Mar-Cheschwan
/Paraschat Lech Lecha

Jom Kippur

Ich möchte nach Hause kommen, aber ich weiss nicht, ob mein Vater mich hereinlassen wird   (Rav Frand zu Jom Kippur 5781)

Ich möchte einen Gedanken zu Jom Kippur besprechen. Wie Rav David Kronglass zu sagen pflegte, ist dies die wichtigste Woche des Jahres. Wir haben eine enorme Aufgabe vor uns; es ist die Aufgabe der Teschuwa. Wir sollten immer eine sehr wichtige Tatsache vor Augen haben: Wie dringend der Ribbono schel Olam (Herr der Welt) uns zurückhaben will.

Jeden Tag sagen wir in der Schemone Essre eine Beracha über Teschuwa. Die Beracha beginnt mit den Worten: "Führe uns zurück, unser Vater, zu Deiner Tora, und bringe uns, unser König, Deinem Dienst nahe, und beeinflusse uns, zu Dir in vollkommener Teschuwa zurückzukehren." Die Beracha endet mit den Worten: "Gelobt bist Du, Haschem, Der sich nach der Teschuwa sehnt (Haroze biTeschuwa)."

Wir sagen diese Worte so viele Male während dem Jahr, dass sie vielleicht ihre Wirkung verlieren. "Haroze biTeschuwa" bedeutet jedoch nicht nur, dass der Allmächtige unsere Teschuwa annehmen wird. Es bedeutet vielmehr, dass er unsere Teschuwa wünscht und sich danach sehnt. Sein Wunsch, dass wir zurückkehren sollen, ist so gewaltig, dass Er darauf wartet, solange wir auch nur eine minimale Anstrengung unternehmen, uns zurückzunehmen.

Ich las vor kurzem eine Kurzgeschichte eines nichtjüdischen Autors. Die Geschichte ist erfunden, aber ich bin der Meinung, dass sie sehr eindrücklich ist und eine wunderschöne Botschaft vermittelt, die direkt mit dem Gedanken verbunden ist, den ich gerade erwähnt habe. Die Geschichte fasst zusammen, was es bedeutet, wenn wir sagen, dass der Herr der Welt "Haroze biTeschuwa" ist.

Die Geschichte handelt sich um einen Jungen, der die Mittelschule beendet hat und – wie es unter Jugendlichen dieses Alters ziemlich typisch ist – seinen Eltern erklärte, dass er die Welt sehen und entdecken wolle. Sein Vater sagte ihm: "Nein, ich will, dass du die Universität besuchst." Der Jugendliche war nicht bereit, den Ratschlag seines Vaters anzunehmen: "Ich muss versuchen, auf eigenen Beinen zu stehen, und zu sehen, wie die restliche Welt aussieht. Ich will eine Reise unternehmen und andere Teile Amerikas sehen."

Der Vater sagte seinem Sohn: "Wenn du verreist, brauchst du nicht zurückzukommen. Du kannst entweder jetzt mit der Universität beginnen, oder du kannst dieses Haus verlassen und immer weiterziehen, weil du in meinem Haus nie mehr willkommen sein wirst." Der Jugendliche beschloss trotzdem, seine Reise zu unternehmen. Er pflückte Trauben in Kalifornien und verdiente sich Geld mit Gelegenheitsarbeiten, um weitermachen zu können. Wie es oft der Fall ist, sehnte er sich nach einer Weile nach Hause. Er vermisste seine Eltern. Er vermisste sein Heim. Er vermisste es, ein Dach über dem Kopf zu haben. Er vermisste es, zu wissen, wo seine nächste Mahlzeit herkommen würde. Er begann, per Autostopp zurück zur Ostküste zu reisen, von wo aus er gestartet hatte.

Es gelang ihm, bis nach Iowa zu kommen. Dort setzte er sich irgendwo auf einen Randstein hin und schrieb einen Brief nach Hause: "Liebe Mutter, ich bin müde. Ich bin hungrig, ich bin einsam. Ich will nach Hause kommen. Aber ich weiss nicht, ob Vater mich einlassen wird. Mutter, du weisst, dass das Zugsgeleise unsere Farm durchquert und dass es in der Nähe der Farm einen Apfelbaum gibt. Falls Vater mich einlassen wird, bitte ich Dich, ein weisses Handtuch an einen Ast dieses Baumes zu binden. Ich werde diese Strecke mit dem Zug bereisen, und ich werde den Apfelbaum suchen und sehen, ob ein weisses Handtuch an einem seiner Äste hängt. Falls Vater immer noch der gleichen Meinung ist, wie er es am Tag meiner Abreise war, als er mir sagte, dass ich nie wieder nach Hause kommen solle, verstehe ich, dass kein weisses Handtuch dort hängen wird und dass ich nicht nach Hause kommen kann.

Der Junge reiste zurück zur Ostküste und bestieg in der Nähe von Maryland einen Passagierzug in Richtung seines Heimes. Als der Zug sich der Farm seiner Eltern näherte, wurde er äusserst nervös. Würde dort ein Handtuch hängen oder nicht? Als der Zug immer näherkam, wandte er sich an einen Mann, der im Zug neben ihm sass, und sagte: "Bitte tue mir einen Gefallen. Wir werden bald an einer Farm mit einem Apfelbaum vorbeifahren. Ich werde meine Augen schliessen. Sage mir nur, ob ein weisses Handtuch an einem Ast dieses Baums hängt. Ich bin zu nervös, um selbst hinzuschauen." Er hatte so Angst, dass das Handtuch nicht dort sein würde, dass er sich nicht getraute, selbst auf den Baum zu schauen.

Er sass mit geschlossenen Augen im Zug, bis der Zug an der Farm und am Baum vorbeigefahren war. Dann sagte er zu seinem Zugsnachbarn: "Was hast du gesehen?" Dieser antwortete: "Mein Freund, auf jedem Ast dieses Baumes hängt ein weisses Handtuch." Dies zeigte ihm in der Tat, dass sein Vater nicht darauf warten konnte, seinen Sohn zuhause willkommen zu heissen.

Dies ist lehawdil (Unterschied zwischen einer alltäglichen Geschichte und einer bedeutsamen geistigen Lektion) ein Maschal für die Bedeutung "Er sehnt sich nach Teschuwa." Der Ribbono schel Olam will uns leidenschaftlich zurückhaben. Genauso wie irgendein Vater, der mit seinem Sohn vielleicht Meinungsverschiedenheiten hatte, und am Ende "Erbarmen mit seinen Kindern" hat, wieviel mehr ist das mit dem Erbarmen unseres Vaters im Himmel der Fall, das keine Grenzen hat. Er will uns sicherlich so sehr zurückhaben, wie irgendein menschlicher Vater seinen Sohn zurückhaben will.

Mögen wir alle das Verdienst einer vollkommenen Teschuwa haben und für ein langes, gutes und gesundes Leben, für ein Jahr der Erlösung und Rettung und für Frieden für ganz Israel eingeschrieben und besiegelt werden.

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Die Bearbeitung dieses Beitrages erfolgte durch Mitarbeiter des Jüfo-Zentrums in Zürich

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