Rabbiner Samson Raphael Hirsch

Rabbiner Samson Raphael Hirsch

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Rabbiner Samson (ben) Raphael Hirsch (20. Juni 1808 – 31. Dezember 1888 / 25. Siwan 5568 - 27. Tewet 5649) war der intellektuelle Gründer der Haschkafa (Philosophie) „Torah im Derech Erez" (Torah mit weltlicher Beschäftigung verbunden) des Orthodoxen Judentums, manchmal Neo-Orthodoxie (moderne Orthodoxie) genannt. Seine Philosophie, zusammen mit derer von Rabbiner Esriel Hildesheimer, hatte einen grossen Einfluss au f die Entwicklung des Orthodoxen Judentums in Deutschland im 19. Jahrhundert.


Frühe Jahre und Erziehung

Rabbiner Hirsch wurde in Hamburg, Deutschland geboren. Sein Vater Raphael, der seinen Familiennamen Frankfurter zu Hirsch abgeändert hatte, obwohl ein Kaufmann in seinem Beruf, verbrachte viel Zeit mit dem Torah-Studium. Sein Grossvater, Mendel Frankfurter, war der Gründer der Talmud Torah (Jüdische Religionsschule) in Hamburg und nicht-bezahlter Hilfsrabbiner der benachbarten Gemeinde Altona. Sein Grossonkel, Löb Frankfurter, war der Verfasser mehrerer Werke, unter anderem ein Torah-Kommentar namens „Harechasim le-Bik'ah". Rabbiner Hirsch war ein Schüler des Chacham Jizchak Bernays, und die biblische und talmudische Ausbildung, die er erhielt, zusammen mit dem Einfluss seines Lehrers, führte ihn zum Entschluss, kein Kaufmann zu werden, so wie es sich seine Eltern wünschten, sondern eine Rabbinerlaufbahn zu wählen. Um diesen Plan zu realisieren, studierte er Talmud von 1823 bis 1829 in Mannheim unter Rabbiner Jakob Ettlinger. Dann ging er für kurze Zeit an die Universität von Bonn, wo er gemeinsam mit seinem späteren Gegner, dem späteren Leiter der Reformbewegung, Abraham Geiger, studierte.


Oldenburg

Im Jahre 1830 wurde Samson Raphael Hirsch zum Landesrabbiner von Oldenburg gewählt. Während dieser Zeit schrieb er das Werk „Die Neunzehn Briefe über das Judentum", welches unter dem Pseudonym „Ben Usiel" in Altona im Jahr 1836 erschien. Dieses Werk hinterliess einen tiefen Eindruck in den deutsch-jüdischen Kreisen, weil es neuartig war – eine brillante, intellektuelle Präsentation des Orthodoxen Judentums im klassischen Deutsch und eine unerschrockene, unnachgiebige Verteidigung aller seiner Einrichtungen und Gesetze.

Heinrich Graetz war von den Neunzehn Briefen so beeindruckt, dass er 1837 nach Oldenburg zu Besuch kam und drei Jahre bei Hirsch verbrachte, um seine jüdische Erziehung zu vervollständigen. Später widmete er sein Buch „Gnostizismus und Judentum" (1846) dem „unvergesslichen Lehrer" Hirsch.

Im Jahr 1838 brachte Rabbiner Hirsch, als einen notwendigen Begleiter seiner Briefe, den „Choreb", oder „Versuche über Jissroels Pflichten in der Zerstreuung" heraus, welches ein Textbuch über das Judentum für die gebildete jüdische Jugend ist. Eigentlich schrieb er Choreb zuerst, aber seine Herausgeber bezweifelten, dass ein Werk, welches das traditionelle Judentum verteidigte, sich zu jener Zeit gut verkaufen würde, in der die von ihm kritisierte Reform dermassen beliebt war.

Im Jahr 1839 veröffentlichte er den Aufsatz „Erste Mitteilungen aus Naftalis Briefwechsel", der sich gegen Samuel Holdheim und andere Befürworter der Reformen im Judentum richteten, und 1844 legte er „Zweite Mitteilungen aus einem Briefwechsel über die Neuste Jüdische Literatur" nach, womit er ebenfalls die Reformbewegung scharf attackierte.


Emden

1841 zog Rabbiner Hirsch nach Emden, da er dort als Rabbiner der jüdischen Gemeinde Aurich und als zweiter Landesrabbiner des Landesrabbinates Emden gewählt wurde. Während seiner fünfjährigen Tätigkeit in Emden war er sehr mit kommunaler Arbeit beschäftigt und hatte daher wenig Zeit zum Schreiben. Er gründete eine Sekundarschule mit einem Lehrplan für Jüdische Studien sowie auch profane Fächer. Zum ersten Mal wandte er somit sein Prinzip „Torah im Derech Erez" in der Praxis an.

Im Jahre 1843, bewarb sich Rabbiner Hirsch für den Posten als Oberrabbiner des Britischen Königreichs. Von 13 Mitbewerbern, die meisten aus Deutschland, wurde er zu den vier Favoriten neben Nathan Marcus Adler, Hirsch Hirschfeld und Benjamin Hirsch Auerbach gezählt. Adler bekam den Posten am 1. Dezember 1844. Mit 135 Gemeinden, die je eine Stimme hatten, erhielt Adler 121 Stimmen, Hirschfeld 12 und Hirsch 2.


Nikolsburg

Im Jahre 1846 wurde Rabbiner Hirsch nach Nikolsburg als Lan desrabbiner von Mähren berufen, und 1847 wurde er auch Oberrabbiner von Moravia und dem österreichischen Schlesien. In Mähren und Österreich verbrachte er fünf Jahre mit der Reorganisation der jüdischen Gemeinden und der Lehre vieler Schüler. Er war auch, in seiner offiziellen Position als Oberrabbiner, Mitglied des mährischen Landtags, wo er für mehr Zivilrechte für die Juden in Mähren kämpfte. 
In Nikolsburg beteiligte sich Rabbiner Hirsch während der Märzrevolution von 1848 tatkräftig am Kampf für die Emanzipation der österreichischen und mährischen Juden. Nach der Revolution wurde er einstimmig zum Vorsitzenden des Ausschusses für bürgerliche und politische Rechte der Juden in Mähren gewählt. In Nikolsburg entwarf er auch eine Verfassung für eine zentrale, jüdische Behörde für ganz Mähren.

In Mähren hatte Rabbiner Hirsch eine schwere Zeit, zumal er einerseits viel Kritik von den Reformern erntete und andererseits von traditionellen Orthodoxen angegriffen wurde, die einige seiner Reformen zu radikal fanden.


Frankfurt am Main

1851 erhielt Hirsch die Berufung als Rabbiner der orthodoxen Israelitischen Religions-Gesellschaft in Frankfurt am Main. Diese Gruppe, auch unter dem Namen IRG bekannt, trennte sich als „Austrittsgemeinde" von der sowohl die Liberalen als auch die Orthodoxen umfassenden „Einheitsgemeinde". Dieses Amt übte er 37 Jahre bis zu seinem Tode aus. Unter seiner Leitung wurde sie zu einer grossen Gemeinde von rund 500 Familien.

Sein erzieherisches Ideal bezog Hirsch aus den Sprüchen der Väter, mit dem Zitat von Rabban Gamliel, Sohn des Rabbi Jehuda Hanassi [Pirkej Awot 2:2]: Schön ist das Studium der Tora zusammen mit „Derech Erez", d.h. Torah gemeinsam mit durch weltliche Studien erlernter irdischer Beschäftigung. Der ideale Jude, der Jissroel-Mensch, ein von ihm geprägter Begriff, war seiner Meinung nach „ein aufgeklärter Jude, welcher alle Ge- und Verbote beachtet". Dieses Ideal suchte Hirsch in den drei von ihm gegründeten Schulen zu verwirklichen: einer Primarschule, einer Sekundarschule und einer Mittelschule für Mädchen. Hier wurden neben den jüdischen Fächern auch beispielsweise Deutsch, Mathematik und Geografie unterrichtet.

Dieser Plan einer erweiterten Schulbildung brachte Hirsch in Konflikt mit dem orthodoxen Rabbiner Seligmann Bär Bamberger, war aber auch eine Reaktion auf die von Vertretern der Reformbewegung geleitete Schule Philanthropin in Frankfurt. Die an der Philanthropin im 19. Jahrhundert tätigen Lehrer vertraten eine religiö se Reformbewegung, die die Ritualgesetze nicht mehr als bindend betrachtete und die weit über Frankfurt hinaus wirkte. Es gelang ihnen 1844, den liberalen Rabbiner Leopold Stein zu engagieren, worauf der Oberrabbiner Trier sein Amt niederlegte. Dies führte zur Gründung der orthodoxen Israelitischen Religions-Gesellschaft, die mit finanzieller Hilfe der Familie Rothschild eine eigene Synagoge und Schule erbaute. Sie entstanden 1851 auf dem Grundstück einer Steinmetzwerkstatt Ecke Rechneigrabenstraße/Schützenstraße. In diesem Jahr wurde auch S. R. Hirsch als Rabbiner dieser neuen Gemeinde berufen.

Rabbiner S.R. Hirsch war somit der Begründer der Neo-Orthodoxie, die auch Frankfurter Orthodoxie genannt wird und vom britischen Oberrabbiner Nathan Marcus Adler und dessen Sohn Hermann Adler im England des 19. Jahrhunderts eingeführt wurde. 

Die simultane Existenz in zwei Welt-Räumen, in einer sakral durchdrungenen und einer profanen Welt, erlaubte den Anhängern der Neo-Orthodoxie, neben der Einhaltung aller Gebote, sich auch mit allgemeinen profanen Fächern zu befassen. Dabei mussten sie nicht fürchten, sich dem Glauben zu entfremden.

Rabbiner Hirsch gründete und editierte ebenfalls das monatliche Magazin „Jeschurun" (1855-70, neue Serien, 1882 ff.). Die meisten Seiten von Jeschurun wurden von ihm selbst verfasst.

1854 veröffentlichte Hirsch die Schrift „Die Religion im Bunde mit dem Fortschritt", in der er das Argument der Reformbewegung bestritt, wonach die Verbindung von traditionellem Judentum und einer weltlichen Erziehung unmöglich sei. Er selbst erkannte das Bedürfnis einer äußerlichen Anpassung des Judentums an die Bedürfnisse der Zeit an, widersetzte sich jedoch einem grundsätzlichen Wandel jüdischer Glaubensgrundsätze oder Änderungen bezüglich der Einhaltung der jüdischen Gesetze. Nach seiner Ansicht brauchte nicht das Judentum eine Reform, sondern gewissermassen die Juden selbst, um in der damaligen Umwelt als gesetzestreue Juden bestehen zu können. Die Juden benötigten keinen „Fortschritt" (das Schlagwort der Reformer), sondern „Erhöhung".

Samson Raphael Hirsch führte einige Änderungen in der Liturgie ein, wie zum Beispiel einen Männerchor unter der Leitung eines professionellen Dirigenten, die Teilnahme der Gemeinde an den Gesängen, und zweimal monatlich eine Predigt in der „nationalen Kultursprache" Deutsch. Gleichzeitig verteidigte er jedoch die hebräische Sprache als einzig angemessene Sprache für das Gebet und den Unterricht in jüdischen Fächern. Hätten unsere Vorfahren, so argumentierte er, ihre Gebete in der Sprache der umliegenden Völker geschrieben, wären sie uns jetzt unverständlich; so war für ihn die hebräische Sprache ein wichtiges Verbindungsglied unter den Juden in der Diaspora. Obwohl er zugab, dass die mittelalterlichen Pijutim nur schwer verständlich und dem modernen Geist fremd waren, schien es ihm nicht angebracht, sie aus dem Gebetbuch zu entfernen.


Der Konflikt um das Austritts-Gesetz

Im Jahre 1876 brachte Edward Lasker (ein jüdischer Parlamentarier im Preussischen Landtag) ein „Austrittsgesetz" ein, welches Juden erlaubte, sich von einer religiösen Gemeinde zu trennen, ohne ihren religiösen Status zu ändern. Das Gesetz trat am 28. Juli 1876 in Kraft. Infolge dieses neuen Gesetzes kam der Konflikt auf, ob nach jüdischem Gesetz ein „Austritt" wünschenswert sei. Rabbiner Hirsch war der Ansicht, dass dies notwendig sei, obwohl es ein Erscheinen vor Gericht implizierte und öffentlich die Missbilligung der Reform-dominierten Grossgemeinde propagierte. Sein Zeitgenosse, Raw Jizchak Dov Bamberger, Rabbiner von Würzburg, argumentierte, dass solange die Grossgemeinde rituelle Ordnungen in der Synagoge nicht wesentlich abändere, soweit es von den Orthodoxen akzeptiert werden könne, ein Austritt nicht nötig sei.


Letzte Jahre

Während der letzten Jahre seines Lebens, brachte Hirsch all seine Mühe für die Gründung der „Freien Vereinigung für die Interessen des Orthodoxen Judentums" auf, ein Verein von unabhängigen Jüdischen Gemeinden. Rund 30 Jahre nach seinem Tod wurde diese Organisation als Model für die Gründung der internationalen orthodoxen „Agudat Jisrael"-Bewegung genutzt. Rabbiner Hirsch, der  gegen den politischen Zionismus eintrat, offenbarte unabhängig davon eine grosse Liebe für Erez Jisrael, welche auch wiederholt aus seinen Schriften hervorgeht.

Wie aus den Erzählungen seiner Familie hervorgeht, erkrankte Hirsch während seiner Amtszeit in Emden an Malaria, die ihn bis zum Ende seines Lebens mit fieberhaften Episoden plagte.

Rabbiner Samson Rafael Hirsch starb 1888 in Frankfurt am Main und wurde dort beerdigt.


Der Retter des deutschen Judentums

S.R. Hirschs Bedeutung als religiöser und geistiger Führer sowie sein weit reichender Einfluss als Prediger und Lehrer, Organisator und Schriftsteller, machten ihn zum Vordenker der Neo-Orthodoxie in deren Auseinandersetzung mit dem liberalen Reform-Judentum. Obwohl er die halachischen Grundsätze strikt befürwortete, war Hirsch stets bestrebt, die politischen und kulturellen Gegebenheiten des modernen Lebens mit dem Judentum in Einklang zu bringen. Seine Sicht des Judentums war für ihn keine philosophische Spekulation, sondern eine Erklärung der Off enbarung am Sinai. Obwohl seine Ideen von vielen Vertretern des deutschen Reform-Judentums bekämpft wurden, gewann er durch seine persönlichen Qualitäten Respekt und Einfluss.

Sein weit reichender Blick rettete das deutsche Judentum vor der totalen Assimilation, das infolge des Umhergreifens der Reform vor dem Untergang stand. Er wurde auch von verschiedenen religiösen, speziell nach dem osteuropäischen Model ausgerichteten Kreisen nicht ganz verstanden. Doch die Geschichte gab ihm Recht. Das deutsche Judentum war nur mit seinem Model zu retten.


Die Werke Rabbiner Hirschs

1) „Die Neunzehn Briefe über das Judentum", unter dem Pseudonym „Ben Usiel", Altona, 1836. 
2) „Choreb", oder „Versuche über Jissroels Pflichten in der Zerstreuung, Altona, 1838.  
3) Broschüre „Erste Mitteilungen aus Naftalis Briefwechsel", Altona,1839.
4) Broschüre: "Jüdische Anmerkungen zu den Bemerkungen eines Protestanten", Emden, 1841.
5) Broschüre „Zweite Mitteilungen aus einem Briefwechsel über die Neuste Jüdische Literatur",  Emden,1844.
6) Broschüre: "Die Religion im Bunde mit dem Fortschritt, Frankfurt am Main, 1854.
7) "Übersetzung und Erklärung des Pentateuchs,", 5 Bänder 1867-78 (Rabbiner Hirschs innovativer und eindrucksvoller Torah-Kommentar).
8) Broschüren während der „Austritts"- Debatte:
- "Das Prinzip der Gewissensfreiheit," 1874; 
- "Der Austritt aus der Gemeinde," 1876 
9) "Übersetzung und Erklärung der Psalmen", 1882
10) "Über die Beziehungen des Talmuds zum Judentum", 1884 (eine Verteidigung der Talmudischen Literatur gegen antisemitische Beschimpfungen in Russland)
11) "Haggadah schel Pessach - Übersetzung und Erklärung"
12) Er hinterliess ein Manuskript, welches eine Erklärung und Übersetzung des Siddurs (Gebetbuch) war, das später publiziert wurde. 
13) Die Veröffentlichung seiner „Gesammelten Schriften" oder „Nachalat Zwi" in mehreren Druckschriften begann 1902.

Die meisten Schriften von Rabbiner Hirsch wurden von seinen Nachkommen ins Englische und Hebräische übersetzt, beginnend mit „Choreb" in den 1950'er Jahren von Dajan Isidore Grunfeld aus London sowie sein Torah-Kommentar in den 1960'er Jahren von seinem Enkelsohn Jitzchak Levi, ebenfalls aus London. Das meiste von seinen „Gesammelten Schriften", welche zuerst in Deutsch im Jahre 1902-1912 unter den Titel „Nachalat Zwi" erschien, wurde während den 1980'er und 1990'er Jahren in Erinnerung an seinen Enkelsohn, Rabbiner Joseph Breuer, übersetzt.

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