Aw
/Paraschat Ejkew

Fasttag Tischa BeAw

Raw Prero zu Tisch‘a Be’Aw 

Vater weiss es am besten

Der Talmud (Kiduschin 31b) berichtet das Folgende: Raw Abahu sagte: „Mein Sohn Awimi hat das Gebot - seine Eltern zu ehren -richtig erfüllt… Eines Tages bat er (Raw Abahu) ihn (Awimi) „Bring mir ein bisschen Wasser.“ Als Awimi es seinem Vater brachte, war er eingeschlafen. Daraufhin blieb Awimi gebeugt über seinem Vater stehen, bis dieser aufwachte. Durch dieses Vorgehen gelang es Awimi, das Kapitel Mismor le’Asaf, ein Lied von Asaf (Tehilim 79) zu erklären.

Der grosse Erklärer, Raschi, führt aus, was Awimi durch seine Handlung von diesem speziellen Perek (Kapitel) Tehilim besser verstand: Der Perek beginnt: Ein Lied von Asaf, mein G’tt! Völker sind in Dein Erbteil eingedrungen, sie haben Dein Heiligtum entweiht, sie haben Jerusalem in einen Trümmerhaufen verwandelt.“ Der Perek beklagt weiter die Ermordung der Jehudim und die Schändung ihrer Körper. Alle Ereignisse, die im Zusammenhang mit der Zerstörung des Bejt Hamikdasch, des Heiligen Tempels in Jerusalem stehen, waren tragisch. Wenn man den bedrückenden Inhalt dieses Abschnittes berücksichtigt, hätte die Einleitung eher ein „Klagelied von Asaf“ heissen sollen. Dennoch finden wir, dass diese Pesukim (Verse) „Lied“ genannt werden. Diese Bezeichnung hatte Awimi beschäftigt.

Nun aber verstand Awimi diese Einleitung. Die Zerstörung des Bejt Hamikdasch war in der Tat ein tragisches Ereignis. Allerdings liess Haschem es zu, dass sich Sein Zorn mit der Zerstörung und Entweihung des Bejt Hamikdasch beruhigen liess, einem unbelebten Gebäude aus Holz und Steinen. Wäre dies nicht der Fall gewesen, so hätte nur die völlige Zerstörung Seines Volkes Seinen Zorn besänftigen können. Doch auch so wurden zur Zeit der Zerstörung unzählige Mitglieder des jüdischen Volkes erbarmungslos abgeschlachtet. Die Zerstörung hätte jedoch – wäre das Bejt Hamikdasch nicht zerstört worden – das ganze Volk Israel treffen können. Dass sich Haschem sich über Sein Volk als Ganzes erbarmte und es zuliess, dass die Nation überlebte, war genügend Grund für Asaf, seine Tefila als Lied zu bezeichnen, als Dank zu Haschem.

Wir lernen etwas Wichtiges von Asaf, ganz besonders in diesen Zeiten, da der Antisemitismus überall auf der Welt neue Höhepunkte erreicht. Wir müssen uns daran erinnern, dass Haschem uns auch in dieser Trauerzeit liebt. In der Trauerzeit, die im Fasttag von Tischa Be’Aw gipfelt.

Abgesehen von der grossen Bedeutung dieser Erkenntnis bleibt noch die Frage: Weshalb hatte Awimi den Sechut (das Privileg) diese Einsicht zu gewinnen?

Ein Maschal, das der Wilnaer Gaon in seinem Kommentar zu Megilat Esther bringt, mag zur Erklärung beitragen. Es gab einmal einen König, der nur ein einziges Kind hatte, einen Sohn, den er mehr als alles andere schätzte. Die Liebe, die der König diesem Kind zeigte, war so gross, dass die Diener des Königs, die ihr ganzes Leben dem Dienst des Königs gewidmet hatten, angesichts der Aufmerksamkeit und Zuneigung, welches das junge Kind vom König erhielt, auf es eifersüchtig wurden. Als der Jüngling älter wurde, behandelte er seinen Vater nicht immer liebevoll und mit Ehrfurcht. Schliesslich machte das Kind etwas, das seinen Vater so sehr erzürnte, dass der König keine andere Wahl hatte, als ihn vom Schloss zu verbannen. Er zwang seinen Sohn, durch einen dunklen Wald zu gehen. Der Sohn, im Wald umherirrend, war überzeugt, dass sein Vater ihn vergessen habe. In Tat und Wahrheit war gerade das Gegenteil der Fall. Der König realisierte, dass sein Sohn im Wald zahlreichen Gefahren gegenüberstand und er wollte sichergehen, dass ihm nichts zustosse. Er bestimmte deshalb, eine auserwählte Gruppe von Dienern, die aus Distanz seinen Sohn bewachen und beschützen sollten. Diese Diener hatten die Anweisung erhalten, dass sie unter keinen Umständen verraten sollten, dass sie auf Anweisung des Königs handelten; auf diese Weise würde der Sohn in sich gehen und überlegen können, was er getan hatte und es hoffentlich bereuen.

Eines Tages, als der Sohn durch den Wald wanderte, hörte er ein Brummen hinter sich. Als er sich umdrehte, sah er einen riesigen Bären angriffsbereit dastehen. Er begann davon zu rennen. Während er rannte, hörte er einen grossen Lärm hinter sich. Er sah einige Offiziere seines Vaters, die den Bär töteten und den Prinzen damit retteten. Er kam nicht dazu, die Diener zu fragen, was sie im Wald taten und nahm deshalb an, dass ihr Eintreffen und Eingreifen zur richtigen Zeit purer Zufall gewesen war.

Nicht lange nach dieser Geschichte trafen sich alle Offiziere, die auf den Prinzen neidisch waren, und wollten ihn umbringen. Eine Gruppe von ihnen suchte ihn im Wald und griff ihn an. Der Sohn versuchte sich zu wehren, doch sie waren in der Überzahl. Jedoch nur ein paar Momente später, tauchte noch eine Gruppe von Offizieren auf und begann gegen die erste Gruppe zu kämpfen. Sie gewannen und wieder wurde das Leben des Prinzen gerettet. Jetzt realisierte der Sohn, dass es kein Zufall gewesen sein konnte. Zweimal von den gleichen Menschen gerettet zu werden, während er durch den Wald wanderte, konnte nicht Zufall sein. Es musste sein, dass sein Vater auf ihn aufpasste, sogar während seines Exils. Als der Sohn dies realisierte, bereute er seine schlechten Taten gegenüber seinem Vater und verspürte eine tiefe Liebe für ihn. Seine Reue war echt und er wandte sich von seinen schlechten Wegen ab. Als sein Vater hörte, dass sein Sohn sich geändert hatte, hiess er ihn freudig wieder im Palast willkommen.

Awimi gehorchte seinem Vater. Er brachte ihm ein Glass Wasser. Doch, sein Vater war eingeschlafen, als das Wasser ankam. Awimi stellte das Wasser nicht einfach neben seinen Vater. Er stand nicht nur neben seinem Vater und wartete bis er aufwachen würde. Vielmehr stand er vornübergebeugt, bereit seinem Vater in der schnellsten und besten Art dienen zu können. Es ist sehr unbequem, gebückt da zu stehen; ganz speziell, wenn man nicht weiss, wie lange man in dieser unbehaglichen Lage wird verharren müssen.

Doch Awimi verstand die Natur des Verhältnisses zwischen Eltern und ihrem Kind. Liebende Eltern würden nie wollen, dass ihr Kind Schmerzen hat. Manchmal wird aber eine Tat der Eltern, dem Kind Schmerzen bereiten. Das Kind wird nicht verstehen, weshalb es leiden muss. Das Kind wird vielleicht denken, dass die Eltern ihm nicht helfen, dass sie sich nicht um es kümmern. Doch schliesslich hat dieser Schmerz einen Nutzen. Denn Awimi, in seinem Eifer, seinen Vater richtig zu ehren, begab sich in eine Position, die ihm Schmerzen bereitete und verstand deshalb, dass der Schmerz, die den Benej Jisrael durch die Taten von Haschem zustiess, Nutzen hatte.

Awimi bekam einen Einblick in die Beziehung zwischen den Benej Jisrael und Haschem, die der Wilnaer Gaon als ein Vater-Sohn-Verhältnis beschreibt. Dies, weil er in dem Verhältnis zu seinem Vater brillierte. Er verstand, wie auch wir es sollten, dass auch wenn unsere Situation hoffnungslos erscheint und es aussieht, als ob Haschem Sein Volk im Exil leiden lässt, Er doch mit uns ist. Haschem liess Seinen Zorn vor vielen Jahren an Holz und Stein aus, damit wir überleben konnten. Haschem will unser Überleben, wie ein Vater das Überleben seiner Kinder will.

Obwohl wir leiden mögen, so müssen wir uns doch vor Augen halten, dass Haschem immer allgegenwärtig ist und dafür sorgt, dass die Strafe nicht zu schlimm wird. Es ist vielleicht schwer dies zu begreifen, so wie die Lage für Awimi schwer war. Doch die Tatsache, dass wir überleben, sollte uns trösten und uns unserem Vater im Himmel näher bringen.

Möge unser Leiden bald ein Ende haben und möge sich der Monat Aw von einem Monat der Trauer in einen Monat der Freude verwandeln.

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Die Bearbeitung der Gedanken dieser Woche erfolgte durch Mitarbeiter des Jüfo-Zentrums in Zürich

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