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Prüfungen, ja oder nein? - (Perspektiven zu Paraschat Wajera 5780)

Prüfungen, ja oder nein?

Aus «Die Jüdische Zeitung», Nr. 43, 17. Cheschwan 5779 / 26. Oktober 2018

Bearbeitet von S. Weinmann

 

Am Schluss der morgendlichen Birkot Haschachar (Segenssprüchen), bitten wir täglich, dass Haschem uns vor allen Schäden, Schädlingen und schädlichen Einflüssen bewahren soll. Dabei bringen wir auch zum Ausdruck, dass wir nicht getestet werden sollen: ‚Al tewi’neu… lo lidej Nissajon – lasse uns nicht in eine Versuchung (Prüfung) kommen!‘

Es ist eine bekannte Frage, Haschem schickt uns doch all diese Prüfungen, damit wir dafür einen Verdienst erhalten. Weshalb bitten wir dann, keine Prüfungen bestehen zu müssen?

Der Midrasch Tanchuma [14] ֲֲin Paraschat Schelach Lecha behandelt das Thema der zehn Prüfungen von Awraham Awinu. Dort steht, dass Awraham Awinu sich nach dem letzten der zehn Prüfungen an Hkb“H wandte und sagte: „Herr der Welt! Ich bin nicht bereit von diesem Ort zu weichen, bis Du mir nicht durch einen Schwur versprichst, mich nie mehr durch eine Prüfung zu testen! Denn hätte ich Dir, G“tt behüte, nicht gehorcht, so hätte ich all meine Bemühungen meines ganzen Lebens verloren!“

Rabbi Chanin sagt: „Hkb“H antwortete ihm: „Bei deinem Leben, es ist wahr! Hättest du mir nicht gehorcht, hättest du nichts gehabt!“ Zu diesem Zeitpunkt schwor Hkb“H, dass Er ihn nie mehr testen würde. Haschem sagte ihm alsdann: „Bei deinem Leben! Schreckliche Leiden und andere schwere Prüfungen hätten über dich kommen sollen, nun werden sie jedoch nicht mehr über dich kommen.“ Es sind dies die Leiden von Ijow (Hiob), die eigentlich über Awraham Awinu hätten kommen sollen.

Hkb“H sprach zu jener Zeit zu Awraham Awinu [Kohelet/Prediger 9:7]: „Geh und esse dein Brot mit Freude, trinke deinen Wein mit gutem Herzen, denn G“tt hat deine Taten schon wohlwollend angenommen!“

Dieser Midrasch bedarf einer Erklärung. Denn wenn Awraham Awinu wirklich noch viele Leiden und Prüfungen hätte überstehen müssen, um sich selbst und seine Awoda (G-ttesdienst) zu vervollständigen, dann wäre seine Bitte vor Hkb“H, ihm keine Prüfungen mehr zuschicken, sicher kein Grund, diese Leiden und Prüfungen ihn nicht bestehen zu lassen? Es ist besonders der letzte Satz - „Geh und esse dein Brot mit Freude, trinke deinen Wein mit gutem Herzen, denn G“tt hat deine Taten schon wohlwollend angenommen!“ - der ein Problem darstellt. Denn daraus kann geschlossen werden, dass Awraham Awinu durch seine Bitte sein Ziel erreicht und sich in seiner Awoda vervollständigt hatte. Hat ein Mensch denn sein Ziel vorzeitig erreicht, wenn er Haschem darum bittet, nicht mehr getestet zu werden?

Raw Nathan Meier Wachtvogel s’Zl erklärt, dass der Midrasch uns hier einen äusserst wichtigen Grundsatz im Judentum lehrt: Eine Prüfung mit Bravour zu überstehen ist eine gigantische Sache; wir glauben fest daran, dass es – in unserem G-ttesdienst - die höchste Stufe ist und das erhabenste Ziel bedeutet. Jedoch lehrte Hkb“H hier Awraham Awinu, dass die Bitte vor Hkb“H, nicht in eine Prüfung zu gelangen, ein viel höheres Ziel ist! Weshalb?

Denn wenn ein Mensch versteht, dass er sich auf Haschem verlassen muss und selbst nicht die Macht besitzt, sich über die Prüfungen hinwegzusetzen, obwohl er gewisse Prüfungen gut überstanden hat, dann hat er sich vervollständigt. Awraham Awinu hat wirklich sein Bestes gegeben, um alle Prüfungen des Lebens zu überstehen. Er hat sich nicht einfach zurückgelehnt und Haschem gebeten, die Arbeit allein auszuführen, sondern er hat die Prüfungen auch wirklich perfekt überstanden. Solange er sich aber noch auf seine eigene Kraft verlässt und glaubt, dass er genügend Seelenstärke besitzt, um allen Versuchungen zu wiederstehen, dann ist er noch nicht vollkommen. Die höchste Stufe erreicht er erst, sobald er Hkb“H erklärt: ‚Diese Prüfung war so schwer, dass ich sie unmöglich ohne Deine Hilfe bestehen konnte!‘

Der Mensch bittet Haschem deshalb, ihm keine Prüfungen mehr zu schicken. Dies aber nicht aus dem Grund, weil er sich zur Ruhe setzen möchte, sondern weil er durch seine G“ttesfurcht darum bangt, eine Prüfung eventuell nicht bestehen zu können. Durch seine Erkenntnis, dass er sich nicht auf seine Kräfte verlassen kann, bittet er Hkb“H, ihn nicht mehr zu testen. Dann hat er sich in der Emuna (Glauben) vervollständigt und sich seinem Schöpfer angeheftet.

Nachdem Awraham Awinu den schwersten Nissajon (Prüfung), die Akejdat Jizchak bestanden hatte, sah er ein, dass auch ein Mensch, der seinem Schöpfer mit all seinen Kräften dient, noch nicht vollständig ist, denn er kann allein nicht zur Vollkommenheit kommen. Mit anderen Worten ist es die Erkenntnis von ‚Ejn od miLewado – es gibt niemand ausser ihn‘, auch dort wo der Mensch seiner Bechira – freien Wahl überlassen ist. Diese Erkenntnis zusammen mit der Kraft der anschliessenden Tefilla, brachten Awraham Awinu zu einem Punkt, wo Haschem ihm bekanntgeben konnte, dass er schon keine Teste mehr benötigt und sich freudig und zufrieden zurücklehnen darf.


Quellen und Persönlichkeiten:

  • Midrasch Tanchuma: Sammlung von Erklärungen und Aggadot zum Chumasch. Wird nach dem Amora (Talmudgelehrten) Rabbi Tanchuma Bar Abba benannt, da er am häufigsten in diesem Midrasch zitiert wird. Er war ein jüdischer Amora der 6. Generation, einer der bedeutendsten Aggadisten seiner Zeit.
  • Rabbi Nathan Meier Wachtvogel; Maschgiach (Leiter und geistiger Ratgeber) der Jeschiwa Lakewood, New Jersey, USA.

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Die Bearbeitung dieses Beitrages erfolgte durch Mitarbeiter des Jüfo-Zentrums in Zürich _________________________________________________________________________________________

 

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