Raw Frand zu Pessach: Die Vier Söhne - Wie gehen wir auf dieses Kind zu?

Die Vier Söhne - Wie gehen wir auf dieses Kind zu?

„Ueber vier Söhne redet die Torah: Ein Kluger, ein Böser, ein Einfältiger und einer, der nicht zu fragen weiss.“ [Pessach-Haggadah]

„Und du sollst deinem Kind an diesem Tag erzählen …“ [Schemot 13:8]

Wieso werden hier nur vier Arten von Kindern erwähnt? Gibt es nicht mehr als diese vier? Bilden „klug“ und „böse“ einen Gegensatz? Ist der Einfältige denn das Gegenstück zu demjenigen, der nicht zu fragen weiss? Welcher Sinn steckt hier dahinter?

Gerade eben haben wir die aufrüttelnde Tatsache vernommen, dass wir Sklaven in Ägypten gewesen waren und Haschem, unser G’tt, uns mit starker Hand und ausgestrecktem Arm herausgeführt hat.

Darauf gibt es grundsätzlich nur vier Arten von Reaktionen. Stellen wir uns vor, jemand beträte ein Kaffeehaus und behauptete, Napoleon zu sein. Betrachten wir einmal die Reaktionen. Ein Anwesender käme sogleich mit gezücktem Notizblock und löcherte den Mann mit einer Vielzahl von Fragen. Er wäre hocherfreut, aus erster Hand Informationen für seinen Aufsatz über die französische Geschichte zu erhalten.

Ein anderer wäre davon unweigerlich abgestossen. Er würde nach dem Ausgang Ausschau halten, weil er meinte, dieser Mann sei ein Verrückter, der soeben aus der Irrenanstalt entwichen sei. Aus welchem anderen Grund wäre es sonst möglich, dass ein erwachsener Mensch im 21. Jahrhundert eine so absurde Behauptung aufstellte?

Ein Dritter würde vielleicht ein wenig näher rücken, sich wundern, die beiden gegensätzlichen Reaktionen bemerken und sich überhaupt  fragen: „Wer ist Napoleon? Etwa der Erfinder eines Gebäcks?“

Ein Vierter sässe in einer Ecke, mit sich selbst beschäftigt, würde hie und da einen Blick zu dem Tumult hinüberwerfen und sich dann wieder auf seine vorherige Tätigkeit konzentrieren. Wenn man ihn nach seiner Meinung fragte, würde er mit den Schultern zucken, als ob er sagen wollte: „Was kümmert es mich, wer dieser Kerl ist? Habe ich nicht meine eigenen Sorgen? Soll er doch sein, wer er sein will! Dies ist mir einerlei!“

Diese vier Haltungen lassen sich genau in zwei Gruppen einteilen. Es gibt zwei Antwortmöglichkeiten von denjenigen, die über genügend Wissen verfügen und zwei für diejenigen, für die das nicht gilt.

Der Kluge verfügt bereits über grosses Wissen, sein Appetit dafür wird am Seder noch mehr angeregt und er will immer mehr lernen. Dieser Wissensdurst muss gestillt werden.

Der Böse wird vom Gedanken verfolgt, dass er den Erkenntnissen, die er besitzt, nicht nachlebt. Sein Gewissen lässt ihm keine Ruhe. Seine Existenzangst wird vom Pessachseder nur noch geschürt und deshalb spürt er die Notwendigkeit, alles zu verwerfen. Man sagt ihm daraufhin, dass er ja gehen kann. Er wird es nie schaffen, G’ttes Plan, Seinen Seder, zu vereiteln; auf dem Spiel steht nur seine eigene Rolle darin. So springt man mit dem bösen Sohn um.

Der Einfältige weiss nicht, worum es geht, aber er ist bereit, einige Risiken einzugehen, um zu schauen, ob wirklich etwas hinter all dem steckt; auch wenn das erworbene Wissen die Gefahr in sich birgt, dass er zusätzliche Verpflichtungen eingehen müsste. Er sollte in den Seder einbezogen werden und für seinen Mut und seine Neugier bewundert werden.

Der Sohn, der nicht zu fragen weiss, ist von der Furcht gelähmt, dass er die Nase aus seiner bekannten Umgebung hinausstrecken muss oder dass er einfach als einfältig betrachtet wird. Deshalb ahmt er den Vogel Strauss nach und geniesst den kurzlebigen Vorteil des Unwissenden. An ihn muss man herantreten und ihn spüren lassen, dass es nichts ausmacht, wenn man etwas nicht weiss, dass es jedoch richtiger ist, etwas Wissenswertes kennenzulernen als unwissend zu bleiben!

Der Maharal fragt, wieso das Wort „ein“ vor dem Namen jedes dieser Kinder erscheint. Er antwortet, dass es sich im Grunde um ein und denselben Menschen handelt. Wir tragen diese Elemente alle in uns.


Quellen und Persönlichkeiten:
Rabbi Jehuda Loeb von Prag (1525 - 1609) [Maharal]: Rabbiner, Denker und Schriftsteller.


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