tieres sollt ihr nicht essen; den Hunden sollt ihr es vorwerfen. [Schemot 22:30] Aus diesem Passuk lernen wir das biblische Verbot, „Bassar terejfa - trejfenes Fleisch“ zu essen. Die Thora stellt diesem Verbot jedoch den Spruch - „Und ihr sollt mir ‚Anschej Kodesch‘ (heilige Menschen) sein“ - vor.
Wir können sehr viel vom Rambam (Maimonides) lernen, wenn wir zusätzlich zum Inhalt der Gesetze, die Platzierung und Kategorisierung der verschiedenen Gesetze in seinem halachischen Kompendium „Mischne Tora/Jad HaChasaka“ studieren. Einer der 14 Bände des „Jad HaChasaka“ ist „Sefer Keduscha / Das Buch der Heiligkeit“. Sefer Keduscha enthält sowohl die Gesetze der verbotenen sexuellen Beziehungen als auch die Gesetze der verbotenen Speisen. „Heiligkeit“ bedeutet, sich zu enthalten. Heilig bedeutet nicht unbedingt, sich den ganzen Tag in einen Tallit zu hüllen und mit Menschen nichts zu tun zu haben. Es bedeutet vielmehr die Macht, über die eigenen Instinkte und Begierden zu herrschen. Das ganze Konzept der verbotenen Speisen ist eine Manifestation von Keduscha. Die Tora stellt jedoch nicht jeder Erwähnung von verbotenen Speisen oder unerlaubter Beziehungen einen Ausdruck der Heiligkeit voran, wie wir ihn hier finden – „Ihr sollt heilige Menschen sein“.
Der Pardes Josef zitiert einen faszinierenden Sohar. Gemäss dem Sohar stellen die Worte „seid heilige Menschen“ kein Vorwort zum Rest des Verses dar, im Sinne von „seid heilige Menschen und isst daher keine trejfene (nicht-koschere) Nahrung“. Der Sohar interpretiert es so: „Wenn du ein heiliger Mensch sein wirst, so wirst du niemals mit etwas Verbotenem in Kontakt kommen.“
Der Talmud [Traktat Chullin 5b] sagt: „G-tt hütet die Gerechten von Missgeschicken“ Das bedeutet, dass eine Person, die sich auf einem hohen spirituellen Niveau befindet, niemals versehentlich nicht-koschere Speisen essen wird. Die Gemara (Talmud ibid. 7a-b) erzählt in diesem Zusammenhang, dass der Zaddik (Gerechte) Rabbi Pinchas ben Ja’ir so heilig war, dass nicht nur er selbst nie etwas Nicht-Koscheres zu sich nehmen konnte, sondern sogar sein Esel sich weigerte, Früchte zu verzehren, die nicht ordnungsgemäss verzehnt worden waren!
Rabbi Mordechai Kamenetzky erzählt die folgende wahre Geschichte, die er mit dem von Pardess Josef zitierten Sohar in Verbindung bringt:
Ein Jeschiwa-Student flog von einem Besuch zu Hause in die Jeschiwa zurück. Um den Flug nicht zu verpassen, musste er das Frühstück auslassen, wusste aber, dass er eine koschere Mahlzeit bestellt hatte, um nicht den ganzen Tag fasten zu müssen. Neben ihm sass ein Nichtjude aus dem Süden, der nichts vom Judentum wusste.
Der Südstaatler geriet mit dem Jeschiwa-Studenten in eine lange Diskussion über Religion. Endlich kam das Essen – ein koscheres Fleisch-Sandwich. Der Jeschiwa-Student war ausgehungert. Er packte das Essen aus, erinnerte sich aber daran, dass er sich noch nicht die Hände gewaschen hatte. Er liess das Sandwich auf seinem Platz, ging in die Toilette im hinteren Teil des Flugzeugs, um sich zu waschen, und kehrte alsdann zu seinem Platz zurück, um sein Sandwich zu verzehren. Er wollte gerade seinen ersten Bissen in sein Sandwich nehmen, als ihm die Halacha von „Bassar schenitalem min ha'Ajin“ (Fleisch, bei dem man den Augenkontakt verlor) einfiel. Es ist nämlich verboten, Fleisch, das unbeaufsichtigt liegen gelassen wurde, zu essen, da man nicht weiss, was damit passiert ist.
Obwohl die Möglichkeit, dass das Fleisch in 11’000 Meter Höhe gegen nicht-koscheres Fleisch ausgetauscht wurde, höchst unwahrscheinlich ist, hat diese Halacha dennoch Gültigkeit. Trotz seines Hungers beschloss er, das Feinkostsandwich nicht zu essen. Da er sich jedoch bereits gewaschen und einen Segen über das Hände-Waschen gemacht hatte, war er besorgt darüber, dass „al Netilat Jadajim“ ein vergeblicher Segen war. Deshalb sagte er die Beracha von Hamozi und nahm nur einen kleinen Bissen von dem Brot, in dem das Fleisch drin war.
Der Südstaatler fragte den Jeschiwa-Studenten: „Warum isst du nicht dein Sandwich? – Du hast mir gesagt, du hättest Hunger!“ Der Jeschiwa-Student, der seinen Reisepartner bereits sehr schockiert hatte durch all das, was er ihm über das Judentum erzählt hatte, sagte: „Du wirst das nicht glauben, aber nach jüdischem Gesetz ist es verboten, Fleisch zu essen, wenn es unbeaufsichtigt gelassen wurde. Wir müssen die weit hergeholte Möglichkeit in Betracht ziehen, dass koscheres Fleisch irgendwie gegen nicht koscheres Fleisch ausgetauscht wurde.“
Der Südländer antwortete prompt: „Ich muss sagen, G-tt wacht über euch Juden. Ich muss dir ein Geständnis ablegen. Mein ganzes Leben lang habe ich von meinen Freunden in New York von „koschere Pastrami“ gehört. Ich sagte mir: „Wann werde ich jemals die Gelegenheit haben, so etwas zu probieren?“. Als du also in der Toilette warst – es ist mir peinlich, dies zuzugeben – habe ich deine Pastrami herausgenommen und es durch ein Stück Fleisch von meinem Sandwich ersetzt. Jetzt weiss ich, dass G-tt dich hütete und dich nicht das unkoschere Fleisch essen liess!“
Genau so interpretiert der Pardes Josef den Passuk in unserer Parascha - gemäss dem Sohar: Ihr sollt mir heilige Menschen sein, DEMZUFOLGE werde ich es nicht zulassen, dass ihr Trejfe-Fleisch isst.
Quellen und Persönlichkeiten:
Pardes Josef von Rav Josef Patzenowski (gest. 1942 im Ghetto von Lodz); Pawianitz (Polen). Sein Werk ist eine Sammlung von klassischen Tora-Kommentaren. Zwischen 1930 und 1937 wurden drei Bänder seines Werkes (auf Bereschit, Schemot und Wajikra) in Piotrków gedruckt. Er starb im Ghetto, bevor er Zeit hatte, seine Manuskripte auf die Bücher Bamidbar und Dewarim dem Druck zu übergeben.
Rabbi Mordechai Kamenetzky (Sohn von Rabbi Benjamin Kamenetzky, ein Sohn von Rabbi Ja’akov Kamenetzky), Rosch Jeschiwa der Jeschiwat Torat Chajim von South Shore Woodmere, New York, USA. Verfasser von einigen Werken, wie zum Chumasch, Haschkafa, etc.
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Die Bearbeitung dieses Beitrages erfolgte durch Mitarbeiter des Jüfo-Zentrums in Zürich
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