Fragen zum Stichwort "PURIM"

Zwei Fragen zum Stichwort "PURIM"

1. Frage: Warum verkleidet man sich am Purim?

Antwort

Als Ausdruck der Freude. Denn eine Exuberanz an Freude gehört zur Tagesordnung - Freude, als Zeichen Anerkennung und Dankbarkeit, dass HaSchem uns von Haman rettete.

Das Purim-Geschehen steht an einem Knotenpunkt der jüdischen Geschichte. Mit der Zerstörung des 1. Tempels endete die Epoche der Prophetie und "Nissim" (offene Wunder), in denen die Waltung G"ttes offen erkennbar war. Purim gilt als letztes "Ness", war aber nicht mehr ein "offenes" Wunder. HaSchem scheint wie "hinter einer Maske" zu handeln.

Eine neue Epoche fängt an - HaSchem waltet [fast] nur noch durch "Nissim nistarim" (versteckte Wunder). Und wir erinnern uns mit unseren Masken daran, dass es JEMAND gibt, der hinter der Maske steht.

2. Frage: Und wie ist es mit dem Judentum zu vereinbaren, dass, nachdem das jüdische Volk gerettet wurde, es an seinen Feinden Rache nahm, indem es durch die Straßen zog und alle tötete und umbrachte?

Antwort

Die Frage beinhaltet drei Aussagen:

  1. Die Juden nahmen an ihren Feinden Rache, indem sie durch die Straßen zogen und alle töteten - gemeint sind die Ereignisse damals am 13. und 14. Adar.
  2. Die Rettung des jüdischen Volk geschah schon vorher.
  3. Das Verhalten der Juden damals war verwerflich - "wie ist es mit dem Judentum zu vereinbaren, dass..."

 

Eine genaue Untersuchung der Megilat Esther zeigt, dass der Sachverhalt anders war:

  • Das persische Reich von damals umfasste die ganze "zivilisierte" Welt - 127 Länder von Indien über Iran, Irak, die Türkei, den nahen Osten bis Äthiopien. Haman hatte am 13. Nissan (13.1.) ein Dekret im Namen des Königs erlassen und an alle der 127 Reichsländer versandt. Dieses Dekret stand der "Endlösung" des dritten Reiches in nichts nach. An einem Tag, dem 13. Adar (13.12.) sollte man alle Juden, jung und alt, Männer, Kinder und Frauen ohne Ausnahme "vernichten, töten und loswerden" und ihr Vermögen plündern. (Kap. III 12-13)
  • Der Inhalt der Briefe war nicht jedermann zugänglich - im offenen Teil stand nur "dass man auf den 13. Adar vorbereitet sei" (Vers 14). Dass Haman seinen satanischen Plan an nur einem Tag mit geheimen Briefen durchzuführen gedachte, zeigt die grosse Zahl, Stärke und Organisationsfähigkeit seiner Gefolgsleute!
  • Obwohl es möglich ist, dass der König nicht über Hamans Absichten informiert war - Haman hatte mit ihm nur über das "Loswerden" der Juden gesprochen (Kap. III, 9), - was auch nur im Sinne einer kulturellen und religiösen Assimilation verstanden werden kann (Erklärung des Malbim) - erteilte er jedenfalls Haman eine blinde Vollmacht in der Lösung der Judenfrage (Vers 10 und 11).
  • Dass der König ein Judenfreund war oder dass Menschenrechte ihn bekümmerten, scheint mehr als fragwürdig zu sein. Ergo konnten sich die Juden keine grossen Hoffnungen bezüglich königlicher Intervention machen.
  • Nach persischem Gesetz konnten königliche Erlasse nicht mehr rückgängig gemacht werden. Nach Esthers offenem Bekenntnis zum Judentum, Hamans Hinrichtung und Mordechais Aufstieg, "sprach Esther vor dem König und weinte und warf sich vor seine Füsse nieder und flehte", dass Achaschwerosch explizit das Genozid-Dekret Hamans rückgängig mache. Der König wollte oder konnte nicht gegen das Gesetz vorgehen und wies Esthers Bitte ab - das Vernichtungsdekret Hamans gegen die Juden bleibt in voller Kraft!
  • Alles, was Esther erreichen konnte, war, dass sie und Mordechai nach eigenem Gutdünken einen königlichen Erlass über die Juden herausgeben durften. (Kap. VIII 3- 8)


Der Machtaufstieg Mordechais und Esthers war noch keine Rettung - es eröffnete sich nur die Möglichkeit einer organisierten Selbstwehr.

Was war der Inhalt von Mordechais und Esthers Erlass?

"Dass der König den Juden in jeder Stadt das Recht gegeben hatte, sich zu versammeln und zu verteidigen; jede völkische und nationale Wehrmacht, die sie bedrängt, zu vernichten, töten und loszuwerden mit Frauen und Kindern und ihr Vermögen zu plündern." (Kap VIII, 11- 13)

Der Wortlaut war fast gleich wie in Hamans Erlass - mit umgekehrten Vorzeichen. Wäre er weniger blutrünstig gewesen, so hätte dies zu einer Schwächung der Position der Juden in den Augen der lokalen Behörden im Verhältnis zu ihren Feinden geführt. Dies hätte fatale Folgen haben können (Malbim)

Die Situation der Juden blieb äusserst gefährlich. Hamans Dekret, dass Juden Freiwild und auszurotten sind, hat noch Gültigkeit. Ihre starken Feinde wissen, dass die Juden jetzt das Recht besitzen, sie zu töten. Die Juden sind nun nicht mehr nur Hassobjekt, sie sind auch gefährliche Feinde geworden. Deshalb hat Hamans gut organisierte Gefolgschaft überhaupt nichts zu verlieren und nur zu gewinnen, wenn sie ihr Bestes tun, den von Haman beabsichtigten Genozid durchzuführen.

Ein Bürgerkrieg war unvermeidlich!

Wie ist es ausgegangen? (siehe Kap. IX und Malbim dazu)

  • Am 13. Adar versammelten sich die in den Städten wohnenden Juden, um Hand anzulegen an "diejenigen, welche ihnen Übles suchen" - "suchen" im Präsens - ihre aktiven Kontrahenten.
  • Die nicht beteiligte Bevölkerung in den Städten bleibt neutral, die Beamten - aus Furcht vor Mordechai - ändern ihr Verhalten gegenüber den Juden. Die Juden werden mit Ehre überhäuft.
  • Die Juden töten im Kampf (Makat Cherew), lassen gerichtlich hinrichten (Hereg) und werden ihre offenen Feinde (Ojewehem) los (Awadon).
  • "Sonejhem", ihre passiven Feinde, (die nicht offen als Feinde auftreten), lassen sie entmachten etc. - diese werden aber nicht getötet.
  • Es kommt keine Plünderung vor! Die Juden lassen das Vermögen ihrer Feinde unangetastet!
  • In der Hauptstadt Schuschan kommen von den Feinden 500 Mann plus die zehn Söhne Hamans, die hohe Würdenträger waren, um. Esther erbittet eine Verlängerung des Ausnahmezustands um einem Tag, und dass man die Söhne Hamans öffentlich aufhänge. Die Erhebung gegen die Juden wird gebrochen - noch 300 Gegner kommen um. Danach herrscht Ruhe.
  • Auf dem Land und in den Dörfern hatten die Juden keine Hilfe von den Beamten. Sie mussten sich zur Selbstwehr versammeln. Überall brachen Kämpfe aus, und sie kämpften gegen ihre Feinde, bis Ruhe herrschte. In die Feindseligkeiten wurden auch sonst passive Feinde der Juden mithineingezogen und getötet (Vers. 16 und Malbim). Die Anzahl Tote in den 127 Reichsländern betrug 75'000, was einen Durchschnitt von ca. 600/Land ergibt. Nichts wird geplündert!


Es kann also überhaupt keine Rede von durch die Juden inszenierten Pogromen nach ihrer Rettung sein!
Ihre Rettung entstand durch einen "Verteidigungskrieg". War das Verhalten der Juden damals verwerflich?
Ich glaube, so verwerflich wie der Warschauer Ghetto-Aufstand! Denn die Torah gibt jedem das Recht auf Selbstverteidigung.

Woraus bestand das "Purim-Wunder"?

  • dass Esther und Mordechai auf eine so unwahrscheinliche Art und Weise zur Macht kamen
  • dass "Adolf" Haman alle Gunst verlor und hingerichtet wurde
  • dass sein Komplott aufflog und die Juden ein Selbstverteidigungsrecht erhielten
  • dass der Verlauf des Krieges für die Juden unglimpflich verlief.
  • und wäre es nicht Achaschweroschs Erlass nach der Hinrichtung von Waschti gewesen (Ende Kap. I), wäre Haman erfolgreich gewesen (Talmud)


Der Inhalt dieses Erlasses liess Achaschwerosch als Meschuggenen erscheinen. Als Hamans "Endlösungs"-Erlass im Namen des Königs ankam, hatten die Beamten und die allgemeine Bevölkerung ihre Mühe damit - vielleicht ist dies wieder ein Dekret eines Meschuggenen. Als dann ein zweiter Gegenerlass ankam, waren sie in ihrem Verdacht "bestätigt" und blieben inaktiv gegen die Juden.

Die Purim-Wunder kann man aber erst richtig verstehen, wenn man auch die "Background Story" und "Timing" miteinbezieht.
In der Megila, die ein offizielles persisches Staatsdokument war, wird überhaupt nichts Religiöses erwähnt. Nicht einmal der Name G"ttes kommt vor! Im Talmud wird diese Informationslücke geschlossen.

Die Frage, die man sich stellen sollte, ist:

Was brachte eigentlich dieses schreckliche Aufflammen von Antisemitismus?

Im Talmud (Megila 12a) werden zwei Gründe als Ursache erwähnt:

  • ein Vorwurf wegen Assimilation an die Staatsreligion - schon zur Zeit des babylonischen Königs Newuchadnezar nahmen sie an offiziellen Zeremonien teil ("Sie bückten sich vor den nationalen Götzen").
  • und eine zu grosse soziale Annäherung ("sie nahmen an den Festen Achaschweroschs teil"), die wiederum die Gefahr der religiösen Assimilatation mit sich brachte.


Im Kapitel IV Vers 3 und 16 wird die Teschuwa (Umkehr) der Juden kurz erwähnt. Im Talmud steht, dass Achaschwerosch das erreichte, was alle Propheten in der Zeit des 1. Tempels nicht erreichen konnten:

Das ganze Volk kehrte zu HaSchem (G"tt) zurück.

Der darauf folgende plötzliche Aufschwung ihres Glücks, nachdem sie Teschuwa (Umkehr) getan hatten, war vielleicht das grösste "Wunder" [= Zeichen von G"ttes Waltung].

Nach ihrer Errettung kam es zu einer Renaissance von Torah-Lernen. Das Gefühl von Dankbarkeit brachte viele Juden zurück zum Wesentlichen.


Alle Rechte vorbehalten. "JuWel" Copyright © 1997 by Verein Ahawat Torah, Zürich

Jüdisches Leben in Zürich

jewish-zuerich

Jüdisches Leben in Zürich

Koschere Hotels

hotelinberge

Koschere Hotels