Raw Frand zu Parschat Noach 5762

Die drei Philosophien beim Turmbau zu Babel: eine ist für immer zerstört, eine kehrt immer wieder zurück und eine besteht immer noch

Zur heutigen Parscha (Wochenabschnitt) gibt es einen faszinierenden Midrasch. Der Pasuk (Vers) sagt: "Kommt, wir wollen uns eine Stadt bauen und einen Turm mit der Spitze in den Himmel hinein und wir wollen uns einen Namen machen, damit wir nicht in die ganze Welt zerstreut werden." [Bereschit 11:4] Der Midrasch bemerkt, dass der Turm zu Babel zu einem Drittel verbrannte, zu einem Drittel im Boden versank und zu einem Drittel heute noch weiterbesteht. Der verbleibende Drittel ist immer noch so hoch, dass, wenn man nach oben steigt und hinunterschaut, Palmen so klein wie Heuschrecken erscheinen.

Diese Art von Midrasch bedarf einer Erklärung. Chasal (die Rabbiner) schrieben die Aggada (Teile von Talmud und Midrasch in Form von Gleichnissen) in einer besonderen Sprache, welche eine Art Geheimtext darstellt. Oft finden wir einen so codierten Text und versuchen ihn wörtlich verstehen; er ergibt dann keinen Sinn. Wenn wir einen solchen Midrasch verstehen wollen, müssen wir versuchen, ihn zu entziffern, um zu verstehen, was Chasal uns sagen wollen.

Es ist höchst unwahrscheinlich, dass die Verfasser dieses Midraschs, wirklich Ueberreste des Turmes zu Babel sahen. Es ist auch äusserst unwahrscheinlich, dass sie einen Beweis oder auch nur eine Ueberlieferung hatten, dass ein Drittel des Turms im Boden versank und ein Drittel verbrannte. Der ganze Midrasch muss im übertragenen Sinne verstanden werden.

Ich sah eine grossartige Erklärung dieses Midraschs von Rav Nissan Alpert szl. (einem herausragenden Schüler von Rav Mosche Feinstein szl.). Rav Alpert verbindet diesen Midrasch mit einem anderen Midrasch zu Parschat Noach. Dieser Midrasch betrachtet die verschiedenen Beweggründe der Turmbauer. Wir finden drei unterschiedliche rabbinische Meinungen, was die Bauleute wohl im Sinne hatten. Der Abschnitt über den Turmbau zu Babel wird mit folgendem Pasuk (Vers) eingeleitet: „Damals war auf der ganzen Erde eine Sprache und „Dewarim achadim" [Bereschit 11:1]." Zu diesem Satz gibt es drei Erklärungen.

Eine Meinung übersetzt den Ausdruck „Dewarim achadim" wörtlich mit „gemeinsamen Worten". Alle Menschen hatten ein gemeinsames Ziel; sie hatten ein gemeinsames Ideal: eine neue Weltordnung, eine Weltregierung für die ganze Menschheit.

Eine zweite Lehrmeinung übersetzt diesen Ausdruck mit „scharfen Worten" (wie wenn „Dewarim chadim" geschrieben stände). Damit ist gemeint, dass die Menschen den Himmel herausforderten. Gemäss dieser Meinung forderten die Menschen G’tt auf scharfe Weise heraus. Als Zeichen, dass sie bereit wären gegen den Allmächtigen zu kämpfen falls er versuchen würde, Seine Herrschaft auf der Welt auszudehnen, steckten sie ein Schwert in die Turmspitze.

Gemäss der dritten Meinung war der Schutz gegen eine künftige Flut der Antrieb für dieses Unternehmen. Sie dachten, dass der Himmel hie und da einstürzt und eine furchtbare Flut auslöst. Damit dies in Zukunft nicht mehr geschähe und um eine riesige ökologische Katastrophe zu verhindern, bauten sie den Turm zur Stützung des Himmels.

Rav Alpert erklärt dies so: Der erste Midrasch beschreibt, was aus den drei Philosophien geworden ist, die für die Erbauer des Turms zu Babel (gemäss den drei Meinungen des zweiten Midraschs) Pate standen. Eine der Philosophien wurde verbrannt, sie wurde - mit anderen Worten - vollständig zerstört und existiert nicht mehr. Eine von ihnen ist in den Boden versunken, das heisst, sie ist aus unserem Blickfeld verschwunden, aber macht sich hie und da wieder bemerkbar. Eine ist jedoch immer noch vorhanden - lebendig, kraftvoll und weiterhin massgebend in unserer heutigen Gesellschaft.

Die Philosophie „wir wollen gegen G’tt kämpfen" wurde vollkommen zerstört. Es ist interessant, dass heutzutage jedes Königreich – sei es auch noch so korrupt und verdorben – von sich behauptet, es handle „im Namen G’ttes". Sogar als Saddam Hussein es mit dem Rest der Welt aufnahm, behauptete er wiederholt: „G’tt ist auf meiner Seite." Wie konnte G’tt auf seiner Seite sein? Dieser Mann ist ein Ungeheuer! Dies ist die Kraft der Verblendung. Jeder meint, er habe G’tt auf seiner Seite. In der heutigen Zeit sagt keiner mehr, dass er einen Krieg gegen G’tt führe. Diese Philosophie gibt es heute nicht mehr. Sie wurde „verbrannt".

Die Philosophie der „neuen Weltordnung" ist versunken. Sie existiert jedoch weiterhin und taucht hie und da wieder auf, obwohl sie grundsätzlich versagt hat. Als der 1. Weltkrieg zu Ende war, taten sich die Nationen der Welt zusammen, um zu versuchen, eine „neue Weltordnung" zu errichten. Sie versuchten, einen „Völkerbund" aufzubauen. Der Völkerbund hielt für einige Jahre und dann begann der 2. Weltkrieg. Nach dem 2. Weltkrieg nahm man in San Francisco einen neuen Anlauf. Dieses Mal nannte man das Gebilde „Vereinte Nationen". Mehr als fünfzig Jahre später wissen wir genau, wie korrupt und bankrott eine solche Institution werden kann. Wir alle sehen, wie weit dieses Traumgebilde und die Realität auseinanderklaffen. Nach dem Golfkrieg brachte Präsident Bush (der ältere) den Gedanken einer „neuen Weltordnung" wieder auf den Tisch. Sechs Monate später war die Golfkrieg-Koalition bereits wieder auseinandergefallen. Die Geschichte wiederholt sich immer wieder. Die Idee einer „neuen Weltordnung" verschwindet und taucht von Zeit zu Zeit wieder auf. Bis Moschiach (Messias) kommt, wird es keine „neue Weltordnung" und keine Weltregierung geben.

Die dritte Philosophie, welche hinter dem Turmbau zu Babel steckt, gibt es jedoch weiterhin. Welche Philosophie ist es? Es ist die Philosophie, dass wir einen Turm bauen müssen, um eine künftige Flut zu verhindern. Beachten Sie folgendes: Noach (Noa) stand während 120 Jahren vor seiner Arche und warnte, dass G’tt bald eine Sintflut über die Welt bringen werde. Noach wurde während 120 Jahren verspottet und ausgelacht. Zum Schluss kam die Sintflut. Noach wurde gerettet und alle anderen ertranken - genau wie er vorausgesagt hatte.

Welche Lehre können wir daraus ziehen? Jeder denkende Mensch kann daraus folgern, dass es einen G’tt gibt, der die Menschheit belohnt und straft.

Was sagten die Menschen jener Generation? Es ist ein Problem der Natur. Wenn ein Turm richtig konstruiert wird, kann er den Himmel stützen und davon abhalten, einzustürzen. Es wird keine Fluten mehr geben.

Diese dritte Philosophie existiert weiterhin. Tagtäglich, bis zum heutigen Tag, sehen wir dieses Phänomen. G’tt kann noch so offensichtliche Wunder machen, es wird immer Menschen geben, die dies mit Natur, mit Statistik oder mit Zufällen erklären wollen – nur nicht mit der Hand G’ttes.

Diese Philosophie aus der Zeit des Turms von Babel existiert bis zum heutigen Tag. Es gibt sie in einem Masse, dass, „wenn man nach oben steigt und hinunterschaut, Palmen klein wie Heuschrecken sind". Ein Wunder kann so grossartig sein, sodass es wie eine Palme aus der Landschaft hervorsticht. Und doch werden die Neinsager dies auf Natur und Zufall zurückführen und kleinmachen wie eine Heuschrecke. Während dem Golfkrieg fielen 39 Scud-Raketen auf Israel und nur 2 Menschen starben „Nun, sie hatten Glück. Sie fielen halt gerade an den richtigen Stellen." Je grösser das Wunder, desto kleiner erscheint es für diese Leute.

Quellen und Persönlichkeiten
Midrasch: Erklärungen zur Tora, sehr oft mit Gleichnissen.
Rav Nissan Alpert [Limudei Nissan] (gest. 1986): Rav der Agudah Long Island in Far Rockaway und Lehrer an der Jeschiwat ‚Rabbenu Jitzchak Elchanan‘.New York City.



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