Moses Maimonides - Der Rambam

 

maimonides Zur Erinnerung an seinen 808. Todestag
20. Tewet 4965 / 13. Dezember 1204
von Rabbiner Dr. A. Weil, Basel



1135 - 1204 / 4895 - 4965
 
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Inhaltsverzeichnis

A. Jugendjahre und Wanderjahre
1. Maimonides in Cordoba
2. Auf Wanderungen im christlichen Spanien
3. Übersiedlung nach Marokko
4. Flucht nach Palästina
5. Im Heiligen Lande
6. Niederlassung in Ägypten

B. Die Tätigkeit des Maimonides in Ägypten
1. Als Naggid (religiöses Oberhaupt) der ägyptischen Judenheit
2. Rundschreiben an die jemenitischen Juden (Igereth Theman 1172)

C. Maimonides und die Medizin
1. Maimonides als Arzt und medizinischer Schriftsteller
2. Über die Medikamente
3. Körper und Seele in ihrer Wechselwirkung
4. Pirke Mosche
5. Gesundheitsregeln
6. Einfluss der medizinischen Schriften des Maimonides auf die Mit- und Nachwelt

D. Die drei Hauptwerke des Maimonides
1. Kommentar zur Mischna
2. Mischne Thora
3. Das Sefer Hamadda
4. Gesamtinhalt der 14 Bücher
5. Die Verbreitung der Mischne Thora
6. Die Gegner der Mischne Thora
7. Maamar Techiath Hamethim (Abhandlung über die Auferstehung der Toten, 1191)
8. Der Moreh Newuchim und seine Auswirkung
9. Inhalt des Moreh Newuchim
10. Der wahre Glaube
11. Enthusiastische Bewunderer und leidenschaftliche Gegner des Moreh
12. Ein Vergleich
13. Der Moreh Newuchim im Laufe der Jahrhunderte

E. Maimonides als jüdische Persönlichkeit
1. Maimonides als jüdische Persönlichkeit
2. Die jüdische Art zu handeln

F. Lebensabend des Maimonides und sein Tod
1. Der Lebensabend
2. Maimonides Tod


 

A. Jugendjahre und Wanderjahre

 

1. Maimonides in Cordoba

Rabbi Mosche ben Maimon, Maimonides, jüdischerseits unter Berücksichtigung der Anfangsbuchstaben seines Namens kurz Rambam genannt, wurde am 14. Nissan des Jahres 4895, das ist am 30. März 1135, nachmittags 1 Uhr in Cordoba geboren.
Cordoba, die Hauptstadt Andalusiens, war vom 9. bis zum 12. Jahrhundert neben Granada, Sevilla und dem nördlicher gelegenen Toledo ein Zentrum maurischer und jüdischer Kultur. Eine rege geistige Zusammenarbeit auf allen Gebieten der Wissenschaft: Philosophie und Philologie, Mathematik und Astronomie, Naturwissenschaft und Medizin vereinigte jüdische und arabische Gelehrte. Den wissenschaftlichen Hochstand jener Epoche beweist die Tatsache, dass die Bibliothek der Stadt Cordoba 60 000 Bände zählte, geschrieben in den verschiedensten Sprachen. Neben der Wissenschaft blühte nicht weniger die Kunst, wofür die bis zum heutigen Tage erhaltenen historischen Gebäude, insbesondere die berühmte Mesquita (Moschee) mit ihren 1000 Säulen ein deutliches Zeugnis ablegen. In der jüdischen Gemeinde Cordoba pulsierte ein reges jüdisches Leben. Sie besass mehrere Lehrhäuser und Synagogen.* Seit dem Niedergang der talmudischen Akademien in Babylonien hatte sich das Talmudstudium allmählich nach Spanien verlagert, und Cordoba wurde das geistige Zentrum des spanischen Judentums.
In dieser jüdisch-, wie allgemein wissenschaftlich hoch kultivierten Atmosphäre wurde Maimonides geboren. Sein Vater, Maimon ben Joseph, war ein grosser Talmudgelehrter, der Jehuda Hanassi, den Redaktor der Mischna, zu seinen Ahnen zählte. Alle seine Vorfahren führten den Titel „Dajan“ oder „Chacham“. Der Vater des Maimonides gehörte als Dajan dem Rabbinerkollegium von Cordoba an. Über Maimonides Mutter wird nichts berichtet. Jüdische Mütter, auch die der bedeutendsten Persönlichkeiten, lebten stets bescheiden im Hintergrund. Ihre Bescheidenheit machte ihre Grösse aus.
Bei seinem gelehrten Vater, der ausser den talmudischen Studien auch allgemeine Wissensgebiete mit Eifer betrieb, erhielt der junge Moses nicht nur talmudischen Unterricht, sondern auch viele allgemeine Anregungen, die ihm zur Grundlage wurden für sein späteres universelles Wissen. Da der junge Moses keine Schule und auch kein Lehrhaus besuchte, war er eifrig bemüht, sich durch Selbststudium weiter zu bilden, insbesondere auf dem Gebiete der Astronomie, der Philosophie, der Mathematik und der Heilkunde.

*Die heute noch existierende sogenannte Maimonides-Synagoge, die sich im alten jüdischen Viertel Cordobas befindet, und an deren einen Wand im .Jahre 1934 eine Erinnerungstafel zu Ehren des Maimonides angebracht wurde, stammt, wie aus der Inschrift in der Synagoge zu schliessen ist, erst aus dem Jahre 1315.

2. Auf Wanderungen im christlichen Spanien

Maimonides war 13 Jahre alt, als er aus seinem stillen Studium herausgerissen wurde. Im Jahre 1148 kamen von Afrika her die Almohaden, eine fanatische islamitische Sekte, die unter der Parole der "Glaubenseinheit" keine andere Religion gelten lassen wollte als die ihrige. Auch waren sie Gegner aller Kunst und Wissenschaft und lehrten Rückkehr zum einfachen primitiven Leben. Sie eroberten Südspanien, zerstörten Synagogen und Kirchen und stellten Christen und Juden vor die Wahl, zum Islam überzutreten oder auszuwandern, oder den Märtyrertod zu erleiden. Auch Cordoba fiel in die Hände der Almohaden. Tausende von Juden flohen nach dem nördlichen christlichen Spanien, nur eine kleine Anzahl von ihnen blieb in Andalusien zurück, wo viele sich zum Scheine zum Islam bekehrten.

Unter denen, die den Wanderstab ergriffen, waren auch Maimon und seine Familie. Wie Maimonides später selbst berichtet, führten sie mehrere Jahre hindurch ein unstetes Wanderleben zu Lande und zur See, wobei sie viel Leid zu erdulden hatten. Das hinderte aber den jungen Maimonides nicht, seine Studien fortzusetzen. Mohammedanische und christliche Gelehrte waren seine Lehrer. Wir finden in einer seiner Schriften folgenden Ausspruch: "Bei wissenschaftlichen Resultaten ist kein Unterschied, ob sie von Propheten oder nicht jüdischen Weisen, oder gar von Götzendienern stammen." Diese seine Einstellung wiederholt er auch noch in einem späteren Sendschreiben an die jüdischen Gemeinden der Provence, wo er sagt, dass er sämtliche Schriften, welche über Religion und Kultur der Götzendiener handeln, soweit ihm diese durch arabische Übersetzungen zugänglich waren, gelesen und sich in deren Inhalt vertieft habe.

Im Alter von 23 Jahren veröffentlichte Maimonides bereits zwei selbständige Schriften, die eine "Cheschbon Ha-Ibbur"(Berechnung der Schaltjahre) und eine andere "Biur Milloth Higgajon" (eine Terminologie der Logik zum besseren Verständnis der Philosophie des Aristoteles).*


*Letzteres Werk wurde 1254 von Moses ibn Tibbon ins Hebräische, von Sebastian Münster aus Basel,einem Schüler von Johannes Reuchlin ins Lateinische übersetzt (gedruckt 1527 in Basel). Moses Mendelssohn hat eine deutsche Übersetzung dieser Schrift angefertigt und mit einem Kommentar versehen.

 

3. Übersiedlung nach Marokko


Im Jahre 1160, nach einem mühseligen und stets ungewissen Schicksal wanderte Maimon mit seiner Familie nach Afrika aus und liess sich in Fez nieder. Aber auch dort herrschte Religionszwang. Trotz aller Protektion seitens arabischer Gelehrter, Ärzte wie Philosophen, auf deren Einfluss Maimonides sich bei seiner Auswanderung wohl verlassen hatte, kamen sie auch dort nicht zur Ruhe. Viele afrikanische Juden waren zum Scheine bereits zum Islam übergetreten. Andere wandten sich in ihrer Glaubensnot an einen ausserhalb Marokkos wohnenden Rabbi mit der Anfrage, wie sie sich gegenüber dem von den Mohammedanern ausgeübten Religionszwang zu verhalten hätten. Der Angefragte antwortete, dass diejenigen, die sich, wenn auch nur zum Scheine, zum Islam bekehrten, als Abtrünnige zu betrachten seien, auch wenn sie im Geheimen mit ganzer Seele dem Judentum treu blieben. Wer gezwungen würde, so schloss der Rabbi, Götzendienst, Unzucht oder Mord zu begehen, der müsse eher den Märtyrertod erleiden als solch Verbotenes zu tun. Nun sei aber die mohammedanische Religion ohne Zweifel als Götzendienst zu betrachten.

Diese Entscheidung rief unter den afrikanischen Juden Verzweiflung hervor. Die bereits zum Schein Übergetretenen fühlten sich in ihrem Gewissen schwer belastet und viele sagten sich, wenn wir durch unsere Scheinbekehrung wirklich bereits eine Todsünde begangen haben, dann ist es schon besser, wir bekehren uns wirklich zum Islam.

Zunächst richtete Vater Maimon ein Trost- und Ermutigungsschreiben an die Juden Nordafrikas. Die Verfolgungen, sagte er, seien Prüfungen Gottes, aus denen das jüdische Volk ungebrochen hervorgehen werde, denn Gott werde sein Volk niemals gänzlich verlassen.

Sodann trat der junge Maimonides im Jahre 1160 mit einer Schrift hervor "lggereth Haschmad" (Brief Betreffend Zwangsbekehrung) oder auch "Maamar Kiddusch Haschem" (Ein Wort über die Heiligung Gottes) betitelt. Maimonides macht dem fanatischen Rabbi bittere Vorwürfe, dass er, der in seinem Lande- nicht unter Glaubenszwang zu leiden hätte, seine Glaubensbrüder, die doch nur ihr nacktes Leben retten wollten, so scharf verurteile. Er gehe in seinem Eifer weit über das Ziel hinaus und sündige durch die Entscheidung, die er getroffen, gegen das Bibelwort in Lev. 18, 5: Dass man in den Geboten Gottes "lebe", nicht aber, dass man durch sie sterbe. Diejenigen, so sagt Maimonides weiter, die sich zum Scheine zum Islam bekehren, begehen keinen Akt des Götzendienstes. Sie sprechen nur eine leere Formel aus, an die sie nicht glauben und auf die sie keinerlei Wert legen. Der Mensch, der aus Zwang sündigt, ist überhaupt nicht schuldig. Übrigens verlangt ja die mohammedanische Religion von den Juden gar nicht, dass sie ihr Judentum abschwören, sondern nur, dass sie Mohammed als Propheten anerkennen. Sicherlich ist es sehr verdienstlich, eher den Märtyrertod zu erleiden, als eine solche Erklärung abzugeben, aber verpflichtet zum Opfertod ist man in diesem Falle nicht. “Allerdings“ - so schliesst Maimonides - "ist es ratsam, ein Land, in welchem solch ein Glaubenzwang herrscht, zu verlassen, ohne Rücksicht auf Hab und Gut. Diesen Rat erteilte ich auch mir und meinem Freunden, dahin auszuwandern, wo Religionsfreiheit herrscht."*

Die so versöhnliche Gegenschrift Maimonides machte einen gewaltigen Eindruck auf die Juden Marokkos. Die Wankelmütigen wandten sich aufs neue dem Judentum zu. Viele wanderten aus. Aber dieses Trostschreiben brachte die Familie des Maimonides in grosse Gefahr, sodass sie aus dem Lande flüchten musste. Maimonides hatte die Wirkung seines Sendschreibens vorausgesehen. Im Augenblick, wo er damit in die Öffentlichkeit trat, schrieb er: "Ich habe dieses Sendschreiben bangen Herzens veröffentlicht. Ich bin mir der schweren Folgen wohl bewusst; wer aber für das Wohl der Gesamtheit wirken will, der darf vor keiner Gefahr zurückschrecken.“


*Auf Grund einer Behauptung des arabischen Schriftstellers Alkifti, der 40 Jahre nach Maimonides starb,und der in seiner „Geschichte der Gelehrten" behauptet, Maimonides sei selbst ein Scheinbekehrter gewesen, schreibt der französiche Historiker Basnage in seiner "Histoire des Juifs" (1707) Maimonides sei zum Islam übergetreten, und mit seiner Verteidigungsschrift zu Gunsten der Scheinbekehrten habe er sich selbst verteidigen wollen. Jost, Graetz, S. Munk und andere haben diese Behauptung Basnage‘s in ihren Geschichtswerken übernommen. Professor Berliner in einer Schrift: "Zur Ehrenrettung des Maimonides“ (im Sammelwerk Mose ben Maimon, herausgegeben von der Gesellschaft für die Wissenschaft des Judentums II.Bd. Seite 105) hat nachgewiesen, dass diese Behauptung eine völlig irrige ist. Maimonides selbst spricht sich über die Scheinbekehrung aus im Jad Hachasaka, Hilchot Jesode Torah V.4. Wäre Maimonides je ein scheinbekehrter gewesen, hätte er jene Worte nicht schreiben können.

 

4. Flucht nach Palästina


Am 4. Ijar 1925 (18. April 1165), nach einem fünfjährigen Aufenthalt in Fez, verliess Maimon mit seiner Familie in dunkler Nacht die Stadt Fez. Sie bestiegen ein Schiff, das sie nach dem Heiligen Lande bringen sollte. Über den Verlauf dieser Seereise hat Moses Maimonides einen Bericht hinterlassen, dem wir entnehmen, dass bald nach der Abfahrt sich ein heftiger Sturm erhob, der die Insassen des Schiffes in Todesgefahr brachte. Maimonides betete inbrünstig und gelobte, wenn der himmlische Vater ihn uns seine Familie aus der drohenden Gefahr erretten werde, wolle er den Tag der Abfahrt sowie der Ankunft sein Leben lang guten Werken weihen. Der Sturm legte sich. Nach 28 Tagen gelangte die Familie Maimon wohlbehalten in den Hafen von Akko, und der Bericht über diese stürmische Seefahrt schliesst mit den bedeutungsvollen Worten: "Wenizalti min Haschmad", "und so war ich gerettet von der Zwangsbekehrung".

 

5. Im Heiligen Lande


Mit heiliger Scheu betraten die Erlösten die Küste des Heiligen Landes. Maimonides machte in Akko die Bekanntschaft des dortigen Rabbiners Jephet ben Eljahu, eine Begegnung, die zu einer Freundschaft für das ganze Leben wurde. Nach einem sechsmonatigen Aufenthalt in Akko reiste die ganze Familie weiter nach Jerusalem. An der Stätte, wo ehemals der Tempel stand, beteten sie alle aus tiefem Herzen. Von dort begaben sie sich nach Hebron zur Grabstätte der Patriarchen. Ohne Speise und Trank zu sich genommen zu haben, betrat Maimonides die Höhle, welche die irdischen Überreste unserer Stammväter birgt.

Palästina war in damaliger Zeit ein durch die Kreuzzüge verödetes Land. Die Synagogen waren verbrannt, Lehrhäuser waren nicht vorhanden, die wenigen Juden im Lande waren ganz verarmt. Unter diesen Umständen hätte die Familie Maimon weder einen geistigen Anschluss noch eine Erwerbsmöglichkeit gefunden. So begaben sie sich nach Ägypten, das damals unter der Herrschaft der Fatimiden sich hohen Wohlstandes erfreute. Dass Maimonides unter anderen Umständen in Palästina geblieben wäre, geht aus der Mischne-Thora hervor, wo es im 5. Kapitel § 9 heisst: "Es ist verboten für den Bewohner des Heiligen Landes, Erez-Israel zu verlassen, ausser vorübergehend, um Thora zu lernen, eine Frau zu heiraten oder sich vor einer Verfolgung zu retten. Man muss aber immer wieder in das Land zurückkehren. Man darf auch geschäftehalber vorübergehend aus dem Lande sich entfernen, aber ständig ausserhalb des Landes zu wohnen, ist verboten, wenn nicht eine grosse Hungersnot dort eintritt, bei der die Getreidepreise um das Doppelte steigen. Aber auch dann ist das Verlassen des Landes kein frommes Werk. § 12: Es ist besser, im Heiligen Lande an einem Ort zu wohnen, in welchem die Mehrzahl der Einwohner Nichtjuden sind, als ausserhalb des Landes an einem Ort, wo die Mehrheit aus Juden besteht. Wer Erez Israel verlässt, ist dem Götzendiener gleich".

 

6. Niederlassung in Ägypten


Maimonides und seine Familie liessen sich in Fostat (Alt-Kairo) nieder. Während seines Aufenthaltes in Marokko hatte er seine Frau verloren. In Ägypten verheiratete er sich aufs neue und zwar mit einer Schwester des Gelehrten Abul Mali, der bei der Mutter Sultans Afdhal das Amt eines Geheimschreibers versah. Aus dieser Ehe wurde ihm sein Sohn Abraham geboren.

Maimonides glaubte sich nun ruhig seinen Studien hingeben zu können. Doch kaum recht ansässig, trafen ihn schwere Missgeschicke. Sein Vater starb im Jahre 1166, sein Bruder David, der bis jetzt die ganze Familie durch Juwelenhandel ernährt hatte, fand auf einer Geschäftsreise im Indischen Ozean den Tod, wodurch auch das ganze Familienvermögen verloren ging. Dazu hinterliess David noch eine Witwe und eine unmündige Tochter. Wie nahe Maimonides der Tod seines Bruders gegangen ist, ersehen wir aus einem Brief, den er an seinen Freund Jephet ben Eljahu, den Rabbiner von Akko, geschrieben hat. "Noch heute trauere ich um meinen Bruder und finde keinen Trost, ist er doch auf meinen Knien gross geworden. Er war mein Bruder, mein Schüler, mein Geschäftsführer, mein Vertrauter, und ich sass ruhig in meinem Hause. Er verband mit dem talmudischen Wissen eine gediegene Sprachkenntnis, und ich hatte meine Freude an ihm. Seitdem er in eine bessere Welt gegangen ist, flohen von mir die frohen Tage. Er liess mich mit Sorgen beladen in einem fremden Lande zurück. So oft ich einen Brief von ihm sehe, erneut sich mein Schmerz um ihn. Ja, wenn nicht das Studium und das Forschen in der Heiligen Lehre meinen Schmerz mich vergessen machten, so wäre ich schon meinem Schicksal erlegen." Starken Trost fand er in der Freude an seinem Sohn Abraham sowie an seinem ihm so lieben Schüler Joseph ibn Aknin, dem er schreibt: "Einerseits finde ich Trost in meinen Forschungen, andererseits darin, dass Gott meinem Sohne Abraham Gnade und Segen verliehen hat. Gott lasse ihn mir lange leben, denn er ist bescheiden und demütig, dabei besitzt er feinen Verstand und hat ein für die Wissenschaft geeignetes Naturell, sodass er sich zweifellos einen Namen unter den Grossen erringen wird."

 

B. Die Tätigkeit des Maimonides in Ägypten

 

1. Als Naggid (religiöses Oberhaupt) der ägyptischen Judenheit


Kairo war die Residenz des Fatimidenreiches, Fostat war Sitz des Naggid. Der Naggid war das vom Sultanat anerkannte Oberhaupt der Juden. Wie der Exilarch in Bagdad, hatte der Naggid nicht nur eine religiöse, sondern auch eine politische Position. Er ernannte die Rabbiner sowie die Vorsteher der Talmudschulen, traf religiöse und richterliche Entscheidungen, setzte Gerichtshöfe und Richter ein.

Als Maimonides sich in Fostat niederliess, war das geistige Niveau der ägyptischen Juden sehr niedrig. In Alexandrien, das damals 3000 Juden zählte, war vom Geiste Philos nichts mehr zu verspüren. Das Volk war ungebildet, ja abergläubisch und ahmte sogar heidnische Sitten nach. In der Nähe von Fostat stand die sogenannte "Moses-Synagoge", in welcher der wundertätige "Moses-Stab" gezeigt wurde, und alljährlich forderte der Naggid zu einer Wallfahrt in diese Synagoge auf. Das Amt des Naggid lag zu Maimonides Zeit in den Händen eines ehrgeizigen und habsüchtigen Mannes namens Sutta, der ein Schreckensregiment ausübte und überall Streit und Zank hervorrief. Im Jahre 1172 wurde dem von allen hochverehrten Moses ben Maimon das Amt des Naggid übertragen. Er übernahm es ehrenamtlich. Maimonides an ihrer Spitze zu wissen, gab den ägyptischen Gemeinden ein Gefühl der Erleichterung. Ein Zeitgenosse aus Kairo schrieb damals: "Gott hat uns einen treuen Boten gesandt, einen Mann, der für alle Geschlechter und Zeitalter bemerkenswert ist, den Rabbi Moses, eine Leuchte des Morgen- und  Abendlandes. Ein helles Licht und strahlendes Gestirn, einen Mann, einzig in seiner Zeit, bewundert vom Aufgang der Sonne bis zu ihrem Untergang. Dieser hat das Ansehen der Religion wieder hergestellt und das Gesetz wieder auf sein Fundament gesetzt.“ Maimonides aber war sich der Schwere der übernommenen Würde wohl bewusst. In einem Brief an seinen Lieblingsschüler Josef ibn Aknin schreibt er: "Du weisst, dass diese Ehrenstelle und die Herrschaft über die Juden in der jetzigen Zeit kein Glück ist, nach welchem man trachten soll. Vielmehr, weiss Gott, ein nicht geringes Übel. Er bürdet seinem Inhaber die äusserste Mühe und Plage auf, und derjenige, der diese Herrschergewalt ausübt, hat viel Kummer und Leid zu tragen. Möglicherweise auch Schimpf und Schmähung von Andersgläubigen, wenn er nicht durch die Macht des Sultans gestützt wird." Maimonides versuchte in erster Linie, Friede und Ordnung in den Gemeinden herzustellen zwischen den babylonischen, palästinensischen und karaitischen Juden. Er tat dabei einmal den Ausspruch: "Man hört in unserem Lande viel von Vereinigung, aber wenig von Einigung". Um die ihm unterstellten Glaubensgenossen geistig zu heben, gründete er ein Lehrhaus, in welchem er seine Schüler nicht nur mit dem Gesetz vertraut machte, sondern sie auch in die Wissenschaft einführte, um ihren Gesichtskreis zu erweitern. In den Synagogen suchte er für Anstand und Würde zu sorgen. Mit tiefer Betrübnis bemerkte er, dass die Gemeindemitglieder bei der lauten Schemone-Esre nicht zuhörten und statt das vorgeschriebene "Amen" bei jedem Segensspruch zu sprechen, schwatzten oder geschäftliche Angelegenheiten besprachen. Maimonides protestierte scharf dagegen und bemerkte: "Wir sind das Gespött der Mohammedaner, die in ihrem Moscheen andächtig beten und nie schwatzen.“ Er ordnete infolgedessen an, dass die Schemone-Esre gleich laut vorgetragen werden soll. Auch legte er mehr Wert auf Andacht beim Beten als auf allzu vieles Beten. Er verbot den Juden, sich bei Streitigkeiten an das islamische Gericht zu wenden, damit die Ehre Israels nicht entweiht werde. Immer und immer wieder betonte er aber den Wert des Friedens.

Er bemühte sich vor allem den Einfluss der Karaiten* zu bekämpfen, aber mehr durch Güte als durch Strenge. Seiner Milde gegenüber den Karäern ist es zu verdanken, dass viele unter ihnen den Weg zum rabbinischen Judentum wieder zurückfanden.


*Jüdische Sekte, gegründet um 600 n. durch Anan aus Bagdad. Die Karaiten anerkennen nur die schriftliche, nicht aber die mündliche Lehre.

 

2. Rundschreiben an die jemenitischen Juden (Igereth Theman 1172)


Maimonides' Tätigkeit beschränkte sich aber nicht allein auf das Wohl der Juden Ägyptens. Auch aus vielen anderen Ländern holte man Rat bei ihm ein. Dies war der Fall bei den jemenitischen Juden, die durch die Glaubensverfolgungen seitens der Araber Jemens schwer bedrängt waren. Sie suchten den Juden einzureden, das jüdische Volk sei nicht mehr das Gottesvolk, es sei von Gott verworfen. An Stelle von Moses sei nunmehr Mohammed von Gott erkoren, und die Thora sei durch den Koran ersetzt.

Maimonides antwortete den in ihren Glauben bedrängten Juden, mit einem Trostbrief "Igereth Theman“, um sie in ihrem Glauben an Gott und an die Wahrheit der Thora zu stärken. "Wie alle unsere Brüder aus Israel, die zerstreut sind über die ganze Erde, so seid auch ihr verpflichtet, euch gegenseitig im Glauben zu stärken. Die Grossen mögen auf die Kleinen einwirken, die Einzelnen auf die Gesamtheit. Im Zeichen der Wahrheit, die nicht verändert werden kann, soll das Volk verbunden sein. Immer wieder werde allen verkündet, dass der Heilige, gelobt sei er, einzig ist. Ein einziger Gott, mit keiner Einheit sollst zu vergleichen. Des ferneren, dass Moses sein Prophet, der höchste und vollkommenste aller Propheten ist. Seid stets der Offenbarung am Sinai eingedenk, denn Gott hat uns verboten, sie jemals zu vergessen. Darin liegt die einzige Grösse des Sinaibundes. Vollzogen bat sich hier in der Wirklichkeit, dass einmal ein ganzes Volk. in seiner Gesamtheit Gottes Wort vernommen hat. Aus diesen steten Erinnerungen müssen wir die Kraft gewinnen, an unserem Glauben festzuhalten, auch in einer Notzeit wie der heutigen. Kein harter Erlass und kein Glaubenszwang kann und darf uns wankend machen. Also meine Brüder, haltet fest am Bunde. Harret aus im Glauben und handelt unbeirrt, so wie es euch geboten ist."

Das Send und Trostschreiben des Maimonides verfehlte seine Wirkung nicht. Die Juden Jemens fühlten sich gestärkt durch diese liebevolle und hoffnungsvolle Antwort. Sie schauten zu Maimonides auf, wie zu einem Retter und hingen mit schwärmerischer Liebe an ihm. Auch erwiesen sie ihm eine Ehre, die bisher nur dem babylonischen Exilsfürsten zuteil geworden war. Sie schalteten in dem Kaddisch-Gebet seinen und seines Sohnes Abrahams Namen ein: "Jitgadal wejitkadasch ... Möge das Gottesreich herannahen in euren Tagen und in den Tagen unseres Lehrers Mosche ben Maimon und seines Sohnes Abraham." Diese Ehre erweisen die jemenitischen Juden dem von ihnen verehrten Maimonides bis zum heutigen Tage.

 

C. Maimonides und die Medizin

 

1. Maimonides als Arzt und medizinischer Schriftsteller


Da Maimonides, jüdischer Tradition entsprechend, aus dem Thora-Studium keinen Broterwerb machen wollte, befasste er sich auch weiterhin mit dem Studium der Medizin und begann sich in Fostat als Arzt zu betätigen. Vierzig Jahre hat er in dieser Stadt praktiziert. Die ersten Jahrzehnte hatte er es gar nicht leicht, und er musste sich noch lange gleichzeitig neben seiner ärztlichen Praxis durch Handel mit Edelsteinen und kostbaren Münzen ernähren. Erst später, als sich ihm die Gunst des Grossvezirs Alphadhal zuwandte und späterhin die des Sultans Saladin, dessen Leibarzt er wurde, war er allen materiellen Sorgen enthoben. Und als dann auch die vornehmsten arabischen Kreise ihm zuströmten, wurde seine Praxis so ausgedehnt, dass er sie kaum mehr bewältigen konnte. Zeitgenossen berichten, dass sein Ruf als Arzt weit über die Grenzen Ägyptens hinausging. Richard Löwenherz, der König von England, wollte ihn zu seinem Leibarzt machen, Maimonides lehnte dies aber ab wegen der Verfolgungen der Juden in England.

Wie sich der Alltag bei Maimonides abspielte. das ersehen wir aus einem Briefe, den er an seinen Freund Salomon ibn Tibbon, in Montpellier gerichtet hat: „Was dein mir in Aussicht gestelltes Hier herkommen betrifft, so bist du mir herzlich willkommen. Ich freue mich darüber ausserordentlich und sehne mich aufrichtig nach dem Umgang mit dir. Aber ich muss dir raten, diese Reise zu unterlassen, denn du wirst von deinem Besuche bei mir keinen anderen Gewinn haben, als mich zu scheu und von mir Ehrenbezeugungen zu empfangen. Aber den Nutzen, etwas bei mir zu lernen oder auch nur eine Tages. oder Nachtstunde vertraulich mit mir zusammen zu sein, darfst du dir durchaus nicht erhoffen. Ich will dir meinen Zustand schildern: ich wohne in Fostat, und der Sultan wohnt in Kahira. Zwischen beiden Orten ist ein Abstand von vier Meilen. Ich habe nun beim Sultan einen überaus schweren Dienst zu versehen. Ich muss ihn täglich bei Tagesanbruch besuchen. Manchmal fühlt er sich leidend oder es erkrankt eines seiner Kinder oder eine von seinen Frauen. Dann komme ich aus Kahira nicht leicht fort. Es wird kaum vorkommen, dass nicht einer oder der andere der Hofbeamten erkrankt und ich sie behandeln muss. Wenn also kein Unfall geschieht und sich nicht Aussergewöhnliches ereignet, komme ich im günstigsten Falle erst nachmittags nach Fostat zurück. Wenn ich nun sterbend vor Hunger ankomme, finde ich alle Vorgemächer voll mit Menschen, Juden und Andersgläubigen, Vornehmen und Geringen, Richtern und Beamten, Freunden und Feinden, die die Zeit meiner Ankunft kennen. Wenn ich von dem Maultier absteige, wasche ich mir die Hände, gehe hinaus, um alle Wartenden zu beschwichtigen und um Nachsicht zu bitten, damit ich etwas zu mir nehmen kann. Dann muss ich ihnen Rezepte und das Heilverfahren schreiben. Das Kommen und Gehen währt bis um die zweite Nachtstunde. Vor Müdigkeit auf dem Ruhebett liegend und hungernd, bin ich beim Eintritt der Nacht so schwach, dass ich kein Wort mehr sprechen kann. Kein Glaubensgenosse kann mit mir reden oder in meiner Gesellschaft sein, ausser am Sabbath, wo die ganze Gemeinde zu mir kommt, und ich die Angelegenheiten der kommenden Woche mit ihnen bespreche und sie unter meiner Anleitung einen leichten Abschnitt aus dem Schriftum studieren."

Maimonides, Schüler des berühmten Arztes und Philosophen Averröes, der gleichfalls in Cordoba das Licht der Welt erblickte, hatte sich in Spanien bereits gediegene ärztliche Kenntnisse erworben. Wo er nur Gelegenheit hatte, sogar auf seinen vielfachen Wanderungen, nahm er Kontakt mit Ärzten und Philosophen, um sein Wissen zu erweitern. Kaum in Ägypten angekommen, hat er sich sogleich der Gesellschaft der Ärzte von Fostat angeschlossen. Die Hauptquelle seines Wissens waren die griechischen Ärzte Galen, Hypokrates, Dioscorides und arabische  Gelehrte und nicht zum wenigsten der Talmud. Maimonides war aber kein Nachbeter, er bildete sich in allem eine eigene Meinung auf Grund einer Synthese aller Ansichten.

Maimonides erklärte das medizinische Studium als religiöse Pflicht. Und in der Tat sind die grössten jüdischen Thoragelehrten des Mittelalters fast alle gleichzeitig Mediziner gewesen. Genannt seien nur Ibn Ganach, Jehuda Halevi und Nachmanides. Niemand wird bestreiten. dass bis auf den heutigen Tag bei den jüdischen Studierenden eine grosse Vorliebe und eine starke Prädisposition für das medizinische Studium vorhanden ist, wohl ein Erbe ihrer Vorfahren.  Mit welcher Gewissenhaftigkeit Maimonides die medizinische Praxis ausgeübt hat, bezeugt sein Ausspruch: "Die Kunst der Medizin ist lang und schwierig für denjenigen, der gewissenhaft seine Pflicht erfüllen und keinen zweifelhaften, unbegründeten Ausspruch tun will." Wie gewissenhaft Maimonides war, geht dar- aus hervor, dass er soweit möglich nur ein Rezept verschrieb, dessen Wirkung er vorher an sich selbst ausprobiert hatte. Charakteristisch für seine Gewissenhaftigkeit ist auch das folgende „Morgengebet des Arztes", das ihm zugeschrieben  wird: „Herr, Stärke die Kraft meines Herzens, damit es jederzeit bereit sei, mit gleicher Hingabe Armen und Reichen, Freunden und Feinden zu dienen. Möge mein Geist am Krankenbett stets Herr seiner selbst sein, und möge er nie von unnötigen Gedanken getrübt werden. Flösse den Kranken Vertrauen zu mir und meiner Kunst ein, damit sie meine Ratschläge und Vorschriften befolgen, entferne von ihrem Krankenlager Scharlatane aller Art und das grosse Heer verwandter oder fremder Pflegerinnen und Beraterinnen, die alles wissen und alles können. Diese schrecklichen Menschen machen die grössten Bemühungen der Kunst zunichte. Verleihe mir, o Gott, Milde und Geduld beim widerspenstigen Kranken und Mässigkeit in allem ausser in der Wissenschaft. Fern sei mir  jeder Gedanke, dass ich das gesamte Wissen und die gesamte Fertigkeit erworben hätte. Gib mir Kraft, Willen, Freiheit und die Möglichkeit, mein Wissen zu erweitern und zu vertiefen, damit mein Geist alle Verirrungen entdecken und erkennen kann."

Maimonides hat 12 Medizinische Schriften hinterlassen, unter anderem eine Abhandlung über die Gifte bei Schlangen- und Skorpionenbissen, ferner bei Insektenstichen und Tollwut, sowie über Vergiftungen durch verdorbene Lebensmittel und giftige Pflanzen. In dieser Abhandlung über die Gifte und deren Heilung sagt Maimonides: „Gift kann nur bekämpft werden durch Gegengift. Man gebe aber keine zu grosse Dosis, denn das kann ebenso gefährlich sein wie das Gift selbst. Die Antidose muss dem Grad der Vergiftung entsprechen." Maimonides gibt dann Mittel an, die gegen giftige Bisse oder Stiche als erste Hilfe angewendet werden sollen, bis der Arzt zur Stelle ist, was in damaliger Zeit unter  Umständen eine langwierige Angelegenheit sein konnte. Seitdem Maimonides diese Abhandlung über die Gifte und deren Behandlung hat erscheinen lassen, haben die Apotheker jeder Zeit die von Maimonides empfohlenen Drogen vorbereitet auf Lager gehalten. Bis dahin hatte nur der Sultan eine Hausapotheke. Als Beispiel für die medizinische Behandlung sei hier die von Maimonides angewendete Methode bei Schlangenbissen oder bei Tollwut angeführt: Der Behandelnde soll die Wunde aussaugen, er muss dabei nüchtern sein (weil er in nüchternem Zustand am meisten Speichel hat und Speichel desinfiziert). Er soll zuvor seinen Mund reinigen und seine Lippen mit Olivenöl einreiben, um sie gegen das Gift zu schützen. Der Behandelnde darf keine Wunde an Lippe oder Zahnfleisch haben. Zur Linderung des Schmerzes lege man dem Gebissenen Zitronen- oder Orangenkerne auf die Wunde, weil diese das Gift neutralisieren. Der Gebissene darf zunächst nicht einschlafen, weil dann leicht eine Ohnmacht eintreten könnte. Die Wunde darf sich 40 Tage lang nicht schliessen, damit das Gift abfliesst. Der Gebissene muss Abführmittel nehmen und streng vegetarisch leben. Soweit Maimonides. Die moderne medizinische Wissenschaft heisst heute noch diese Behandlung in ihren Grundprinzipien gut. Maimonides hat auch Schutzregeln aufgestellt, um nicht durch verdorbene oder vergiftete Speisen gefährdet zu werden. Er schreibt:

Man esse und trinke nicht bei Personen, die man nicht kennt oder in die man nicht genügend Vertrauen hat,  dass sie die hygienischen Gesetze beachten.
Man esse nicht Früchte oder Pflanzen, die man nicht kennt.
Man esse Fleisch, Geflügel, Milch, Käse. Butter nur wenn sie frisch sind.
Man esse keine Speisen mit Widerwillen.
Rohe Früchte sind zu empfehlen, aber erst nach der Mahlzeit.
Im Falle einer Vergiftung durch verdorbene Speisen nehme man ein Brechmittel, sodann schlucke man ölige Substanzen, die imstande sind, das Gift zu resorbieren, bevor dieses in die Gewebe des Körpers eindringen kann.

 

2. Über die Medikamente

Wo der Arzt eingreifen muss, besteht seine eigentliche Aufgabe darin, den Kranken zu stärken und die Natur in ihrer Wirksamkeit zu unterstützen. Medikamente sollen nur im Notfall verordnet werden, die Natur muss sich selber helfen. Die meisten Ärzte irren jedoch in der Behandlung, und während sie die Natur zu stärken glauben, schwächen sie dieselbe. Bei seelischen Erkrankungen soll man nur ganz selten ein Medikament verschreiben. Änderung der Lebensweise, Milieuänderung, Änderung des Klimas und des Regimes genügen, um den seelischen Zustand zu bessern. Die bedeutendste medizinische Abhandlung des Maimonides, die er für den durch sein ausschweifendes Leben erkrankten Sultan Aphdhal abgefasst hat, ist eine Makro-Biotik (Die Kunst, lange zu leben), bekannt unter dem lateinischen Namen: Tractatus de regimine sanitatis. In kurzgefasster Briefform stellt Maimonides alle Vorschriften zusammen, die der Förderung der Gesundheit dienen, der körperlichen wie der seelischen. Maimonides betont in dieser Schrift vor allem die Wichtigkeit einer mässigen, enthaltsamen Lebensweise, und betont, dass körperliche Gesundheit die Vorbedingung ist für die seelische Gesundheit.

 

3. Körper und Seele in ihrer Wechselwirkung


Körper und Seele, sagt Maimonides, bilden eine Einheit und stehen in Wechselwirkung. Diätetik (das Verhalten des Körpers) und Ethik (das Verhalten der Seele) stehen in engstem Zusammenhang. Körper und Seele können nur bei gleichzeitiger Gesundheit gedeihen. Nur bei gesundem Körper kann die Seele die nötigen moralischen und intellektuellen Qualitäten erwerben. Dies muss bei allen Erkrankungen in erster Linie in Betracht gezogen werden.

Krankheiten der Seele entstehen dadurch, dass der Körper mehr verlangt als er benötigt, wodurch die Seele an überflüssige Forderungen gewöhnt wird. Anderseits darf man der Natur das nicht verweigern, was ihr zukommt. Es geht also darum, das Gleichgewicht zwischen Körper und Seele zu erhalten, oder wenn es gestört ist, wieder herzustellen. Jede Krankheit ist also eine Gleichgewichtsstörung von Körper und Seele. Daher muss der Mensch danach trachten, seine Seele so zu disziplinieren, dass sie den übertriebenen Ansprüchen des Körpers widersteht. Er kann dies erreichen, wenn er seine Seelenkräfte auf ein höheres Ziel konzentriert, vor allem auf die Erkenntnis Gottes. Religion und Philosophie erhalten und stützen das seelische Gleichgewicht, so dass der Mensch im Glück nicht übermütig wird, und im Unglück nicht zu verzweifeln braucht. Zum Schluss fügt Maimonides allgemeine diätetische Regeln für Gesunde und Kranke bei und schliesst mit den Worten: "Möge Gott meinem Herrn, dem Sultan Aphdhal, Gnade schenken und seine Lebenstage verlängern, seine Gesundheit stärken und ihm Glück bescheren, das ihm wünscht sein Diener Moses, Sohn des Maimon."

 

4. Pirke Mosche

Die umfangreichste und populärste medizinische Abhandlung des Maimonides, in der hebräischen Übersetzung von Samuel ibn Tibbon: "Pirke Mosche" benannt, fasst in 1500 Aphorismen das ganze damalige medizinische Wissen zusammen. Der Inhalt dieser Aphorismen umfasst Anatomie, Physiologie, Pathologie, Gynäkologie, Hygiene sowie Arzneikunde. Zwei Kapitel sprechen über ein ganz modernes Thema: Über Gymnastik als Heilmittel. Maimonides empfiehlt regelmässige Körperübungen, wie Fechten, Ringen, Ballspiel und darauffolgend Abreibungen und Abwaschungen. Aber er betont immer wieder, dass zur Erhaltung eines kräftigen Körpers auch die Kräftigung der Seele durch Sittlichkeit und philosophische Betrachtungen erforderlich sein, und dass Unmässigkeit im Lebensgenuss die wertvollsten Kräfte zerstöre.

 

5. Gesundheitsregeln


Die Gesundheit und Rüstigkeit des Körpers ist eine unerlässliche Bedingung für die Ausbildung des Geistes zur Erkenntnis Gottes. Daher ist es unsere Pflicht, uns von allem Gesundheitsschädlichen fernzuhalten.


"Man esse und trinke nur dann, wenn man Hunger oder Durst hat. Aber auch in diesem Falle überlade man seinen Magen nicht, sondern lasse einen Teil des Appetits ungestillt. Man nehme keine Getränke während der Mahlzeit zu sich, höchstens Wasser mit etwas Wein gemischt. Man vermeide Fische, Käse oder Fleisch, wenn sie alt oder in Salz konserviert sind.

Man bade einmal in sieben Tagen; 8 Stunden sind das Höchstmass für Schlafen. Am Tage schlafe man nie.
Vor allem ist strengste Sittlichkeit und die Weihe des ehelichen Lebens zur Erhaltung der sittlichen Gesundheit erforderlich.
Vergnügte Unterhaltung und ein frohes Temperament verscheuchen alle Krankheiten.
Eine freudige Erregung der Seele ist für die Gesundheit noch wichtiger als Körperbewegung.
Um sich wohl zu befinden, moralisch wie physisch, soll man seine Kräfte schöpfen aus der Religion und der Philosophie, denn sie sind die eigentlichen Kraftquellen der Gesundheit."

 

6. Einfluss der medizinischen Schriften des Maimonides auf die Mit- und Nachwelt


Der Einfluss, der von Maimonides' medizinischen Schriften ausging, war sehr stark und nachhaltig, vor allem in Spanien und Südfrankreich sowie in Italien, insbesondere an der Universität Padua, wo Philosophie und Medizin nach der Auffassung des Maimonides, und seines Lehrers Averröes gelehrt wurde. Das Grundprinzip dieser Lehre war, dass Körper und Seele eine Einheit bilden und dementsprechend behandelt werden müssen. In vielen medizinischen Schriften des Mittelalters verschiedenster Länder wird Maimonides oft zitiert, und es geht daraus hervor, dass er auf mehreren Sondergebieten der Medizin als Autorität angesehen wurde. Seine ärztlichen Erkenntnisse sowie seine methodische Praxis werden von Fachmännern der Medizin heute noch bewundert, auch wenn gar vieles überholt ist. Bleibend aber für alle Zeiten ist seine vorbildliche Gewissenhaftigkeit und die hohe ethische Auffassung seines Berufes, die Wurzeln in seinem tiefen Gottesglauben und in seiner Demut, die auch aus dem Schlusse seiner Schrift "de regimine sanitatis" hervorgeht. "Glaube ja nicht", so wendet er sich an den Sultan, "wenn du diese Zeilen lesen wirst, dass ich der einzige bin, der imstande ist, eine Abhandlung zu schreiben über die Krankheiten von Körper und Seele. Ich rufe den Himmel als Zeugen an, dass ich mir bewusst bin, zu den Unvollkommenen zu gehören in der Kunst des Heilens, dass ich im Gegenteil weiss, dass ich zu denen gehöre, die hoffen, einmal so weit zu kommen, ihre Aufgabe ganz erfüllen zu können".

 

D. Die drei Hauptwerke des Maimonides

 

1. Kommentar zur Mischna


Den Kommentar zur Mischna hat Maimonides in arabischer Sprache geschrieben, damit seine Glaubensbrüder aus den arabischen Ländern, die die hebräische Sprache schon nicht mehr recht verstanden, Belehrung daraus schöpfen könnten, vielleicht auch um die zum Islam Scheinbekehrten zum Judentum zurückzubringen. Begonnen hat Maimonides mit dem Kommentar bereits in seinem 23. Lebensjahr, beendet hat er ihn im Jahre 1168. Er hat ihn geschrieben auf seinen Wanderungen, ohne eine Bibliothek benützen zu können. Er selbst hat uns in einem Geleitwort die Motive angegeben, die ihn veranlasst haben, diesen Kommentar zur Mischna zu schreiben. “Die Bürde, die ich auf mich nahm, war keineswegs leicht. Mein Herz war beschwert durch die Nöte der Zeit, durch das von Gott über uns verhängte Schicksal der Verbannung, durch die ständige Ausweisung und Wanderung von einem Ende der Welt zum anderen. Gott weiss, dass ich die Erklärung zu manchem Traktat auf meinen Fahrten verfasst habe, dass ich manche wissenschaftliche Zusammenstellung an Bord der Schiffe, während meiner Reise auf dem Meere ausführte. Die Lage, in der ich mich im Laufe dieser Jahre befand, nötigte mich auch, bei Abfassung dieses Werkes so viel Zeit zu verwenden. Lies mein Buch zum wiederholten Male und denke darüber aufmerksam nach. Sollte dich deine Einbildung zum Glauben verleiten, dass du den Inhalt nach einmaligen oder sogar zehnmaligem Lesen begriffen hast, dann, bei Gott, hat sie dich zu etwas Törichtem verleitet. Du darfst in der Lektüre dieses Buches nicht rasch vorgehen, denn ich habe es nicht einfach niedergeschrieben, wie es sich gerade fügte, sondern nach langem Forschen und Überlegen."

Maimonides fürchtete auch nicht die Kritik, die sein Werk finden konnte. "Kritik", sagte er, ist keine Unbilligkeit, sie wird vielmehr vom Himmel belohnt, mir ist sie lieb, weil sie ein göttliches Handwerk ist."

Mit seinem Kommentar zur Mischna bezweckte Maimonides, der traditionellen Überlieferung, wie sie in der Mischna niedergelegt ist, mehr Autorität zu schaffen, indem er sie mit Erklärungen versah, wie sie im Talmud verankert sind. Das Talmudstudium hatte die Mischna verdrängt, er wollte ihr die verlorene Stellung wiederschaffen.

Seine Methode ist folgende: Jedem schwierigen Abschnitt schickt er eine kurze Erklärung voraus und dem Ganzen eine umfassende Einleitung (Hakdama le Seder Seraim). Zu diesen vorangestellten Einleitungen gehört vor allem die zu den Pirke Aboth. In dieser Einleitung hat er mit grösster Liebe und Sorgfalt die Sittenlehre des Judentums ausgearbeitet. In 8 Abhandlungen (Schmone Perakim) gibt er ein ganzes System der jüdischen Ethik:

1. und 2. Kapitel handeln von der menschlichen Seele und ihren Kräften.
3. und 4. Kapitel handeln von den Krankheiten der Seele
5. Kapitel Wie gelangt man zur Gottes-Erkenntnis?
6. Kapitel Über die wahrhafte Tugend.
7. Kaptiel Die verschiedenen Stufen der prophetischen Vervollkommnung.
8. Kapitel Über die Willensfreiheit.


Die jüdische Glaubenslehre behandelt Maimonides in der Einleitung zum 10. Kapitel des Traktats Sanhedrin. Dort legt er auch seine Ansichten dar über Lohn und Strafe im Jenseits, und zwar im Anschluss an die Worte "Jeder aus dem Volke Israel hat Anteil am künftigen Leben". Er schreibt:

„Bezüglich Lohn und Strafe nach dem Tode sind die Meinungen verschieden. Die Auffassung von diesen Dingen richtet sich nach der Klarheit des Verstandes. Viele haben verworrene Anschauungen hierüber; die einen glauben, die Belohnung der Frommen bestehe darin, dass sie in das Paradies versetzt werden, wo Speise und Trank in Fülle vorhanden sind, wo Paläste aus Diamanten und Rubinen erbaut sind, Diwane mit seidenen Polstern zur Ruhe einladen und sonst gar vieles, was Lebensfreude bereitet. Die Hölle, meinen sie, sei der Ort von Feuerflammen, wo der Körper der Lasterhaften täglich von neuem verbrannt wird. In Wirklichkeit besteht die Belohnung im Jenseits nicht in irdischen Genüssen und nicht in der Befriedigung sinnlicher Triebe, sie ist geistiger Art. Sie besteht aus einer Wonne, die mit der Erkenntnis Gottes verbunden ist. Vom Seelenleben nach dem Tode kann sich der Mensch keine Vorstellung machen. Wir müssen an die Unsterblichkeit der Seele glauben, so wie auch an eine Vergeltung, weil beides aus der Gerechtigkeit und der Güte Gottes hervorgeht; jedoch das Wie zu erkennen, entzieht unserer beschränkten menschlichen Einsicht. Jedenfalls können Lohn und Strafe nur in geistigem Sinne gemeint sein. Auf Lohn sollen wir überhaupt nicht rechnen, wir sollen das Gute um des Guten willen tun. Unser höchster Lohn liegt in der Gotteserkenntnis und in der Vervollkommnung unserer Seele."

Bei der Behandlung der Glaubenslehre hat Maimonides diese abgegrenzt von der Glaubenslehre des Islams und des Christentums. Ohne den Glauben der beiden andere Religionen zu kritisieren, formuliert er die wesentlichen Grundgedanken des Judentums in 13 Sätzen, allgemein als „die 13 Glaubensartikel des Maimonides" bekannt. Diese sogenannten 13 Glaubensartikel, die sich auch in unserem Gebetbuch finden, in ihrer ursprünglichen Form und in poetischer Form (Jigdal), lauten:

"Ich glaube mit einem vollkommenen Glauben:

1. Dass es einen Gott gibt, 2. dass Gotte einzig, 3. unkörperlich, 4. ewig ist. 5. Dass nur Gott allein verehrt werden darf. 6. Dass die Worte der Propheten wahr sind. 7. Dass Moses der größte aller Propheten war. 8. Dass die Thora göttlichen Ursprungs ist. 9. Dass sie nie abgeändert oder durch eine andere ersetzt werden könnte. 10. Dass Gott allwissend ist. 11. Dass er die Guten belohnt und die Bösen bestraft. 12, Dass ein Messias kommen wird. 13. Dass die Toten wiederauferstehen werden."

Maimonides wollte nicht, wie er es einleitend selbst sagt, einen Kommentar zur Mischna schaffen in Form einer trockenen Wort- und Sacherklärung, er wollte den Leser einführen in den Ideengehalt des Judentums. Er hat ohne Zweifel sein Ziel erreicht, denn sein Kommentar gibt heute noch aussergewöhnliche Anregungen.*


*Maimonides' Kommentar der Mischna hat bei jüdischen und nichtjüdischen Denkern grossen Anklang gefunden. Die sogenannten 8 Kapitel (Schmone Perakim) wurden schon im Jahre 1256 ins Lateinische übersetzt. Juda ibn Tibbon übersetzte den Mischna-Kommentar ins Hebräische, der holländische Gelehrte Surenhuys ins Lateinische (l6. Jahrhundert).

 

2. Mischne Thora


Die Mischne Thora (Wiederholung der Thora) wird auf Grund von Deut. 34, 12 auch Jad Hachasaka genannt, weil sich dieses Werk aus 14 Büchern zusammensetzt und "Jad" den Zahlenwert 14 hat. An diesem Werk hat Maimonides 10 Jahre ununterbrochen gearbeitet und hat es im Jahre 1180 beendet. Es ist das einzige grosse Werk, das er in hebräischer Sprache geschrieben hat, weil es ausschliesslich für das jüdische Volk bestimmt war. Alle anderen Werke schrieb er in arabischer Sprache.

Über seine Absichten bei dessen Abfassung schrieb er:

"Ich habe dieses Werk verfasst weil ich sah, dass die anhaltenden Leiden meines Volkes das Schwinden der Wissenschaft nach sich ziehen, und dass es nur wenige gibt, die imstande sind, aus dem Talmud, den Responsen der Gaonen und den übrigen Traditionsvorschriften das endgültige Gesetz ausfindig zu machen. Darum habe ich mich veranlasst gesehen, alles zusammenzufassen, was sich aus diesen Werken ergibt, so dass das Traditionsgesetz, ohne die Meinungsverschiedenheiten der Lehrer, wohl geordnet für jeden vorhanden sei, und dass man nur dieses Gesetzbuch zu kennen braucht, um keines anderen Werkes zu bedürfen. Aus diesem Grunde habe ich mein Werk Mischne Thora genannt, weil derjenige, der den Pentateuch gelesen hat, nur noch mein Werk zur Hand zu nehmen braucht, um das Gesetz richtig zu entscheiden." Noch deutlicher äussert er sich hierüber in einem Brief an seinen Schüler Josef ibn Aknin: "Ich habe dieses Werk nicht verfasst, um dadurch Grösse oder Ruhm zu erlangen. Gott weiss es, dass ich ursprünglich mich nur um meiner selbst willen damit abgegeben habe, um einen gewissen Ruhepunkt in meinen Grübeleien zu finden und um ein Ziel zu erreichen, dem ich zustrebte. Als ich älter wurde, begann ich für Gott zu eifern, ich sah das Volk ohne maßgebendes  Gesetzbuch, und ich tat meine Arbeit zu Ehren Gottes. Als ich das Werk abfasste, war mir klar, dass es in die Hände von bösen Eiferern fallen würde, die seine Schönheit herabsetzen, seinen Rang verkleinern und durch ihren Tadel ihre Niedrigkeit oder ihre geringe Einsicht zu erkennen geben würden. Ich rechnete aber auch damit, dass es in die Hände der wenigen Ausgezeichneten gerät, die nach Wahrheit und Gerechtigkeit streben und durch Nachdenken, durch Vertiefung das erfassen und würdigen werden, was ich geleistet und gearbeitet habe."

Die Mischne Thora ist die erste systematisch geordnete Sammlung und Zusammensetzung aller Thora- und aller rabbinischen Gesetze, wie sie im Talmud auf Grund der mündlichen Tradition behandelt sind. Alle Vorschriften, selbst diejenigen, die in der Zerstreuung des jüdischen Volkes nicht mehr anwendbar sind, wie zum Beispiel diejenigen, die den Tempelkult und die Agrargesetze betreffen, sind in diesem Gesetzbuch enthalten. Maimonides gibt nicht ein Jota preis von alledem, was die Rabbiner als Glaubensgut des Volkes gesammelt und aufbewahrt haben.

Die Sprache der Mischne Thora ist klar, kurz und bündig. Maimonides liebte nicht, seinen Stoff in die Breite schwellen zu lassen, er liebte vielmehr, alles in Paragraphen aufzuteilen. "Wäre ich imstande, den ganzen Talmud in einem Abschnitt zusammenzufassen, würde ich nicht zwei Abschnitte daraus machen."

Man kann dem des talmudischen Schrifttums nicht Kundigen kaum eine Vorstellung vermitteln von diesem Riesenwerk und wie ein einzelner Mensch es hat aufbauen können. Aber nicht nur die talmudischen Gesetze sind in diesem so kunstvoll aufgebauten Geisteswerk behandelt, auch die Ethik und Philosophie, und dies mit gleicher Gründlichkeit. Ritualgesetzliches und Ethisches wird von Maimonides gleich bewertet. Wir können mit kurzen Worten zusammenfassend sagen: Maimonides wollte nichts Geringeres, als die Religionsgesetze wie die religiösen Gefühlswerte des Judenturms für alle Zeiten lebendig erhalten.

 

3. Das Sefer Hamadda


Schon die Einleitung zum ganzen Kodex ist eine philosophische Abhandlung. Maimonides nennt sie "Sepher Hamadda":“ Das Buch der Erkenntnis“. Denn Maimonides will mit der Kodifizierung der Halacha nicht in erster Linie Gelehrsamkeit verbreiten, sondern vor allem Gottes-Erkenntnis, Gottesliebe und Menschenliebe. Er will zeigen, wie wir auf Grund des Thoragesetzes ein Leben führen sollen in den Wegen Gottes, dessen Einzigkeit und dessen Geistigkeit er mit aller Schärfe hervorhebt. So beginnt das Sepher Hamadda, das Buch der Erkenntnis, mit den Worten: „ Jessod Hajessodoth we'amud hachochma leda schejesch mamzi rischon hu mamzi kol hanimzaim".

"Der Urgrund und die Säule aller Wahrheit ist, zu wissen, dass es ein Urwesen gibt, das alle Kreatur geschaffen hat".

Auf das "Buch der Erkenntnis" folgt das "Buch der Liebe". Denn erst, wenn wir Gott erkannt haben, folgt die Liebe und die Hingabe zu ihm. Erst kommt das Wissen über Gott, dann die Liebe zu Gott, dann das Halten und Ausüben der Gebote. Alles andere, so sagt Maimonides, ist nur Stückwerk.

Bemerkenswert ist die Auffassung des Maimonides über die Unsterblichkeit. Nach seiner Meinung ist die Unsterblichkeit gradweise abgestuft. Der Grad der Unsterblichkeit, so meint er, richtet sich nach dem Grade der Gotteserkenntnis, die die menschliche Seele in ihrem irdischen Dasein gesammelt hat; ein jeder ist also in dem Masse unsterblich, als er sich diese selbst seelisch erarbeitet hat. Das Sepher Hamadda schliesst mit dem Glauben an die messianische Hoffnung Israels und der übrigen Völker, wobei Maimonides Christentum und Islam als Übergangsformen betrachtet zur Überwindung des Heidentums und als Vorbereitung des von den Propheten angekündigten Gottesreiches auf Erden.

Die messianische Zeit oder auch die "Tage des Messias" genannt, die niemand berechnen kann und soll, stellt Maimonides (Hilchoth Melachim11 und 12) als eine religiös-politische Wiedergeburt des jüdischen Volkes dar, die sich ohne Wunder vollziehen wird. Der Lauf der Naturgesetze wird nicht unterbrochen werden. Ein Spross vom Königshaus David wird auftreten, ein Mann von tiefer Religiosität. Er werde das jüdische Volk zu einem frommen und sittlichen Leben anhalten. Er wird durch Gottes Hilfe glückliche Kriege führen, wird ein jüdisches Reich in Palästina gründen und alle Völker zum Dienste Gottes aufrufen.

In der messianischen Zeit wird es keine Kriege mehr geben, die wilden Leidenschaften werden aufhören, Segen wird sich über die Menschheit ergiessen. Die Menschen brauchen sich nicht mehr um materiellen Besitz abzumühen. Ihr ganzer Sinn wird auf höhere Gottes-Erkenntnis gerichtet sein. Was aber die Prophetien der Propheten anbetrifft, dass in messianischer Zeit der Wolf neben dem Lamme lagern wird, so sei dies nicht buchstäblich gemeint, sondern als Parabel aufzufassen. Diese Abhandlung über "die Tage des Messias" schliesst Maimonides mit folgenden Worten: "Die Weisen und die Propheten haben die Tage des Messias nicht geweissagt, damit Israel in der Welt herrsche oder sich gar über die Völker erhebe, nein, die Weisen und die Propheten haben die Tage des Messias herbeigesehnt als eine Zeit des Friedens unter den Völkern, als eine Zeit, in der die Erkenntnis der göttlichen Wahrheiten die Erde erfüllen wird, wie das Wasser die Erde bedeckt. (Jes.11, 9)".

 

4. Gesamtinhalt der 14 Bücher

1. Das Sefer Hamadda
2. Vorschriften über Gebet, Priestersegen, Tefillin, Mesusa, Thorarolle, Zitith, Benediktionen, Beschneidung.
3. Über Sabbath, Versöhnungstag, Feste, Neumond, Fasttage, Chanukka, Purim.
4. Ehegesetze
5. Verbotene Ehen - verbotene Speisen
6. Über Schwur und Gelöbnis
7. Agrargesetze, Sabbath- und Jubeljahr
8./9. Der Tempel und die Opfervorschriften
10. Die Reinheitsgesetze
11. Rechtsverletzungen
12. Kauf und Verkauf
13. Miete, Darlehen, anvertrautes Gut, Erbschaft
14. Gerichtsordnung, Zeugen, Rechte und Pflichten des Königs.

 

5. Die Verbreitung der Mischne Thora


Das Erscheinen der Mischne Thora wurde allgemein mit Enthusiasmus begrüsst. Nach kaum 10 Jahren war dieses Werk in Arabien, Palästina, den Euphratländern, in Spanien, in Südfrankreich verbreitet. Vor dessen Erscheinen, so sagt ein Zeitgenosse, der in Spanien lebte, fanden die Juden dieses Landes das Studium des Talmud so schwierig, dass sie sich für jede praktische Entscheidung an den Rabbiner wenden mussten. Jetzt sei dieses Studium leicht, und man könne in einem Rechtsstreit sich selbst ein Urteil bilden. Von überall kamen Sendschreiben an Maimonides mit Anfragen das neue Werk betreffend. Es wurde fleissig vervielfältigt; die Juden Jemens kauften mehrere Exemplare, die sie ihrerseits kopierten und bis an die Grenzen Indiens verbreiteten. In vielen Ländern wurde das Gesetz nach dem "ägyptischen Moses" entschieden. Bei den Jemeniten ist dies der Fall bis zum heutigen Tag. Manche weit entlegenen Gemeinden schickten die von ihnen erworbenen Exemplare an den Autor, damit er sie auf die Exaktheit der Abschrift prüfe und sie zum Zeichen der Echtheit mit seiner Unterschrift versehe und auch eventuell eingeschlichene Schreibfehler korrigiere. Nirgends aber wurde die Mischne Thora mit solcher Begeisterung aufgenommen wie in Spanien und vor allem in Südfrankreich. Man spendete Maimonides höchstes Lob. Man nannte ihn: "der Einzige des Zeitalters", "die Fahne der Rabbiner", "der Erleuchter der Augen Israels", "der grosse Adler". Insbesondere gewann Maimonides allgemeine Wertschätzung, als bekannt wurde, dass seine grosse Demut, seine tiefe Frömmigkeit, seine hochstehende Sittlichkeit, seine überaus grosse Bescheidenheit seiner Gelehrsamkeit entsprachen.

 

6. Die Gegner der Mischne Thora


Die Mischne Thora fand aber auch scharfe Kritiker und Gegner. Pinchas ben Meschulam aus der Provence wirft Maimonides vor, er habe bei der Fixierung der Halachoth die Namen der talmudischen Autoritäten verschwiegen und habe durch dieses Werk den Talmud überflüssig gemacht. Ein noch schärferer Kritiker war Abraham ben David aus Posquiere (Rawad), der in seinen "Randbemerkungen" starke Kritik übt an Maimonides Werk, weil er die Quellen seiner Entscheidungen nicht angegeben habe; trotzdem aber anerkennt er die Grösse seiner Leistung. "Hätte er (Maimonides) durch die Sammlung der zerstreuten Gesetze sich nicht ein so grossen Verdienst erworben, ich würde im Verein mit anderen öffentlich gegen ihn auftreten."

Es gab aber auch kleine Geister und Neider, die an dem grossen Werke des Maimonides mäkelten und Ansichten zu entdecken suchten, die nach ihrer Auffassung den talmudischen Grundsätzen widersprächen. Zu diesen Gegnern gehörte der Vorsteher des Lehrhauses in Bagdad, Samuel Ali. Dieser wirft Maimonides vor, dass er die Lehre von der körperlichen Auferstehung der Toten nicht mit Klarheit hervorgehoben, die Lehre von der Unsterblichkeit der Seele in den Vordergrund gestellt habe. Maimonides antwortete ihm in einer speziellen Schrift:

 

7. Maamar Techiath Hamethim (Abhandlung über die Auferstehung der Toten, 1191)


Bezüglich dieser Schrift sagt Maimonides:“ Selbst Weiber und Narren werden mich nun verstehen." Wer, wie er - so argumentiert Maimonides - die Weltschöpfung annimmt und die Möglichkeit von Wundern zugibt, der kann auch am Auferstehungsglauben festhalten. Der die Welt aus dem Nichts erschaffen habe, sei an kein Naturgesetz gebunden und könne jederzeit Ereignisse eintreten lassen, die uns als Wunder erscheinen.

Anderen Kritikern antwortet Maimonides mit Ironie: "Ich verzeihe und vergebe allen, die, sei es aus Beschränktheit, sei es um auf meine Kosten zu glänzen, mich zu verunglimpfen suchen. Mögen sie mich nur schmähen, sie ziehen daraus ihren Vorteil, mir aber schaden sie nicht, wir verlangen überhaupt von keinem Menschen irgend eine Förderung oder Zustimmung, sondern lassen jeden bei seiner Meinung."

Und ein anderes Mal sagt er: "Die Ehre gebietet mir, Unfähige zu meiden, nicht zu besiegen. Es ist besser, wenn ich mir Mühe gebe, solche zu belehren, die die Fähigkeit haben und etwas lernen wollen, als wenn ich meine Zeit vergeude, um einen Sieg über Unfähige zu erringen." Und an seinen Freund und Lieblingsschüler, Josef ibn Aknin, schreibt er: "Ich verzichte gerne auf Ehre und Ruhm und will die Beschimpfungen, die mir zugefügt werden, ruhig über mich ergehen lassen, denn wisse, es lag nie in meiner Absicht, durch dieses Werk mir einen Namen zu machen. Gott weiss es, ich habe es zunächst für meinen eigenen Gebrauch angelegt. Ich habe ferner wohl vorausgesehen, dass mein Werk unfehlbar Gegner und Neider finden werde, ebenso, dass es in die Hände solcher gelangen werde, die aus demselben Belehrung schöpfen, und das, was ich angestrebt habe, zu würdigen wissen. Du bist einer der Verständigen, und wenn ich dich allein zum Leser hätte, so würde mir das genügen. Ja, es existieren hier an meinem Wohnort (Fostat) gewisse geistig beschränkte Leute, die sich scheuen, mein grosses Werk zu lesen, damit man nicht sage, sie hätten etwas daraus gelernt. Doch ich bleibe bei alledem kalt und unempfindlich, ja, wenn ich diese Beschimpfungen mit eigenem Ohr hörte, würde ich mich nicht ereifern. Ich würde vielmehr darauf bedacht sein, meine Gegner mit gütlichen Worten von ihrem Irrtum abzubringen oder ich würde, je nach den Verhältnissen, schweigen."

 

8. Der Moreh Newuchim und seine Auswirkung


Das dritte bedeutende Werk des Maimonides ist ein philosophisches. Er hat es in arabischer Sprache geschrieben, wo es den Titel trägt: Dallalad al Hairin (Führer der Unschlüssigen). Der Arzt und grosse jüdische Gelehrte Samuel ibn Tibbon hat es ins Hebräische übersetzt und ihm mit Zustimmung des Maimonides den Titel: More Nebuchim (Führer der Verirrten) gegeben (im Hinblick auf Exodus 14,3).

Maimonides hat diese philosophische Abhandlung nicht für die grosse Masse geschrieben, sondern nur für einen bestimmten Kreis von Gebildeten, vor allem aber für seinen philosophisch interessierten Lieblingsschüler Joseph ibn Aknin (Arzt in Ägypten, später in Aleppo). Er war sich bewusst, dass nur wenige ihn ganz verstehen würden und tat den Ausspruch: "Wer schwimmen kann, wird Perlen aus der Tiefe des Meeres holen können, wer es nicht kann, wird untergehen." So wie einige Jahrhunderte vor ihm der Religions-Philosoph Saadia ben Joseph in seinem Werke: "Emunoth wedeoth" sich mit dem Problems Glauben und Wissen auseinandergesetzt hatte, so suchte Maimonides für seine Zeitgenossen Glaube und Wissen, Offenbarung und philosophische Erkenntnis miteinander auszugleichen, damit auch kritische, grübelnde, schwankende und verirrte Menschen wieder einen religiösen Halt gewinnen könnten.

"Offenbarung und philosophische Erkenntnis' sagt Maimonides, "sind keine Gegensätze, sie sind aus ein und derselben Quelle ausgeströmte Wahrheiten. Scheint aber doch ein Widerstreit zwischen ihnen vorzuliegen, so haben wir uns entweder im rechten Verständnis des Bibelwortes oder in unserem Denken geirrt, denn es gibt nur eine Wahrheit, so wie es nur einen einzigen Gott gibt."

 

9. Inhalt des Moreh Newuchim


Der Moreh besteht aus drei Büchern. Im ersten Buch spricht Maimonides vom Gottesbegriff der von jeder Vermenschlichung geläutert sein muss. Falsche Vorstellung von Gott kommt dem Götzendienst nahe.

Viele Zeitgenossen des Maimonides halten die in der Bibel gebrauchten Ausdrücke wie: Stimme Gottes, Füsse Gottes, Augen Gottes, starke Hand Gottes, Gott sah, Gott ruhte aus etc. wörtlich genommen und hatten dadurch viele Missdeutungen und eine verzerrte Auffassung des göttlichen Wesens hervorgerufen. Maimonides bemerkt hierzu: Die der menschlichen Sprache entnommenen Ausdrücke, die sich in der Bibel finden, dürfen nicht wörtlich aufgefasst werden. Er zitiert das talmudische Wort: "Die Thora spricht die Sprache der Menschen", sonst wäre ja eine Einwirkung Gottes auf den Menschen nicht möglich; nur wer dies eingesehen habe, könne die Einheit und Unkörperlichkeit Gottes begreifen. Gott ist das absolute Sein, daher könne kein auf den Menschen zutreffender Ausdruck (Anthropomorphismus) auf Gott angewendet werden. Auch könne Gott durch keines der ihm beigelegten Attribute definiert werden.

Nachdem Maimonides so den Weg gebahnt hat, der den Menschen zur reinen Gotteserkenntnis führen soll, spricht er im zweiten Buch über: Das Dasein Gottes, das Verhältnis Gottes zum Universum (Emanationslehre), über die Weltschöpfung aus dem Nichts (ex nihilo), im Gegensatz zu Aristoteles, der die Ewigkeit der Weltexistenz lehrt. Über das Kausalgesetz und das Wunder sowie über die Willensfreiheit. Über Glaube und Aberglaube, insbesondere über Astrologie, die er aufs heftigste bekämpft. Sodann über die biblischen Opfergesetze, die er als eine Abwehrmassnahme im Hinblick auf das heidnische Opferwesen erklärt*. Bei der Erklärung der Schöpfung kommt Maimonides auch auf den Sabbath zu sprechen und sagt: "Die Einsetzung des Sabbaths und die schweren Strafen der Sabbathentweihung sind darauf zurückzuführen, dass der Sabbath die Lehre von der Welterschaffung im Bewusstsein des jüdischen Volkes sowie in dem der ganzen Menschheit befestigen soll."

Sodann spricht Maimonides über Prophetie, Inspiration und Vision. "Das zuverlässigste Kennzeichen des wahren Propheten ist die Übereinstimmung seiner Lehre mit dem Thoragesetz, sowie auch sein sittlicher Charakter."

Das dritte Buch behandelt die Maasse Merkaba (Vision Ezechiel Kap. 1). Sodann kommt er zu sprechen auf Gottes Wissen, Gottes Weisheit und Gottes Gesetz. Abschliessend spricht er über die wahre Liebe zu Gott, den wahren Gottesdienst und die wahre Gottesfurcht.

"Zur Gottesfurcht gelangt man durch die Übung des Gesetzes, zur Gottesliebe durch die wahre Erkenntnis des höchsten Wesens."


*"Die Zulassung des Opferdienstes ist ein bewusstes Zugeständnis der Thora, um das jüdische Volk vom Opferdienst der Heiden abzubringen". (Siehe Moreh Neb. III. 32; eine andere Auffassung findet sich Moreh Neb. III. 46.)

 

10. Der wahre Glaube


Nachdem sich Maimonides mit all den grundlegenden Problemen auseinandergesetzt hat, fragt er nach dem Wesen des wahren Glaubens und zeigt, worin die wahre Liebe zu Gott und worin der wahre Glaube besteht. Maimonides lehnt den blinden Glauben ab: „Denen, die behaupten, man müsse glauben, ohne darüber nachzudenken, denen, die den Gläubigen die Augen verbinden wollen, denen rufen wir zu: Wir haben Augen, um zu sehen." „Der Glaube, sagt er, ist nur dann echt, wenn er nicht mit der Vernunft im Widerspruch steht, sondern im Einklang mit ihr den höchsten Stufen der Erkenntnis, dem gemeinsamen Ziel der Religion und der Philosophie, zustrebt."

"Die jüdische Religion darf der Vernunft ruhig ins Auge schauen. Das Gesetz ist nicht nur zur Übung des Gehorsams da, es ist zugleich auch die Offenbarung der höchsten Wahrheit.

Der wahre Glaube besteht nicht in dem, was man spricht, sondern in dem, was man denkt. Nicht im Beten an und für sich liegt der Wert, sondern im Einsehen.

Beten ist nicht Selbstzweck, sondern Mittel zu etwas Höherem, nämlich: Abstrahierung der Gedanken von der Aussenwelt und ihre Konzentration auf Gott.

Ein Gebet, von den Lippen gemurmelt, ist wertlos, denn es verfehlt seine wahre Bestimmung.

Wer mit den Lippen betet, dabei an Kauf und Verkauf denkt, wer die Thora mit dem Munde liest, ohne darüber nachzudenken, was er liest, wer die Gebote ausübt, ohne die Bedeutung dieser Handlungen im Sinne zu haben, ohne zu denken, weder an denjenigen, der sie befohlen, noch an das, was sie bezwecken, der wird sein Ziel, Gott nahezukommen, nicht erreichen." Und Maimonides schliesst diese Gedankenreihe mit den Worten des Kohelet (Kapitel 5. 1): "Gott ist im Himmel, du aber auf Erden, darum mögen deine Worte nur wenige sein."

Was die religiöse Praxis anbetrifft, empfiehlt Maimonides, wie in allen Dingen, den goldenen Mittelweg und lehnt jede Übertreibung zur Askese ab.

„Man lege sich keine freiwilligen Erschwerungen auf, keine Gelübde und keine Peinigungen in der Annahme, damit Gott zu gefallen. Hat das Gesetz nicht schon genug Dinge verboten, dass du noch neue Gebote hinzufügst! Alle Übertreibungen sind gegen den Geist der Religion", und er schliesst mit dem Psalmvers (Psalm 19, 8): "Die Thora Gottes ist vollkommen, sie labt die Seele".

 

11. Enthusiastische Bewunderer und leidenschaftliche Gegner des Moreh


Maimonides hatte geahnt, dass sein philosophisches Werk in allen Kreisen grosses Interesse, aber auch heftige Gegnerschaft hervorrufen werde, was sich bald bestätigen sollte. Zu den Bewunderern gehörten vor allem die geistig hochstehenden Gemeinden Südfrankreichs, wo Abraham ibn Esra und David Kimchi durch ihre Schriften und Übersetzungen wissenschaftlicher Werke den Boden für philosophische Forschung bereits vorbereitet hatten. Samuel ibn Tibbon hat alsbald auch den Moreh aus dem Arabischen ins Hebräische übersetzt, was keine leichte Arbeit war. Maimonides selbst hat die Übersetzung als meisterhaft bezeichnet. Sie fand bald grosse Verbreitung und erweckte ein neues wissenschaftliches Leben in den jüdischen Gemeinden der Provence, Spaniens und Italiens.

Der Moreh fand aber auch viele und heftige Gegner, die Maimonides vorwarfen, er hätte "philosophische Prinzipien ins Judentum eingeführt". Er hätte "den festen Grund der Thora zerstört“, er hätte "die Thora den Griechen verkauft", (gemeint war, er hätte sich von den Schriften des Aristoteles allzu sehr beeinf1ussen lassen).*

Maimonides hatte alle Einwände vorausgesehen, wenn er einleitend schrieb: "Niemand wird so töricht sein, von mir die erschöpfende Lösung aller berührten Fragen zu erwarten. Ich bin genötigt, dies vorauszusagen, damit dieses Werk nicht das Ziel eines jeden sich weise dünkenden Toren werde, auf welches er die Pfeile seiner Torheit richtet." Maimonides war in der Tat seiner Zeit weit voraus. Die meisten seiner Zeitgenossen waren nicht imstande, seinem hohen Geistesflug zu folgen. Und weil sie ihm nicht folgen konnten, hielten sie den Verfasser des Moreh für einen Gefahr bringenden Zerstörer des Glaubens. Der leidenschaftliche Kampf um den Moreh erreichte erst nach dem Tode des Verfassers seinen Höhepunkt und fand ein tragisches Ende*. Die Gegner des Maimonides merkten nicht, wie tief - infolge Bedrückungen und Verfolgungen - die religiöse Erkenntnis des Judentums gelitten hatte, und welches Rettungswerk Maimonides vollbracht hatte. Für Unzählige wurde der Moreh Nebuchim wirklich ein Führer der Verirrten und der Schwankenden, der sie wieder auf den Weg des Glaubens zurückgebracht hat. Er würde ein Führer der vielen Zweifler unter den Juden und den Nichtjuden, denen er den Glauben und die innere Seelenruhe wieder gegeben hat.

War Maimonides wirklich ein Zerstörer des Glaubens und des Gesetzes? Sicherlich nicht. Maimonides folgte in jeder Hinsicht der Tradition und hat immer wieder ausdrücklich die ewige Verbindlichkeit der schriftlichen und der mündlichen Lehre betont unter Hinweis auf das in der Thora sich oft wiederholende Wort: "Eine ewige Satzung soll es euch sein." Maimonides wollte nichts anderes, als das Thoragesetz rechtfertigen, es verstandesmässig begründen und wo nötig von den Schlacken reinigen, die unwissende und abergläubische Menschen ihm angeheftet hatten. Nicht ein Neuerer war Maimonides, sondern ein Erneuerer, ein Vertiefer der Religion, vor allem dadurch, dass er die Gotteserkenntnis in den Vordergrund alles religiösen Tuns gestellt hat. "Gottes-Erkenntnis", sagt Maimonides, "das ist, was Gott in erster Linie von uns verlangt. "Ein Gott des Wissens ist Gott" (I. Sam. 2,3). Gar viele meinen, sie haben Gott, in Wirklichkeit sind sie weit von ihm entfernt."

Wie richtig Maimonides die Geistesverfassung seiner Zeitgenossen sowie ihre Haltung gegenüber den religiösen Problemen eingeschätzt hat, zeigt ein Vergleich, dessen er sich in seinem Moreh bedient.


*Maimonides war in der Tat ein grosser Verehrer des Aristoteles, an dessen philosophisches System er sich in den Grundzügen abschliesst. Dabei ist er aber kein blinder Anbeter der Weltauffassung des Aristoteles. Er akzeptiert nur, was ihm nach kritischer Prüfung wahr zu sein scheint, und lehnt ab, was mit dem Jüdischen System nicht in Einklang zu bringen ist. In vieler Hinsicht gehen daher die Wege der beiden Denker auseinander. Zusammenfassend ergeben sich hauptsächlich folgende Differenzen: Während für Aristoteles das philosophisch-naturwissenschaftliche Denken die einzige Quelle der Erkenntnis ist, gibt es für Maimonides in erster Linie die von der Thora vermittelte Erkenntnis sowie auch die prophetische. Maimonides bekämpft vor allem die Ansicht des Aristoteles von der Ewigkeit der Welt. Spätere jüdische Religionsphilosophen sind viel ablehnender gegen Aristoteles, als Maimonides es war. So sagt Jehuda Halevi: "Nicht ist der Gott des Aristoteles der Gott Abrahams. Zum Gotte Abrahams führt das Gefühl und die lebendige innere Überzeugung, für die Generationen sich geopfert haben. Zur Anschauung des Aristoteles aber führt nur ein kaltes abstraktes Denken. Der Gott des Aristoteles ist ein kosmischer Gott, der Gott Abrahams aber ist lebendige Persönlichkeit."


*Die Gegner des Maimonides denunzierten dessen philosophische Schriften bei der Inquisition, die sie als „ketzerisch“ verurteilte und im Jahre 1242 in Paris, zusammen mit vielen anderen wertvollen hebräischen Manuskripten. öffentlich verbrennen liess.

 

12. Ein Vergleich


Im Palast seiner Residenzstadt hält ein König Hof. Ein Teil seiner Untertanen weilt in der Stadt, ein anderer Teil befindet sich ausserhalb der Stadt. Von den ersteren wenden manche dem königlichen Palast den Rücken zu und bewegen sich nach der entgegengesetzten Richtung. Andere streben nach dem Palaste hin. Diese möchten dem König ihre Aufwartung machen, aber sie haben bis heute noch nicht einmal die Mauern des Palastes erblickt. Andere wiederum sind bis zu den Mauern gekommen, geben aber im Kreis um sie herum, um das Eingangstor zu suchen. Manche haben das Tor wirklich gefunden und wandeln in den Korridoren hin und her. Einige sind zu den inneren Gemächern vorgedrungen und befinden sich mit dem König in demselben Raum, aber noch haben sie einige Mühe aufzuwenden, und erst dann erblicken sie den König aus der Ferne oder in der Nähe. Sie können ihn hören oder gar selber mit ihm sprechen.

Maimonides gibt selbst die Deutung des Vergleiches. "Diejenigen, die ausserhalb der Stadt sich befinden, das sind die, die schon gar keine Religion mehr haben, weder eine natürliche, noch eine offenbarte. Diejenigen, die in der Stadt geblieben sind, aber sich in der entgegengesetzten Richtung bewegen, das sind diejenigen, welche falschen und verkehrten Vorstellungen nachgehen und sich immer weiter von Gott entfernen. Denjenigen, die zum König hinstreben, aber noch nicht einmal die Mauern des Palastes erblickt haben, gleicht die ungebildete Volksmenge, die das Religionsgesetz gedankenlos und mechanisch ausübt. Die an die Mauer herankommen, aber das Eingangstor nicht finden, das sind die Nur Talmudisten, welche durch Tradition und Autorität wohl die Wahrheit haben, sich aber nur mit der Praxis des Gesetzes beschäftigen, jedoch nicht nach Einsicht in die fundamentalen Grundsätze der religiösen Wahrheiten streben.

Diejenigen dagegen, welche über die fundamentalen Grundsätze unserer Religion ernstlich und treu nachdenken, die sind bereits in die Korridore des Palastes eingedrungen. Wer endlich die Lehre von Gott und von seinem absoluten Sein richtig erfasst hat, der ist in die inneren Gemächer eingedrungen und befindet sich mit dem König im gleichen Raume."

 

13. Der Moreh Newuchim im Laufe der Jahrhunderte


„Der Moreh Nebuchim: Ein Buch, mit dessen Lob man nicht aufhören kann."

Ausspruch des Leon da Modena (1571-1648). "Non potest satis laudatur“ "Er kann nicht genügend gelobt werden." Ausspruch des Joseph Scaliger (1540-1609)

Selten sind von einem Buche so starke Wirkungen ausgegangen. wie von dem Moreh. Diese Schrift brachte Aufklärung in die Studierstuben wie in die Gotteshäuser aller Religionen. Trotz verschiedenen Religionsauffassungen haben die arabischen Theologen und Philosophen dem "Führer der Verirrten" ihre Bewunderung gezollt, und an der mohammedanischen Hochschule von Fez wurde ein Jude beauftragt, den Studenten Vorlesungen über den "Moreh" zu halten. Allmählich wird auch die christliche Geisteswelt mit der Philosophie des Maimonides vertraut. Albertus Magnus, der Meister der Theologie aus dem Dominikanerorden, steht stark unter dem Einfluss des Moyses Aegyptius, und noch stärker beeinflusst ist Thomas von Aquino, dessen ganzes theologisches Gebäude auf Maimonides' Ansichten Bezug nimmt.

Eine ganz besondere Beachtung hat Friedrich II., der Hohenstaufe, dem "Führer der Verirrten" geschenkt. Durch jüdische Gelehrte, die er an seinen Hof zog, hat er eine lateinische Übersetzung des „ Moreh" anfertigen lassen. Aber auch von anderen Gelehrten wurden lateinische Übersetzungen des berühmten Werkes angefertigt. Der Moreh Nebuchim erschien unter den verschiedensten Titeln: Doctor perplexorum Demonstrator errantium, Directio dubitantium usw. Im Jahre 1629 hat Johann Buxtorf der Jüngere, der berühmte Hebraist von Basel, eine neue selbständige lateinische Übersetzung angefertigt auf Grund der hebräischen Übersetzung von Samuel ibn Tibbon. Aus dieser lateinischen Übersetzung hat Leibniz den "Führer der Verirrten" kennen gelernt, desgleichen Justus Scaliger, der bekennt, dass Moses Maimonides ein bedeutender Philosoph, Mathematiker und Arzt gewesen ist.

Der Moreh Nebuchim wurde von Amadeo im Jahre 1581 ins Italienische übersetzt unter dem Titel: „Conditione de confusi“. In Deutschland war es Moses Mendelssohn, der durch den "Moreh" zum Philosophen heranreifte. “Dieser Moreh, so sagt. Mendelssohn in einem Briefe, "ist schuld daran, dass ich höckerig geworden bin, soviel habe ich ihn studiert, aber ich liebe ihn doch." Der Kantianer Salomon Maimon hat einen Kommentar zum Moreh geschrieben. Dr. Scheyer aus Frankfurt a. M. hat im Jahre 1838 eine deutsche Übersetzung des Moreh angefertigt, und Salomon Munk, der berühmte, aus Glogau in Schlesien stammende Bibliothekar der "Bibliotheque Nationale" in Paris, hat 1856 den arabischen Text mit einer französischen Übersetzung herausgegeben. Der Vollständigkeit halber sei hinzugefügt, dass M. Friedländer im Jahre 1881 eine englische Übersetzung angefertigt hat unter dem Titel: "The Guide of the Perplexed".

Auch in Spanien wurde frühzeitig eine Übersetzung des Moreh in die kastilische Sprache angefertigt, die Pedro von Toledo zum Verfasser hat, dies in einer Zeit, wo die jüdischen Gemeinden Spaniens unter den schrecklichen Verfolgungen des Vicente Ferrer furchtbare Zeiten auszustehen hatten. Während die Scheiterhaufen die Strassen erhellten, erhellte der "Moreh" die Herzen weiter christlicher Gelehrtenkreise.

 

E. Maimonides als jüdische Persönlichkeit

 

1. Maimonides als jüdische Persönlichkeit


Beim Studium der Schriften und der Gutachten* des Maimonides drängt sich einem Jeden die Überzeugung auf, dass hier eine einheitliche, geschlossene grosse Persönlichkeit zu uns spricht, bei der Leben und Lehre eins sind. Maimonides war nicht nur ein Meister der Halacha und ein grosser Religionsphilosoph, er war auch ein tief gläubiger Jude. Ein jeder der von ihm aufgestellten 13 Glaubensartikel beginnt mit den gleichen einleitenden Worten: "Ani maamin be-emuna schelema". "Ich glaube mit einem vollkommenen Glauben". Einen vollkommenen Glauben zu schaffen, aus Wissen und Glauben, aus Herz und Verstand, das war sein ganzes Lebensziel. Weisheit und Tugend, Forschen und Tun, waren in seiner Persönlichkeit wie in seiner Lebensführung eins. Unerschrocken ist er eingetreten für das, was er als wahr erkannt hat. Um der Wahrheit willen hat er viel Unrecht, ja auch viele Schmähungen erduldet; als höchste Tugend galt ihm die Demut. Wie vom biblischen Moses kann auch von Moses ben Maimon gesagt werden: "Und der Mann Mosche war sehr demütig." Seinen Widersachern gegenüber bewahrte er stets eine mit leichter Ironie gemischte vornehme Ruhe.


*Die Gutachten des Maimonides, die aus allen Ländern bei ihm eingeholt wurden, sind gedruckt worden: in Konstantinopel 1520 und in Amsterdam 1705. Die vollständigste Sammlung ist unter dem Titel "Kobez Teschuwoth haRambam" 1859 erschienen, allgemein zitiert unter dem Titel "Kobez".

 

2. Die jüdische Art zu handeln


Der Mensch, so sagt Maimonides, darf nicht hartnäckig sein, indem er sich nicht besänftigen lassen will, er sei vielmehr leicht zu versöhnen und schwer zu erzürnen. Wenn man ihn um Verzeihung bittet, so verzeihe er gerne und mit willigem Herzen; selbst wenn einem viel Unrecht zugefügt worden ist, soll man sich nicht rächen und nichts nachtragen. So zu handeln ist jüdische Art. Der Mensch, sagt Maimonides, soll viel schweigen. Er rede entweder ein belehrendes Wort oder über Dinge, die die täglichen Lebensnotwendigkeiten angehen aber auch da mache er nicht viel Worte. Sogar bei Thora und Wissenschaft seien seine Worte nur wenige, aber es sei viel Inhalt. Rabbi Mose ben Maimon hat seine Werke nicht geschrieben aus Ruhmsucht, auch nicht aus einem. schriftstellerischen Bedürfnis, sondern aus einem Bewusstsein der Verantwortung für das zerstreute Israel, das er geistig heben und durch Religion und Tradition zusammenhalten wollte bis zum Herannahen besserer Zeiten.

Am deutlichsten geht der Charakter des Maimonides hervor aus seinen Gesetzesentscheidungen. Dafür einige Beispiele:

Ein Jude hatte den Thoraabschnitt über die Zizith in seinen Tallith eingewoben . Der dortige Rabbiner nahm daran Anstoss und erklärte dies als religionsgesetzlich nicht erlaubt. Der Betreffende wandte sich klagend an Maimonides. Dieser antwortete ihm.: "So wie du glaubtest, Gott zu dienen, als du entgegen dem Religionsgesetz einen Thoraabschnitt in deinen Gebetmantel ein- wobest, so diene ihm nun jetzt, indem du um des Friedens halber ihn wieder entfernst."

Von einen Manne aus Bagdad wurde er angefragt, ob man am Sabbath auf dem Euphrat und Tigris zu Schiffe fahren darf. Maimonides antwortete, dass dies unter gewissen Bedingungen erlaubt sei. Gegen diese Entscheidung protestierte Samuel Ali, das Oberhaupt der Talmudhochschule in Bagdad. Maimonides antwortete ihm: "Du scheinst der Meinung zu sein, dass wir zu jenen Menschen gehören, die eine Kritik oder eine Widerlegung ihrer Meinung nicht ertragen können. Wahrlich Gott hat uns vor solcher Schwäche bewahrt, und der Herr der Welt weiss, dass wir von jedem, selbst dem geringsten Schüler, sei er Freund oder Feind, Belehrung dankbar annehmen. Ist der Einwand richtig, so freuen wir uns, ist er unrichtig, so verachten wir denjenigen nicht, der ihn erhoben hat."

Maimonides war tolerant gegenüber den Karäern und allen Andersgläubigen. Von den Karäern sagt er, man müsse in freundschaftlichem Verkehr mit ihnen leben, erstreckt sich doch Gottes Liebe sogar auf Götzendiener. Heisst es doch im Psalm 145: "Gott ist gut gegen alle und sein Erbarmen erstreckt sich über alle seine Geschöpfe. Wie sollten wir diesen Menschen, die doch Nachkommen Jakobs sind und den einzigen Gott verehren, unsere Liebe versagen.

Ebenso tolerant war er gegen die Christen. Trotz gegenteiliger Meinungen bleibt er dabei, man dürfe ihnen Bibelunterricht erteilen. Es sei daraus nichts Übles zu befürchten, ja, manche Christen könnten dadurch zum wahren Verständnis der Bibel gelangen.

Von den Mohammedanern sagt er: „Sie glauben an die Einheit Gottes, sie sind daher nicht als Götzendiener zu betrachten, obgleich sie sich nach der Kaaba, dem einstigen Sitze ihres Götzendienstes, bücken. Der alte Götzendienst ist längst aus ihrer Mitte entschwunden, und an seiner Stelle hat der Gottesgedanke tiefe Wurzeln geschlagen."

Für sein Verhältnis zu den Proselyten zeugt folgender Vorfall: Ein gelehrter Jude hatte einem zum Judentum bekehrten Heiden seinen heidnischen Ursprung vorgeworfen. Der Beleidigte beschwerte sich hierüber bei Maimonides. Dieser antwortete: "Wenn dein Lehrer dich Dummkopf genannt hat, weil du behauptetest, die Mohammedaner seien keine Götzendiener, so hat er eine grosse Sünde begangen, und er muss dich um Verzeihung bitten, obschon er dein Lehrer ist. Möge er fasten und weinen, vielleicht wird Gott ihm verzeihen. Hatte er vollständig vergessen, dass die Thora an 33 Stellen uns den Schutz und die Liebe der Fremden empfiehlt. Nicht die Mohammedaner sind Götzendiener, sondern der Mensch, der seinem Zorn freien Lauf lässt. Es ist uns geboten. die Eltern zu ehren, auf die Worte der Propheten zu hören, aber den Fremden zu lieben von ganzem Herzen und von ganzer Seele. Und dich hat er Dummkopf genannt, dich, der du Vater und Mutter verlassen hast, um dich einem verachteten Volk anzuschliessen, dich, der du die Reinheit unserer Gesetze erkanntest. Im Gegenteil, Weiser verdienst du genannt zu werden. Gott, der Abraham gesegnet, er wird auch dich segnen und du wirst würdig sein aller Verheissungen Israels."

 

F. Lebensabend des Maimonides und sein Tod

 

1. Der Lebensabend


Die schweren Schicksalsschläge, die Maimonides in seiner Familie erlitten hat, sowie die übermässigen geistigen und beruflichen Anstrengungen haben die Gesundheit unseres grossen Weisen vorzeitig erschüttert. Schon im Jahre 1197 schrieb Maimonides an die Weisen Lunels (Chachme Lunel), gemeint ist der Gelehrtenkreis um Samuel ibn Tibbon: "Es ist heute nicht mehr wie in den Tagen der Jugend. Meine Kräfte sind im Abnehmen, meine Sinne getrübt und meine Hände zittern vor Schwäche. Ich bin nicht mehr imstande, auch nur einen kleinen Brief selbst zu schreiben, weshalb ihr entschuldigen müsst, dass ich nicht alles eigenhändig schreibe."

Zwei Jahre später schreibt er an die Gleichen: "Ich habe mich zurückgezogen von den Menschen und die stille Einsamkeit aufgesucht, damit ich ungestört bleibe. Bald lehne ich mich an die Wand, bald setze ich mein Schreiben fort. Wegen der Schwäche muss ich aber meist liegen, denn die Körperschwäche hat sich bei mir dem Alter zugesellt." Im Jahre 1202 schreibt er zum letzten Mal an die "Chachme Lunel": "Seid starken und mutigen Herzens, ihr und diejenigen, die in eurer Nähe wohnen, ihr seid in dieser Zeit die einzigen, die die Fahne Mosis hochhalten. Ihr beschäftigt euch mit dem Talmud und pflegt auch die andern Wissenschaften, aber hier, im Orient, sieht es mit dem Thorastudium traurig aus. In Syrien (Aleppo) sind noch einige wenige Gelehrte, die sich dem Thora Studium widmen, ohne dass sie indes "mit dem Preis ihres Leben sich dafür einsetzen", in Babylonien befinden sich noch einige "zerstreute Körnchen", und in Jemen wird das Thorastudium noch seltener betrieben. Darum haltet ihr die Fahne des Judentums hoch, seid stark und fest zu Ehren Gottes und seiner Thora."

 

2. Maimonides Tod


In der Nacht des 20. Tebeth 4965 = 13. Dezember 1204 hauchte Moses ben Maimon seine reine Seele aus. Einer der Grössten, die das Volk Israel je besessen, war aus dieser Welt geschieden. Juden und Muselmanen trauerten um ihn. Als die Nachricht von seinem Tode nach Alexandrien kam, ordnete die Gemeinde ein allgemeines Fasten an und las im Gottesdienst aus dem ersten Buch Samuel Kap. 4, in welchem die Worte geschrieben stehen: "Gewichen ist die Herrlichkeit von Israel, denn hinweggenommen ist die Lade Gottes."

Seinem letzten Wunsche entsprechend wurde Maimonides nach Tiberias überführt, er wollte in Erez Israel, an dem er mit ganzem Herzen hing, begraben sein, an dem !Orte, wo einst Rabbi Jehuda Hanassi, der Redaktor der Mischna, so oft zur Erholung geweilt und wo die treuen Hüter der Massora ihre Lehrstätte hatten. Das Grab des Maimonides war durch alle Jahrhunderte hindurch ein Wallfahrtsort für Unzählige seiner Verehrer und ist es bis zum heutigen Tag geblieben. Auf seinem Grabstein setzten Zeitgenossen die Inschrift: "Hier liegt ein Mensch und doch kein Mensch." Als bald nach seinem Tode ein leidenschaftlicher Streit ausbrach für und gegen seine Schriften, wurde obige Inschrift ausgetilgt und durch die Worte ersetzt: "Hier liegt Moses Maimonides, der gebannte Ketzer". Aber auch diese Inschrift blieb nicht bestehen. Anhänger des Maimonides löschten sie aus.

Der grosse zeitgenössische Dichter Jehuda Alcharizi, (der, wie vor ihm Samuel ibn Tibbon, den Moreh ins Hebräische übersetzt hat),hat auf den grossen Meister das schöne und tiefe Wort geprägt:


"Wenn du auch menschliche Züge trägst, so hat doch Gott von Dir gesprochen, als er sagte:

Ich will den Menschen in meinem Ebenbilde schaffen."


Das jüdische Volk aber in seiner Gesamtheit hat dem unsterblichen Moses ben Maimon, dem grossen Rambam, in seinem Herzen ein Denkmal errichtet, dauerhafter als Erz und Stein, das die Inschrift trägt: "Von Moses bis Moses stand keiner auf wie Moses."

 

Herausgegeben vom Rabbinerverband der Schweiz, 1955

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