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Der "Derech Haschem" ist der goldene Mittelweg - Rav Frand zu Paraschat Wajera 5781 - Beitrag 1

Der "Derech Haschem" ist der goldene Mittelweg 

 

Der Rambam schreibt in Hilchot De’ot [Kapitel 1], dass es verschiedene Typen von Menschen auf der Welt gibt, alle mit ihren Eigenschaften und persönlichen Ansichten. Es gibt Menschen, die schnell die Beherrschung verlieren und sehr zornig werden. Andere Menschen verfügen über ein ruhiges Gemüt und regen sich nur selten oder gar nicht auf. Es gibt sehr hochmütige und es gibt solche, die über alle Masse bescheiden sind. Es gibt solche, die ein unstillbares Begehren nach allen möglichen physischen Lüsten haben, während andere sich mit minimalen physischen Unentbehrlichkeiten begnügen. Der eine ist äusserst grosszügig, der andere sehr geizig.

Zwischen jeder einzelnen dieser Middot (Charaktereigenschaften) und derjenigen, die ihr entgegengesetzt ist, gibt es Charakterzüge, die dazwischen liegen, wobei auch diese sich stark voneinander unterscheiden.   

Der Rambam schreibt, dass in jedem Fall beide Extreme eines besonderen Charakterzuges nicht der richtige Lebensweg ist. Extrem in einer spezifischen Eigenschaft zu sein, ist nicht gut. Ein Mensch sollte nicht die ganze Zeit "aus der Haut fahren", aber manchmal muss ein Mensch seine Entrüstung zeigen; ein Mensch soll nicht sein ganzes Geld verteilen, aber er soll auch nicht geizig sein, usw. "Haderech Hajeschara – der gerade Weg" ist laut dem Rambam der "goldene Mittelweg". Jede Eigenschaft hat einen abstandsgleichen Punkt zwischen den zwei Extremen, der für ein angemessenes Verhalten passend und angebracht ist.

Der Rambam sagt, dass dieser Zugang der "goldenen Mitte" von der Tora "Derech Haschem" (der Weg G"ttes) genannt wird. Dies ist, was Awraham seinen Nachkommen lehrte.

Wo sehen wir, dass Awraham seinen Kindern lehrte, dass sie immer diesen "goldenen Mittelweg" einnehmen sollten? Der Rambam zitiert den Passuk in unserer Parascha "Denn Ich liebe ihn, weil er seinen Kindern und seinen Hausleuten nach ihm lehrt, dass sie den "Derech Haschem - den Weg von Haschem" einhalten sollen, Wohltätigkeit und Gerechtigkeit auszuüben, damit Haschem über Awraham bringe, was Er ihm verheissen hat" (Bereischit 18: 19). Wo sah der Rambam dieses Prinzip in diesem Passuk? Normalerweise, wenn der Rambam einen Beweis aus einem Text zitiert, ist dieser sehr präzise. Die Schlussfolgerung wird gewöhnlich klar in den zitierten Pessukim dargelegt. Hier sind wir verwirrt. Wo weist dieser Passuk darauf hin, dass ein Mensch immer den goldenen Mittelweg beschreiten soll?

Die Antwort ist folgende: Wenn der Rambam sagt, dass wir unser Leben gemäss dem goldenen Mittelweg führen sollten, er damit nicht sagen möchte, dass ein Mensch immer die Haltung des Mittelwegs einnehmen soll. Der Rambam meint, dass die Haltung eines Menschen in der Regel abstandsgleich von den zwei Extremen sein soll; wenn es aber die Situation erfordert, dass er das eine oder andere Extrem anwenden kann, wie es unter Umständen angemessen ist. Es bedeutet eben nicht, dass wir stur immer den Mittelweg benützen sollen.

Wir sollen zum Beispiel nicht sagen, wenn ein dringendes Ersuchen für eine Wohltätigkeit auf uns zukommt: "Also ich gebe normalerweise bei Zedaka-Gesuchen $100.-, deshalb werde ich auch jetzt nur diesen Betrag geben." Dasselbe geht für jemanden an, der weniger gibt. Er sollte nicht sagen: "Ich gebe jedem $2.-, also gebe ich auch in diesem dringenden und verzweifelten Fall $2.-" Manchmal ist es angemessen, einen Check über $100.- zu schreiben, und ein anderes Mal ist es angemessen, einen Check über $1000.- zu schreiben, und manchmal sind auch $2.- ausreichend. Es gibt Situationen, in denen der Mensch übermässig grosszügig sein sollte, und es gibt Situationen, in der er realisiert, dass der Bittende die Spende nicht wirklich nötig hat.

Der goldene Mittelweg bedeutet nicht, dass alle Situationen gleich sind. Er bedeutet, dass ein Mensch sich auf dem Mittelweg positionieren sollte, damit er – wenn die Situation es erfordert – Extreme in jeder Richtung anwenden kann.

Es ist nicht richtig, dass ein Mensch absolut nie aufgeregt sein darf. Manchmal muss man zumindest "Entrüstung im Gesicht", wenn nicht "Entrüstung im Herz" zeigen. Das bedeutet, durch den Gesichtsausdruck sein extremes Missfallen zeigen (bei einem negativen Vorfall z.B. in der Familie oder bei Schülern), jedoch nie innerlich wütend werden, wie der Rambam ibid. im Kapitel 2 schreibt. Es gibt Zeiten, da wir "den Weg des Friedens beschreiten" müssen; zu anderen Zeit müssen wir eine entscheidende Haltung einnehmen und kompromisslos sein. Unsere Grundhaltung sollte der Mittelweg sein – so werden wir flexibel genug sein, um am anderen Ende des Spektrums zu handeln, wenn die Situation es erfordert.

Wir lernen dies von Awraham als Folge des Passuks, der uns sagt, dass Haschem wusste, dass Awraham seinen Familienmitgliedern gebot, sich mit Zedaka und Mischpat (Wohltätigkeit und Rechtlichkeit) zu beschäftigen. Diese zwei Ausdrücke schliessen einander grundsätzlich aus. Zedaka/Wohltätigkeit deutet an, dass keine strenge Gerechtigkeit eingehalten wird. Mischpat (Recht) andererseits ist keine Wohltätigkeit. Die Lösung dieser zweideutigen Aussage ist, dass es eine Zeit für Zedaka und eine Zeit für Mischpat gibt. Awraham gebot seiner Familie, sich auf der Position des Mittelwegs zu positionieren, sodass sie fähig sein würde, sich mit Zedaka zu beschäftigen, wenn dies angemessen ist, und andererseits sich mit Mischpat zu beschäftigen, wenn dies angemessen ist.

Als Haschem Awraham sagte, er solle Hagar heraustreiben, "durchhbohrte die Ausführung des Gesetzes den Berg" (d.h. es war keine Zeit für Barmherzigkeit, es war eine Zeit, da Haschems Befehl ausgeführt werden musste). Zu anderen Zeiten sind Wohltätigkeit und Mitgefühl angemessener. Dies ist, wovon der Rambam den Gedanken ableitet, dass der "Derech Haschem" die Haltung von Awraham Awinu war und unser Weg des Lebens sein sollte, der als der "goldene Mittelweg" bekannt ist.

 

Quellen und Persönlichkeiten:

Rambam, Rabbi Mosche ben Maimon (Maimonides) (1135 – 1204), einer der bedeutendsten Rischonim, seine Hauptwerke sind: Das umfassende Werk zum jüdischen Recht „Mischne Tora/Jad Hachsaka“, Erklärung zur Mischna und „Moreh Newuchim (Führer der Unschlüssigen)“, Spanien, Ägypten, Israel.

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Die Bearbeitung dieses Beitrages erfolgte durch Mitarbeiter des Jüfo-Zentrums in Zürich

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