Tischrej
/Chol HaMoed Sukkot

Sukkot

Das Sitzen in der Sukka, weil Ja’akow Hütten für sein Vieh baute?! (Rav Frand zu Sukkot 5780)

Ergänzungen: S. Weinmann


Der Tur [Or Hachajim Absatz 417] schreibt bei den Gesetzen von Rosch Chodesch (Neumond), dass die Wallfahrtsfeste den Vorvätern zugeordnet werden können. Pessach symbolisiert Awraham, wie im Passuk (Vers) angedeutet wird: "Knete und backe Kuchen" [Bereschit 18:6]. (Gemäss Chasal, wie Raschi in Paraschat Bo [Schemot 12:41] bemerkt, besuchten die Engel Awraham am 1. Tag von Pessach.) Schawuot symbolisiert Jizchak, weil der Schofarton bei der Übergabe der Torah [Schemot 19:19] mit dem Horn des Widders erfolgte, der anstelle von Jizchak bei der Akejda (der Bindung Jizchaks) geopfert wurde. Sukkot, schlussendlich, wird Ja'akow zugeordnet, so wie geschrieben steht: "... und für sein Vieh baute er "Sukkot" (Hütten), deshalb wurde der Ort Sukkot genannt." [Bereschit 33:17]

Rav Meir Bergman stellt in seinem Buch Scha'rej Ora eine offenkundige Frage: Wir verstehen, dass Pessach mit Awraham verbunden wird, weil er Sarah aufforderte Mazzot zu backen. Das macht Sinn. Zu Awraham gehört das Attribut von Chessed (Wohltätigkeit) und das Zubereiten von Speise und das Bedienen von Gästen symbolisiert Wohltätigkeit, den Kern von Awrahams Wirken.

Wir können auch begreifen, dass Schawuot zu Jizchak gehört, weil das Schofar vom Berg Sinai vom Widder der Akejda herstammt. Auch das macht Sinn. Jizchak ist das Sinnbild für Opferbereitschaft ("Mesirat Nefesch"). Diese Eigenschaft wird durch den Widder repräsentiert, der Jizchak ersetzte, welcher bereit war, sich als Opfer hinzugeben. Das passt gut zum Leitgedanken der Übergabe der Torah (an Schawuot), weil wir auch dafür etwas von dieser Opferbereitschaft benötigen. Beide Hinweise machen Sinn.

Aber wieso versinnbildlicht das Bauen von Hütten für die Schafe die Essenz von Ja'akows Wirken?

Rav Bergman gibt eine wunderschöne Erklärung zum Kommentar des Tur: Der Or HaChajim Hakadosch stellt zum obigen Passuk folgende Frage: Muss der Ort wirklich "Sukkot" genannt werden - einfach, weil Ja'akow hier kleine Hütten für sein Vieh aufgestellt hat? War dies eine derart wichtige Tätigkeit, nach der der Ort für alle Zeiten mit dem Namen Sukkot benannt werden musste? Der Or Hachajim antwortet, dass Ja'akow mit den Sukkot etwas Revolutionäres für sein Vieh tat, etwas, was vor ihm noch niemand in der ganzen Weltgeschichte getan hatte. Ja'akow war der Erste, der für sein Vieh einen Stall baute. Um diese bahnbrechende Tat zu verewigen, nannte man diesen Ort für alle Zeiten Sukkot.

Die Antwort des Or Hachajim bedarf jedoch zusätzlicher Erläuterung. Rav Bergman erklärt dies wie folgt: Paraschat Wajeschew enthält die Geschichte, wie Josef von Potiphars Frau auf die Probe gestellt wird. Unsere Weisen sagen, dass Josef, als er drauf und dran war, verführt zu werden, bei sich dachte: "Wie kann ich das nur tun? Ihr Ehemann war gegenüber mir so grosszügig. Er gab mir Arbeit, er gab mir Unterkunft - wie kann ich so undankbar sein und so schändlich handeln?"

Was war es, das Josef zu diesen Gewissensbissen brachte? Das Bildnis seines Vaters erschien in diesem Moment am Fenster. Dies hielt ihn davon ab, sich zu versündigen. Was ist die Bedeutung davon?

Das bedeutet, dass Ja'akow seinem Sohn Josef die Hochachtung vor dem Attribut von Hakarat HaTov (Anerkennung einer Dankesschuld gegenüber einem anderen) mitgab. Unsere Weisen leiten dies von der Tatsache ab, dass Ja'akow Josef (wie wir in Paraschat Wajeschew lernen) mit dem Auftrag wegschickte: "Bitte gehe und schaue ... wie es den Schafen geht ..." [Bereschit 37:14]. Ein Mensch ist demnach verpflichtet, sich um Dinge zu kümmern, von denen er Nutzen zieht. Mit anderen Worten: Sogar gegenüber seinen Schafen ist ein Mensch zu Hakarat HaTov verpflichtet.

Wenn jemand seinen Lebensunterhalt mit Schafzucht verdient, verlangt das Attribut von Hakarat HaTov, dass er gegenüber seinen Schafen Wertschätzung erweist. Sie sind es, die ihm seinen Lebensunterhalt ermöglichen. Ja'akow Avinus Attribut von Hakarat HaTov ging so weit, dass er Josef beauftragte, nach dem Wohlbefinden der Schafe zu schauen.

Es ist klar, dass für Hakarat HaTov nicht wichtig ist, wer es ist, der uns einen Gefallen erwiesen hat - verpflichtet ist nur der Begünstigte. Es kommt deshalb nicht darauf an, ob ich von einem Stein oder einem Schaf oder dem Nil Nutzen ziehe. Das Judentum verpflichtet mich, alles zu achten, das mir Wohlbefinden, Schutz oder Lebensunterhalt gibt.

In Parschat Wa’era  bei der Plage des Blutes  befiehlt G’tt Mosche: "Sprich zu Aaron, 'Nimm deinen Stab und neige deine Hand über die Wasser von Ägypten, über seine Ströme, über seine Flüsse, über seine Teiche und über seine Wasseransammlungen und sie sollen zu Blut werden; es wird Blut sein im ganzen Land Ägypten, auch in hölzernen und steinernen Gefässen.'" [Schemot 7:19]

Raschi sagt zu diesem Passuk, dass es Aharon war, und nicht Mosche, dem befohlen wurde, die Plage auszulösen, da der Nil Mosche beschützt hatte, als er als Baby hineingeworfen wurde. Deshalb löste Aaron sowohl die Plage des Blutes als auch die Plage der Frösche (bei welcher der Nil auch geschlagen werden musste) aus.

Die Gemara (Talmud) sagt dazu: Ein Mensch soll keine Steine in den Brunnen werfen, aus dem er getrunken hat.

Dies ist das Prinzip von Hakarat haTow (Dankbarkeit zu zeigen). Wir lernen von hier, dass Hakarat haTow sogar dann angeht, wenn derjenige der den Gefallen tut, nur tut, was er ohnehin tun sollte. Der Nil hat den Korb nur treiben lassen. Dies ist die Natur von Wasser. Es ist ein physikalisches Gesetz, dass was leichter als Wasser ist, auf ihm schwimmt. Der Nil hat also nichts Ausserordentliches für Mosche getan. Er tat nur, was er schon immer getan hatte.

Und trotzdem lernen wir von hier die Verpflichtung, Hakarat haTow zu zeigen. Dies widerspricht der üblichen Meinung der Menschen, die besagt: "Weshalb muss ich 'Danke' sagen? Weshalb muss ich Hakarat haTow haben? – Er musste es ohnehin tun!"

Und noch viel mehr: Der Empfänger des Hakarat Hatov hat absolut keine Ahnung, dass ich mich ihm gegenüber dankbar zeige, wie der Brunnen, der Nil oder die Schafe.

Das war die Torah (Lehre) unseres Vorvaters Ja'akow. Der Auftrag, nach den Schafen zu schauen, war für Josef eine Lehre für den Rest seines Lebens. Sei nicht undankbar. Schätze die Wohltaten, die man dir angedeihen lässt. Als Josef die Prüfung mit der Frau seines Herrn bestehen musste, erschien ihm das Bildnis seines Vaters am Fenster, welches die Lehren von Ja'akow versinnbildlichte.

Das Bildnis seines Vaters Ja'akow stellte nicht vordergründlich eine Warnung vor der schweren Sünde von Unzucht dar. Es warnte ihn vielmehr vor der Schwere der Sünde von Undankbarkeit. Das war es, was Josef zurückhielt.

Wir kennen nunmehr die Aussage des Or HaChajim. Die Stadt wurde Sukkot genannt, weil Ja'akow der erste Mensch der Weltgeschichte war, der Hütten für seine Tiere aufstellte. Wieso war dies so bedeutend? Jetzt können wir dies verstehen. Das Gefühl von "meine Schafe sollen nicht draussen in Regen und Schnee und Hitze ausharren. Sie sorgen für mich - deshalb muss auch ich für sie sorgen" war eine Eigenschaft von Ja'akow Avinu. Es geht hier nicht um Vermögensverwaltung, darum, dass die Schafe deshalb fetter und deshalb einen höheren Verkaufspreis erwirken würden. Es geht um: "Sogar einem Schaf bin ich zu Dank verpflichtet."

Jetzt verstehen wir den Tur. Wir feiern das Fest von Sukkot, weil unser Vorvater Sukkot baute. Ja'akow lehrte uns Hakarat HaTov - sogar gegenüber Tieren, mehr noch gegenüber anderen Menschen und ganz bestimmt gegenüber G'tt. Deshalb sitzen wir jedes Jahr in Sukkot und erfüllen die Torah unseres Vorvaters Ja'akow. Wir danken G'tt, dass er uns aus Ägypten herausgeholt und volle vierzig Jahre in der Öde umgeben von Wolken unterhalten hat. "Dankeschön", darum geht es an Sukkot.

Quellen und Persönlichkeiten:

  • Tur (1268 – 1340): Frühe jüdische Gesetzessammlung von Rabbi Ja‘akov ben Ascher. Erste Ausgabe 1514 in Konstantinopel.
  • Or HaChajim Hakadosch (1696 – 1743): Name des Hauptwerks von Rabbi Chajim ben Mosche ben Atar, Torahkommentator; Marokko, Italien, Israel.
  • Rav Meir Bergman: Zeitgenössischer Rosch Jeschiwa in Benej Berak, Israel, Verfasser vom Werk Scha’arej Ora.

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Die Bearbeitung dieses Beitrages erfolgte durch Mitarbeiter des Jüfo-Zentrums in Zürich

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