Torah – Baum des Lebens

Torah – Baum des Lebens

Raw Lam zu Schawuot 5766

 

Rav Bana’a pflegte zu sagen: „Wer in reiner Absicht Torah lernt, dessen Torah wird zur Lebensquelle, so wie es steht: „Ein Baum des Lebens ist sie für diejenigen, die sich an sie klammern…“ [Sprüche 3:18]. Für jemanden jedoch, welcher aus anderen Gründen Torah lernt, wirkt sie wie tödliches Gift…“ [Traktat Ta’anit 7a]


Andererseits: „Ein Mensch soll sich auch mit anderen als reinen Absichten mit Torah und Mizwot beschäftigen, weil er mit der Zeit von der falschen zur reinen Absicht gelangt.“ [Traktat Pessachim 50b]

Wie bringen wir diese beiden gegensätzlichen Aussagen in Einklang? Einerseits ist es gefährlich, sich mit falscher Absicht dem Studium der Torah zu widmen, andererseits ist es anscheinend doch sinnvoll? Ist es jetzt immer oder nie gut, sich aus falscher Motivation mit Torah zu beschäftigen? Tossafot weist auf einen Unterschied hin, welcher uns hilft, diesen Widerspruch zu klären.

Es kommt auf die Natur der falschen Motivation an. Wenn der Mensch mittels einer Belohnung zum Lernen ermutigt wird, wie zum Beispiel einer Süssigkeit, mit der Aussicht auf einen passenden Ehepartner oder auch zur Stillung seines Geltungsbedürfnisses, so ist dies gut und schön. Soll denn der Mensch warten, bis er vollkommen ist, um mit dem Torah-Lernen oder der Beachtung der Mizvot anzufangen? Dieser Tag kommt vielleicht nie.

Wir benötigen alle dauernden Ansporn, um neue Verhaltensregeln zu lernen und zu festigen. Nach einer gewissen Zeit ist dann das Gefühl etwas erreicht zu haben der schönste Lohn. Nach einer Weile kann der Mensch vom gewöhnlichen Anreiz zur erhabeneren Motivation gelangen. Wenn ein Mensch jedoch die Weisheit der Torah mit der Absicht erwirbt, über mehr Argumente bei Auseinandersetzungen zu verfügen  um damit die Diskussionspartner   niederzudrücken, so ist dies möglicherweise Gift.

Vor vielen Jahren gab ich eine Lektion in einem Gefängnis. Wir lernten die Gesetze über passendes Verhalten in der Synagoge. An einer bestimmten Stelle kamen wir zur Aussage der Weisen im Talmud Berachot [8a]: „Jemand, der nicht in die Synagoge kommt, wird ein schlechter Nachbar genannt.“

Als ich aufschaute und die Gesichter der Teilnehmer sah, bemerkte ich sofort, dass etwas nicht stimmte. Eine gewisse Unruhe war spürbar. Einige Leute tauschten Blicke aus und schienen sich in etwas einig zu sein. Ich wusste, dass ich sie unabsichtlich gereizt hatte und musste nun die aufgebrachten Gemüter besänftigen.

Ich erinnerte sie, dass sie vorher gelernt hatten, dass die Torah „ein Baum des Lebens“ oder eben auch „ein tödliches Gift“ sein kann. Wann wirkt sie wie ein gesundes Heilmittel? Wenn wir sie zur eigenen Besserung benützen. Was wir gerade gelernt haben, dass jemand, der die Synagoge nicht besucht, ein schlechter Nachbar genannt wird, soll uns veranlassen, unser eigenes Verhalten unter die Lupe zu nehmen, wenn wir uns im Bett wälzen und uns fragen, ob wir heute beim Minjan erscheinen sollen oder nicht. Niemand von uns möchte in die Rolle des bösen Nachbarn fallen; deshalb schälen wir uns halt aus den Federn.

Wenn wir jedoch beurteilen sollen, warum Moischi, Aron oder Sruli es morgens nicht zum Gebet schaffen, dann gilt eine andere Regel: „Beurteile jeden Menschen nach der günstigen Seite [Sprüche der Väter 1:6]. Er hat gute Gründe, warum er nicht kommt. Wir müssen darüber nicht im Bilde sein. Er ist müde. Er ist niedergedrückt. Er ist mit einer wichtigen Angelegenheit beschäftigt. Was auch immer!

Was wir hier lernen, soll unser eigenes Verhalten ändern. Wenn wir es so angehen und so anwenden, dann ist es eine lebensspendende Kraft. Wenn wir jedoch die Lehre, die wir vernommen haben, als Waffe gegenüber anderen verwenden, um uns als Gerechte zu empfinden oder sie gebrauchen, andere Menschen zu unterdrücken und uns dadurch besser zu fühlen, so ist sie ein schreckliches Gebräu.

Ein Vortragsreisender gelangte einmal in eine bestimmte Stadt und wurde vom ortsansässigen Rabbiner gewarnt: „Diese Leute sind schwer anzugehen, sogar mit  einer wunderbar vorbereiteten Rede. Sie sind „jenemitische Juden“!“ Der Gastredner verbesserte ihn: „Sie meinen jemenitische Juden! Hat das etwa damit zu tun?“ „Nein“, erklärte der Rabbiner, „JENEMitisch. (In Jiddisch bedeutet JENEM „andere“) Worüber Sie auch sprechen, sie fühlen sich nicht betroffen; das geht nur die anderen etwas an.“

Der Redner verstand, was er zu tun hatte. Er hielt einen feurigen und deutlichen Vortrag zum Thema, dass jedermann selbst Verantwortung wahrnehmen muss und nicht mit dem Finger auf die anderen zeigen soll. Als er fertig gesprochen hatte, wurde er von einer Gruppe von Zuhörern umringt. Sie sagten ihm: „Das war eine der besten Reden, die wir je gehört haben und jener Mensch dort, er hat es wirklich sehr nötig gehabt, dies zu hören!“

Die Torah an Schawuot als „Baum des Lebens“ zu empfangen kann sehr einfach sein oder sehr schwer, wenn wir einsehen müssen, dass wir eine Dosis der eigenen Medizin schlucken müssen.


Quellen und Persönlichkeiten:
Ba’ale Tossafot („Tossafisten“): Talmuderklärer des 12. und 13. Jahrhunderts.


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