Der letzte Jude von Nowy Sacz (Zans)

Der letzte Jude von Nowy Sacz (Zans)

Aus SpiegelOnline
Von Uwe von Seltmann


Von 200 Familienmitgliedern blieb nur er am Leben: Der 89-jährige Jakub Müller ist der letzte Jude im südpolnischen Nowy Sacz (bekannt in der jüdischen Welt als "Zans"). Im Versteck während der Nazi-Zeit hatte er geschworen, das jüdische Erbe seiner Heimatstadt zu pflegen - sollte er überleben. Wer aber tut es nach ihm?

Jakub Müller kümmert sich um den Friedhof in Nowy Sacz

Fünf Tage hatten sich die Soldaten der 2. Gebirgsdivision durch das unwegsame Gelände der südpolnischen Beskiden gekämpft, ehe sie in den Morgenstunden des 6. September 1939 die erste größere Stadt erreichten: das Städtchen Nowy Sacz (Neu Sandez) an der Dunajec, einem Nebenfluss der Weichsel. "Das Stadtbild war typisch polnisch", hielt einer der Besatzer in seinem Tagebuch fest. "An allen Straßenecken standen Juden und sahen mit gemischten Gefühlen unserem Durchmarsch zu. Manche zogen respektvoll den Hut, einige sprachen Prophezeiungen aus 'Israel siegt doch'." Der Gebirgsjäger fand sogar Zeit, sich die Namen an den Geschäften zu notieren: Isak Buchsbaum, Aron Leiber, Israel Fischlib.

Die Soldaten seien von Süden, von der Slowakei, gekommen und dann nach Osten weiter gezogen, erinnert sich Jakub Müller. Der 89-Jährige war einer der Juden, die damals am Straßenrand standen. Der Einmarsch der Deutschen sei eigentlich unspektakulär gewesen, erzählt er. "Keine Kämpfe, kein Bombardement, und die Offiziere haben sogar mit den Leuten geredet." Und fügt seufzend hinzu: "Wenn die Deutschen sich immer so verhalten hätten."

70 Jahre nach dem Überfall Deutschlands auf Polen ist Jakub Müller der letzte und einzige Jude in der 75.000-Einwohner-Stadt. 1939 lebten in Nowy Sacz über 14.000 jüdische Bürger, rund ein Drittel der Bewohner. Während des Krieges waren es zeitweise bis zu 25.000, wie auf einer Gedenktafel an der ehemaligen Synagoge verzeichnet ist: Die Nazis hatten sie aus den umliegenden Dörfern und Städten und sogar aus dem 350 Kilometer entfernten Lodz in die beiden Ghettos eingepfercht.

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Umgeben von Chassidim aus London: Jakub Müller auf dem jüdischen Friedhof in Nowy Sacz

Schüsse auf den eigenen Schwager

In Jakub Müllers Familie spiegelt die jüdische Geschichte der Stadt wider, in der schon im 15. Jahrhundert die ersten Juden urkundlich erwähnt wurden: Sieben Generationen der Müllers waren in Sanz, so der jiddische Name, ansässig. Müllers Vater hatte im Ersten Weltkrieg, als die Stadt zur Habsburger Monarchie gehört hatte, in der k.u.k Armee gekämpft und war als Invalide zurückgekehrt. Rund 200 Mitglieder zählte die weitverzweigte Familie, als die Deutschen kamen - die Shoa überlebt hat nur einer: Jakub Müller.

Wenige Tage nach dem Einmarsch der Wehrmacht habe sich die Lage geändert, erzählt Müller: Mit der Gestapo sei auch die "Gehenna", die Hölle, gekommen. "Wir wussten, was Hitler machen wollte, aber wir konnten es nicht glauben", sagt der Greis. Egal, wie man sich verhalten habe, es sei falsch gewesen. Müller fällt vom Polnischen ins Deutsche: "Komm her, Jude, ich bin nicht dein Kamerad", hätten die Besatzer gerufen, wenn man sie gegrüßt habe. Grüßte man sie nicht, hieß es "Jude, komm her, warum verneigst du dich nicht vor mir?" Prügel habe es auf jeden Fall gegeben.

Doch das war nur der Anfang. Der Terror verschärfte sich weiter, als im Dezember 1939 Heinrich Hamann nach Nowy Sacz kam. Der SS-Obersturmführer und Gestapochef der Stadt ist für Jakub Müller der Inbegriff des Bösen. Hamann errichtete ein Schreckensregiment und ließ 15.000 Juden in das Vernichtungslager Belzec deportieren - darunter Müllers Eltern und seine fünf Geschwister. Hunderte von Juden habe Hamann eigenhändig erschossen, erzählt Müller. Er habe derart gewütet, dass ihm sogar sein eigener Schwager, ebenfalls ein SS-Mann, Einhalt gebieten wollte "Genug der Schweinerei!", habe der gerufen. Müller spricht diesen Satz wieder auf Deutsch. Hamann, berichtet Müller, habe daraufhin seinen Schwager niedergeschossen. Den Mord habe er einem Juden untergeschoben. Er sei froh, sagt Müller, dass er 1966 in Bochum als Zeuge im Prozess gegen Hamann aussagen konnte und so dazu beitrug, dass der SS-Mann zu lebenslänglicher Haft verurteilt wurde.

Überleben von Moos und Waldbeeren

Überlebt hat Jakub Müller die Judenvernichtung auf abenteuerliche Weise. Bis heute bekommt er das Zittern, wenn er an seinem ersten Versteck im damaligen Ghetto vorbeikommt, auch wenn das Haus schon lange nicht mehr existiert. Als das Versteck entdeckt wurde, konnte der damals 22-Jährige in letzter Sekunde fliehen. Naphtali, der Hausbesitzer, und die anderen acht, die sich dort verborgen hielten, wurden ermordet. Müller flüchtete über die Dunajec und schlug sich über zwei Jahre lang in dem unwegsamen Bergen der Westkarpaten durch. "Ich tat alles, um nicht gesehen zu werden", erinnert er sich an diese Schreckenszeit. Er übernachtete unter freiem Himmel, in Ställen und Scheunen, ernährte sich von Beeren, Moos und dem Wenigen, das ihm Waldbauern zusteckten. "Ich habe gute Leute getroffen", sagt er. Dabei weist er auf seine wasserblauen Augen: "Ich habe nicht ausgesehen wie ein Jude."

Fast verhungert kehrte Jakub Müller nach dem Krieg nach Nowy Sacz zurück. "Ich war ein Gerippe", sagt er. Aber der Hunger sei nicht das Schlimmste gewesen, sondern das Gefühl, ganz allein zu sein. Seine Familie und Freunde waren tot, das Elternhaus zerstört, und "für Juden war kein Platz mehr". Er blieb dennoch, denn "mir fehlte die Kraft weiterzuziehen." Vor allem aber hatte Müller, als die Vernichtungsorgie der Nazis an den polnischen Juden tobte, auf der Flucht ein Gelübde abgelegt. Falls er die Nazi-Barbarei überlebe, so versprach er seinem Gott, werde er sich als Dank für seine Rettung um alles kümmern, was an jüdischen Spuren in seiner Heimatstadt noch übrig sei. "Die Zeit ist zu kurz, um zu vergessen", sagt Müller.

Und so kam es, dass Jakub Müller er seit 63 Jahren, seit 1946, für den rund drei Hektar großen jüdischen Friedhof sorgt, der von den Nationalsozialisten erst als Hinrichtungsplatz geschändet und später zerstört wurde, indem sie die Grabsteine für den Bau von Straßen und Mauern stahlen. Es was keine leichte Aufgabe, denn auch nach dem Krieg missbrauchten die neuen kommunistischen Herren Teile des Friedhofs als Viehmarkt. Eigenhändig hat Jakub Müller viele der rund 300 geretteten Grabsteine wieder aufgerichtet, und auch das Ohel (Grabhaus) für den legendären Wunderrabbi Chaim Halbersztam (1793-1876) und dessen Familie hat Müller gebaut - obwohl er sich nicht zu den Anhängern des "Gerechten" zählt.

"Woss is doss for a hois?"

1968 musste Jakob Müller Polen und Nowy Sacz dennoch verlassen. Vor den staatlich verordneten antisemitischen Aktionen emigrierte er mit seiner Frau - einer Polin, die den jüdischen Glauben angenommen hatte - und den beiden Kindern nach Schweden. Der Friedhof in der Ulica Rybacka, der heute im Schatten eines neuen Einkaufszentrums liegt, blieb ihm weiter Herzensanliegen. Seit dem Ende der kommunistischen Herrschaft in Polen Ende der achtziger Jahre kehrt alljährlich in den Sommermonaten nach Nowy Sacz zurück. "Trotz allem: Ich liebe diese Stadt", sagt er.

Es sind vor allem Chassidim, die Müller dann über seinen Friedhof führt - strenggläubige Juden, die zu den Nachfahren oder Anhängern Chaim Halbersztams gehören. Sie kommen aus New York, Budapest oder London und bestürmen Müller, den Wächter der Erinnerung und Hüter des Gedächtnisses, mit Fragen - zumeist auf Jiddisch, Müllers Muttersprache und Verkehrsidiom auf dem Friedhof. Einer deutet auf den Rohbau neben dem Tor: "Woss is doss far a hois?" Müller antwortet bereitwillig, denn das Gebäude ist sein letztes Projekt: Ein Rasthaus, in dem sich die Besucher ausruhen und auch ihre rituellen Reinigungen vornehmen können. Unermüdlich bittet Müller in der ganzen Welt dafür um Spenden, doch ihm fehlen noch umgerechnet rund 45.000 Euro.

Während die Chassidim im Grabhaus beten, bahnt sich Müller den Weg durch kniehohes Gras zu einem Denkmal, das einzigartig ist auf einem jüdischen Friedhof in Polen: Es wurde bereits 1959 für die 2500 polnischen NS-Opfer errichtet, die auf diesem Friedhof erschossen wurden. Doch nicht einmal das Denkmal bringe die Stadtverwaltung dazu, sich endlich auch um den Friedhof zu kümmern, seufzt Müller. Er deutet auf einen Grabstein, dessen Inschrift noch nicht von Wind und Wetter verwittert ist: Hier hat er die letzte Jüdin begraben. Dem jüdischen Beerdingungsritus gemäß "hätten es zehn sein müssen" bei der Beerdigung, seufzt der alte Mann, "aber ich war allein." Und er stellt die Frage, auf die er auch in all seinen einsamen Gebeten im einzig erhaltenen der einst über 30 jüdischen Bethäuser von Nowy Sacz keine Antwort gefunden hat: "Was wird aus dem Friedhof, wenn ich nicht mehr bin?

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