Teschuwa - Immer mehr sich selbst werden

Teschuwa - Immer mehr sich selbst werden (Rav Leibel Lam zu Rosch Haschanah 5765)

“Und ein Engel von Haschem rief ihm zu und sagte: „Awraham – Awraham!“ und er sagte: „Hier bin ich!“ [Berejschit 22:11]

Awraham – Awraham: Das Verdoppeln seines Namens ist ein Ausdruck der Zuneigung. [Raschi]

Wir können sehr gut verstehen, dass Awraham in diesem Moment liebevoll angesprochen wurde. Soeben hatte er auf äusserst dramatische Weise seine Bereitschaft gezeigt, seinen eigenen Willen demjenigen des Allmächtigen zu unterwerfen. Wieso aber ist die Wiederholung des Namens ein Zeichen der Zuneigung?

Im Frühling reizt es mich hie und da, einige Blumen zu pflanzen. Besonders die elegante Sonnenblume hat es mir angetan. In der Gärtnerei liegen auf dem Gestell diese kleinen Päckchen mit den bunten Bildern, auf denen büschelweise hochgewachsene Sonnenblumen zu sehen sind. Das reicht in der Regel, um mich zum Kauf einiger dieser Päckchen zu bewegen. Hoffnungsvoll stecke ich einige Kerne in die Erde und warte auf die schönen Ergebnisse.

Nach wenigen Tagen fangen einige Pflänzchen an, ihren Kopf aus der Erde zu strecken. Einige Wochen später sind sie bereits ein gutes Stück zum Himmel hin gewachsen. Kurz nach dieser Phase kommt dann die grosse Enttäuschung: Die Pflanzen beginnen, sich zu neigen und zu biegen, immer stärker, bis sie schlussendlich allesamt auf dem Boden liegen bleiben.

Ich freue mich auf den Tag, an dem ich in den Garten schaue und entdecke: Die Sonnenblume, die aus der Erde spriesst, gleicht dem Bild auf dem Päckchen mit den Samen. Dann werde ich voller Freude ausrufen: „Sonnenblume!“, wenn ich die grossartige Pflanze bestaune und nochmals „Sonnenblume!“, wenn ich die täuschende Ähnlichkeit zum Bildchen auf der Verpackung erkenne. Es stimmt exakt überein!

Der Sohar erklärt, dass der Name eines Menschen verdoppelt wird, wenn er sein Potenzial, seine vorgegebenen Möglichkeiten ausschöpft. Wenn das Bild von dem, was ein Mensch erreichen kann, dem entspricht, wie der Mensch auch wirklich geworden ist, dann wird sein Name aus Zuneigung wiederholt.

Der Rambam schreibt in „Hilchot Teschuwa“ („Regeln zur Rückkehr“), dass jedermann so rechtschaffen wie Mosche werden kann. Die geistige Grösse (nicht die körperliche Grösse) hängt davon ab, wie weit er fähig ist, seinen freien Willen auszuüben und sich nicht von äusseren Lebensumständen beirren zu lassen. Aber gibt es den wirklich einen Menschen, der die Stufe von Mosche erreichen kann? Die Torah sagt uns ausdrücklich, dass es nie mehr einen Propheten wie Mosche geben wird. Seine unvergleichliche Grösse wird niemand mehr erreichen können. Was will uns dann der Rambam mit seinem Ausspruch sagen?

In der Jeschiwa rührte ein Freund von mir – lange bevor es populär wurde – in einer grünen Gesundheitsmischung, während sich die anderen Kaffee und Kuchen hingaben. Da machte sich einer an meinen lieben Freund heran und fragte ihn ziemlich unverschämt: „Meinst du, dass du gesünder bist als wir?“ Mein Freund gab ihm eine treuherzige, aber treffende Antwort: „Nein, aber viel gesünder als ich früher war!“

Von niemandem wird verlangt, ein Mosche oder Awraham zu sein. Beide holten das Beste aus dem heraus, das ihnen in ihre Wiege gelegt worden war.

An Rosch Haschanah lesen wir von Awrahams überwältigender Grosstat, der Akejda (Bindung von Jizchak). Dabei sollten wir uns in Erinnerung rufen, dass man von uns nicht verlangt, dass wir besser oder heiliger sein sollen als jeder andere auf diesem Planeten. Das Flehen des Schofars und das ständige Ticken der Uhr mahnen uns jedoch, mehr und mehr uns selbst zu werden.

Ketiwah wechatimah towah – ein gutes neues Jahr!

Quellen und Persönlichkeiten:
Raschi (1040 - 1105) [Rabbi Schlomo ben Jizchak]: Troyes (Frankreich) und Worms (Deutschland); "Vater aller Torahkommentare".
Sohar: Hauptwerk der jüdischen Mystiklehre.
Rambam (1135 - 1204): Rav Mosche ben Maimon; Spanien, Ägypten. Seine Hauptwerke sind „Mischna Tora“ und „Moreh Newuchim“.



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