Die grösste Barriere – Die Selbstsucht

Die grösste Barriere – Die Selbstsucht (aus „Die Jüdische Zeitung“ Nr. 34, 15. Elul 5769 / 04. Sept. 2009)

Von J. Rosenblum

Wir sind gewohnt, die Mizwot (Ge- und Verbote) in zwei Kategorien aufzuteilen, eine, die mit der Beziehung zu unsern Mitmenschen, und die andere, die mit unserer Beziehung zu G’tt zu tun hat. Der Erfolg in einem Bereich, so wird allgemein vermutet, ist kein Garant für Erfolg im anderen – vielleicht nicht einmal ein Anzeichen für einen Erfolg.

Eine der Aufgaben der Mussarbewegung des 19. Jahrhunderts, die von Rabbi Jisrael Salanter gegründet wurde, war es jedoch, diesen Zwiespalt abzubauen. Die grossen Persönlichkeiten der Mussarbewegung sahen die zwei Bereiche als eng miteinander verbunden an.

Deshalb hing jedes Jahre im Elul in der Talmud Thora (Lehrhaus) von Kelm ein gelber Zettel. Darauf war die Botschaft aufgezeichnet, die der „Alte von Kelm“, ein enger Schüler Rabbi Jisrael Salanters, seinen Schülern vermitteln wollte, wenn Rosch Haschana sich näherte: „Alle Tefillot von Rosch Haschana haben das Ziel, das Königreich des Himmels zu verherrlichen, und wir, unsererseits, werden aufgerufen, Unseren Herrn als den König der Könige zu krönen. Womit sollen wir ihn krönen? Mit Liebe für andere und mit wohltätigen Handlungen, wie Mosche in seiner Abschiedsbracha sagte: „Es wird einen König in Jeschurun (erhabener Name des Jüdischen Volkes) geben, wenn die Führer des Volkes sich versammeln, zusammen mit den Stämmen Jisraels“.“

Mit anderen Worten: Nur wenn wir vereinigt sind und aus einem Gefühl der Einheit und brüderlichen Liebe handeln, werden wir würdig sein, den König zu krönen. Die Harmonie zwischen Juden, lehrte „der Alte“, ist eine Vorbedingung für wahre Liebe G’ttes.

Und deren Nichtvorhandensein enthüllt, dass die Akzeptanz des Königreichs des Himmels nicht wirklich stattgefunden hat. Wenn die Diener des Königs sich voll Seinem Dienst und Seinen Zielen widmen, kann es keinen Raum für Konflikt unter ihnen geben.

Die Anhänger der Mussarbewegung nahmen die Verbindung zwischen den zwei Arten von Mizwot – derjenigen zwischen Mensch und Mensch und derjenigen zwischen Mensch und G’tt – als wichtige Charaktereigenschaften jedes Menschen wahr.

Typisch für diese Haltung ist Rabbi Elijahu Elieser Desslers Erklärung eines Kommentars von Rabbi Elijahu Devidasch, dem Autor des kabbalistischen Werks „Reschit Chochma“. „Wir werden“, schreibt Rabbi Devidasch, „am Tag des Urteils folgende zwei Fragen gefragt werden: „Hast Du Deinen Schöpfer jeden Morgen und jeden Abend zum König über Dich gemacht? Hast Du Deinen Nachbarn mit Milde zu einem König über Dich gemacht?“

Die Fragen sind nicht unabhängig voneinander, schreibt Rabbi Dessler. Der gleiche Charakterzug – Selbstsucht – ist die grösste Barriere für eine Akzeptanz von G’ttes Souveränität und auch für friedliche Beziehungen zu anderen Menschen. Ein selbstsüchtiger Mensch sieht alles in der Welt als ihm zustehend an, und sein Leben dreht sich darum, so viel wie möglich an sich zu reissen. Seine Eigenliebe drückt sich auf verschiedene Weise aus – auf dem grundsätzlichen physischen Niveau durch die Verfolgung von materiellen Vergnügungen und auf dem geistigen Niveau in der Verfolgung von Ehre.

Die selbstsüchtige, habgierige Person sieht andere Menschen zwangsläufig als Konkurrenten über einen begrenzten Kuchen an materiellen Gütern und Vergnügungen an. Sie ist ihren eigenen Begierden hörig und verliert die Verbindung mit dem Bild des G’ttlichen in sich selbst – dem Bild des Schöpfers, Der die Welt nur schuf, um zu geben – und kann sie deshalb in anderen nicht erkennen.

Weil der Nehmende alles in der Welt als ihm gehörend betrachtet, ist er genauso unfähig, G’tt zu danken, wie anderen Menschen. Wie unseren Weisen sagen: „Wer undankbar ist für das, was andere ihm getan haben, wird mit der Zeit auch für das Gute, das ihm der Heilige, Gelobt sei Er, getan hat, undankbar sein.“

Das Entwurzeln der Eigenliebe war der Schlüssel zur Mussar-Disziplin. In gewisser Weise bedeutete dies das Ausrotten der äusserlichen Anzeichen: der Verfolgung von Vergnügen und Ehre.

Vom Tag an, da er in sich selbst einen Wunsch für ein besonderes Fruchtkompott feststellte, ass der Alte von Kelm diese Speise nie mehr. Auf höherem Niveau bekämpfen Mussargrössen die Eigenliebe, indem sie diese durch Liebe für andere ersetzten. Neue Talmidim (Schülern), die in Kelm eintrafen, wurden immer mit solch überschwänglicher Liebe aufgenommen, dass sie sich fragten, ob derjenige, die sie begrüsste, ein verloren geglaubter Freund sei, dessen Namen sie vergessen hatten.

Um zu einem Gefühl der gegenseitigen Verantwortung und gegenseitigen Abhängigkeit zu ermutigen, gab es in der Talmud Thora keine Angestellten. Jede Aufgabe wurde von den Talmidim selbst ausgeführt. Je einfacher die Arbeiten waren, desto gesuchter waren sie, wobei die einfachsten Aufgaben an die besten Talmidim gingen.

Die Interdependenz im physischen Bereich wurde im geistigen Bereich kopiert. Die Talmidim waren in kleine Gruppen aufgeteilt, die sich regelmässig trafen, um den gegenseitigen geistigen Fortschritt zu bekräftigen. Mitglieder nahmen gemeinsame geistige Aufgaben auf sich. Typische Vorhaben konnten bedeuten, „jeden Tag Zeit damit zu verbringen, über die Stärken des anderen aus der Sicht eines Menschen nachzudenken, der an ihren guten Eigenschaften Freude hat“, oder „keinen einzigen Tag vorbeigehen zu lassen, ohne etwas Gutes für jemand anderen zu tun, ob direkt oder durch Geld oder Worte“.

Lernen, sich mit anderen zu identifizieren, war ein zentraler Teil der Mussar-Bewegung. Als der Alte von Kelm einst an Ketten gefesselte Sträflinge sah, die an Strassenarbeiten in der Nähe von Kelm arbeiteten, war er unfähig, auf dieser Strasse weiterzugehen.

Seine Aufforderung an seine Familie am Sterbelager war, daran zu denken, seine Kleider zu waschen, bevor sie den Armen übergeben würden.

Eine Verbindung zu anderen, insbesondere eine organische Gemeinschaft, ist gemäss dem Mussargedanken eines der Gegengifte für die Selbstsucht, die an der Wurzel jeder negativen Charaktereigenschaft steht. Deshalb erhebt ein Mensch in dem Mass, wie er beginnt, „wir“ anstatt „ich“ zu denken, zwangsläufig sein geistiges Niveau.

Aus diesem Grund, lehrt uns Rabbi Jisrael Salanter, ist einer der Schlüssel für ein erfolgreiches Urteil am Rosch Haschana eine Verpflichtung gegenüber und eine Identifizierung mit der Gemeinschaft von Juden.

Mögen wir alle diesen Elul Erfolg haben, unsere Selbstsucht zu überwinden und so zu tieferen Beziehungen zu G’tt und unsern Mitmenschen fähig zu werden.


Quellen und Persönlichkeiten:

Der "Alte von Kelm", Rabbi Simcha Sissel Ziv, 1824 – 1898, Rosch Jeschiwa in Kelm, einer der Hauptschüler von Rabbi Jisrael Salanter, dem Gründer der Mussarbewegung (Schulung des Charakters).

Jüdisches Leben in Zürich

jewish-zuerich

Jüdisches Leben in Zürich

Koschere Hotels

hotelinberge

Koschere Hotels