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Sie waren alle gleich gut - Rav Frand zu Paraschat Chaje Sara 5781

Sie waren alle gleich gut

Die Parascha beginnt mit dem Passuk: "Es betrug das Leben Saras hundert Jahre und zwanzig Jahre und sieben Jahre, das waren die Lebensjahre Saras (Berejschit 23:1). Raschi nimmt Stellung zum seltsamen Satzaufbau und insbesondere zur scheinbar überflüssigen Redewendung "das waren die Lebensjahre Saras" am Ende des Passuks. Raschi erklärt: "Sie waren alle gleich an Güte." In anderen Worten, sie lebte ein Leben, das von Anfang bis zum Ende gut war.

Wir stellen uns die Frage: Was ist die Bedeutung der Aussage, dass all ihre Jahre gleichermassen gut waren? Sara war neunzig Jahre lang kinderlos. Gleichzeitig hatten andere in der Familie bereits Kinder und Enkel. Es muss für Sara sehr schmerzhaft gewesen sein, sich so sehr Kinder zu wünschen und während all diesen Jahren – der Mehrheit ihrer Jahre - nicht fähig zu sein, schwanger zu werden.

Zudem brachte sie Hagar als Nebenfrau in ihr Haus. In Hebräisch wird eine Nebenfrau "Zara" genannt (das auch Ärger bedeutet), weil sie dies auch ist! Die Spannung zwischen zwei Frauen ist viel stärker als eine Rivalität zwischen Geschwistern. Am Ende wurde die Situation mit Jischmael (Ismael) unerträglich. Sie sieht, wie Jischmael versucht, Jizchak negativ zu beeinflussen und auch umzubringen. Sie macht das Gefühl von Za’ar Gidul Banim (den Schmerz des Kindererziehens) durch.

Darüber hinaus war sie eine Partnerin mit Awraham in vielen seiner Nissjonot (Prüfungen). Sie begleitete ihn auf dem Wegziehen aus ihrem Geburtsort und Heimatland. Sie folgte ihm nach Ägypten und wurde dort in den Palast Pharaos entführt. Später hatte sie eine ähnliche traumatische Erfahrung mit Awimelech, dem König der Philister.

Wo kam die Realisierung der Worte "Sie waren alle ebenbürtig in ihrer Güte" zum Tragen? Vielleicht waren ihre letzten Lebensjahre ruhig, aber im Grossen und Ganzen hatte sie ein sehr unerfreuliches und traumatisches Leben. Worüber spricht Raschi?

Ich habe einen wunderschönen Gedanken zu dieser Frage vom gegenwärtigen Tolner Rebben von Jeruschalajim gehört. Er zitiert den Midrasch Raba in Paraschat Emor [30:10]. Die Tora schreibt beim Sukkot-Fest: "Und du sollst die Frucht (Etrog) eines Prachtbaumes (Peri Ejz Hadar) nehmen" (Wajikra 23:40). Der Midrasch sagt, dass sich das Wort Hadar auf Sara bezieht, wie es heisst: "Und Awraham und Sara waren hochbetagt" (Berejschit 18:11), denn Hakadosch Baruch Hu machte sie schön mit schöner Betagtheit (Sejwa Towa).

Der Maharsu, ein Kommentar auf den Midrasch, bemerkt zur Stelle, dass dieser Passuk in Wajera ein sehr unangemessene Verbindung mit dem Passuk über den Etrog zu sein scheint. Schliesslich steht folgendes in diesem Vers: "Und Awraham und Sara waren alt, hochbetagt; Sara hatte nicht mehr die Weise der Frauen." Warum wird von allen Pessukim in der Tora ausgerechnet dieser Passuk verwendet, um zu beweisen, dass Sara schön war und mit einem herrlichen Etrog zu vergleichen sei? Dieser Vers selbst spielt auf die Tatsache hin, dass Sara ein sehr mühsames Leben hatte. Bei ihr war bereits die Menopause eingtreten, als sie noch kinderlos war. In welcher Hinsicht ist Sara mit einem Etrog zu vergleichen?

Der Tolner Rebbe bringt folgenden Gedanken, der auf die Lehre des früheren Slonimer Rebben basiert.

Der Talmud (Berachot 54a) lehrt, dass genauso wie es angemessen ist, eine Beracha über gute Geschehnisse zu machen, es auch angemessen ist, eine Beracha über schlechte Geschehnisse zu machen. Dies ist eines der schwierigsten Dinge im Leben – das Schlechte genauso wie das Gute zu akzeptieren. Nicht nur müssen wir schlechte Geschehnisse akzeptieren, wir müssen sogar bereit sein, eine Beracha über sie zu sprechen. Es ist sehr schwierig, solch ein geistiges Niveau zu erreichen - das Schlechte wie das Gute zu akzeptieren und auch über das Negative eine gehörige Beracha zu sprechen!

Über den Ursprung dieser Pflicht, dass wir Berachot sowohl über das Gute wie auch über das Schlechte sagen müssen, erwähnt der Talmud einige Quellen: Eine stammt aus einer Kombination von Versen in Tehillim [Berachot 60b]: "Wie kann ich dem Ewigen alle seine Wohltat, die er an mir tut, vergelten? Ich will den Kelch des Heils erheben und den Namen des Ewigen anrufen". [Tehillim/Psalm 116:12-13]; und nur einige Sätze früher heisst es: "Stricke des Todes umgaben mich und Ängste der Hölle trafen mich, Leid und Trauer begegneten mich. Und ich rief den Namen des Ewigen an, ich bitte Dich, errette meine Seele!" [Tehillim 116: 2-3]. Wir sehen daraus, dass "uweSchem Haschem Ekra" (wir den Namen von Haschem anrufen), ob wir nun den Kelch des Heils erheben oder Trübsal und Leid erleben.

Der Tolner Rebbe sagt jedoch – in seinem Zitat des früheren Slonimer Rebben – dass wir etwas Interessantes bemerken, wenn wir dieses Kapitel [116] von Tehillim lesen.

Das Erheben des Kelches der Erlösung und das Anrufen des Namens von Haschem befindet sich alles in einem Passuk. Wenn ein Mensch eine Erlösung erfahren hat, muss er sofort ein LeChajim machen! Der Passuk bezüglich schlechter Geschehnisse im Leben jedoch endet mit den Worten "Leid und Trauer begegneten mich ". Die Worte "Und ich rief den Namen des Ewigen an" erscheinen erst im nächsten Vers. Dies deutet an, dass es keine gänzliche Gleichwertigkeit zwischen dem Erfordernis, G"tt für das Gute zu loben, und dem Erfordernis, Ihn für das Schlechte zu preisen, gibt. Wenn etwas Gutes geschieht, ist es leicht "Baruch Haschem" zu sagen; wenn die Zeiten schwer sind, müssen wir uns anstrengen "Baruch Haschem" zu sagen, aber es steht nicht im gleichen Passuk, weil es schwieriger ist, dies von einem Menschen zu verlangen.

Es gibt jedoch Menschen, die solch ein geistiges Niveau erreichen, dass sie auch im Kummer, den sie erfahren, die Hand von Haschem sehen und das Gute darin erkennen. In Kapitel 11 [1-2] spricht Jeschajahu über das Kommen des Maschiach: "Es wird ein Stab (Königszepter) vom Stamm von Jischai (Vater von König David) spriessen und ein Zweig aus seiner Wurzel Frucht bringen." Zu Beginn des nächsten Kapitels (Kapitel 12, das kürzeste Kapitel in ganz Jeschaja, beinhaltet nur sechs Pessukim) sagt der Vers: "Du wirst an jenem Tag sagen: Ich danke Dir, Haschem, dass Du über mich zornig warst…" Worauf bezieht sich "an jenem Tag"? Es bezieht sich auf die Zeit nach dem Kommen von Maschiach. Die Erlösung wird endlich eintreffen, und wir werden auf 2000 Jahre des Exils und der Verfolgungen zurückschauen, von der Zerstörung des Bejt Hamikdasch (Tempel) der spanischen Inquisition, den Verwüstungen in den Jahren 5408/5409 (1648/1649) durch  Chmelnyzkyj, den Pogromen in Europa, den Kosaken- und Kommunisten-Verfolgungen bis zum Holocaust hin. Klall Jisrael wird zurückschauen und fähig sein, an jenem Tag – nach dem Eintreffen von Maschiach – zu sagen: "Ich danke Dir, Haschem, dass Du warst erzürnt über mich." Solch ein geistiges Niveau ist möglich und künftig werden es alle erreichen. Man wird innerhalb der Zara (des Leides) das Gute sehen.

Der Slonimer Rebbe sagt, dass wir jetzt verstehen, warum der Midrasch Sara mit dem Pri Ejz Hadar (Etrog) vergleicht. Sara hatte ein Leben, in dem "alles gleichermassen gut war".  Dies bedeutet, dass diese Jahre trotz der Tatsache, dass sie während neunzig Jahren unfruchtbar war, trotz des Faktums, dass sie Ärger mit Hagar und Jischmael hatte, trotz ihrer schrecklichen Erfahrungen in Ägypten (mit Pharao) und in Gerar (mit Awimelech) etc., trotz all dem, bei ihr alles gleichermassen gute Jahre waren. Sie war auf einer solch hohen geistigen Stufe des Glaubens (Emuna und Bitachon), dass diese Jahre ihrer Meinung nach alle gut waren (kulan schawim leTowa).

Der Midrasch Tanchuma in der dieswöchigen Parascha, wie auch der Jalkut Schim’oni [Mischlej 964] schreiben, dass der Passuk in Mischlej/Sprüche (31:10) "Eine wertvolle Frau, wer kann sie finden? Ihr Wert steht weit über demjenigen von Perlen", der Nachruf von Awraham über Sara war. Was meinte Awraham mit dem Ausdruck "weit über dem Wert von Perlen"? Einer der Erklärungen des Jalkut ist, dass sie 90 Jahre darauf wartete, ein Baby zu haben. Ihr Vater hingegen - Haran – zeugte bereits bei sechs Jahren; ihr Vater war acht Jahre alt als Sara geboren wurde.  Awraham pries sie: "Dies ist die Art von Frau (mehr als Perlen), die meine Frau war". Sie hatte keine Klagen gegen den Allmächtigen. Sie wartete 90 Jahre auf ein Kind, beklagte sich jedoch nie. Sie blickte auf ihr gesamtes Leben als ein Leben, das von Haschem gesegnet war."

Wir könnten Saras Erlebnisse als ein "furchtbares Leben" betrachten. Sara jedoch sah es nicht auf diese Weise an. Sie hatte die Fähigkeit, das "Towa (Gute)" im "Ra'a (Schlechten)" zu sehen. Der Slonimer Rebbe sagt, dass sie deshalb mit einem Etrog verglichen wird. Die Gemara  [Traktat Sukka 35a] sagt, dass der Etrog die einzige Frucht ist, bei welcher der Geschmack des Baumes und dessen Frucht derselbe ist. Die Rinde eines Etrog-Baumes schmeckt gleich wie der Etrog selbst!

(Anmerkung des Herausgebers. Es ist nicht hier der Ort, diesen Ausspruch unserer Weisen wörtlich zu erklären).

Der Rebbe sagt, dass wenn ein Mensch versuchen wird, die Rinde eines Etrog-Baumes zu essen, diese nicht so gut schmecken wird wie ein reifer Etrog. Trotzdem kann ein Mensch im "Baum" schon das Aroma des Etrogs schmecken. Obwohl das Holz hart und spröde ist, enthält es in sich ein Aroma, das an den Etrog erinnert, der aus ihm wachsen wird. Sara war wie ein Etrog, weil sie auch die Verbindung zwischen dem "Baum" (d.h. dem Prozess) und der Frucht (d.h. des Resultats) fühlen konnte. Sara sah die Verbindung zwischen all ihren Prüfungen und Widerwärtigkeiten in ihrem Leben (d.h. dem Prozess) und dem Guten (d.h. dem Resultat), das sie erleben würde.

Dies ist, was Chasal uns lehren wollen, wenn sie sagen: "Sie waren alle gleichermassen gut." Es gibt Leute, die fähig sind ein bitteres Leben anzuschauen und zu sagen: "Nein, es ist allem zum Guten."

Wir könnten denken, dass es in unserer Zeit keine solche Menschen gibt, aber sie existieren! Vor kurzem machte ich einen Telefonanruf, von dem ich erwartete, dass es ein sehr schwieriges Gespräch sein würde. Ich kenne jemanden, mit dem ich in den letzten zehn Jahren fünf oder sechs Mal zu tun hatte. Er ist ein sehr netter Mensch. Letzte Woche verheiratete er einen Sohn. Am dritten Tag der Schewa Berachot starb der Sohn. Dies ist eine unfassbare Tragödie. Die sieben Tage des Feierns (Schiw’at Jemej Hamischte) verwandelten sich in sieben Tage der Trauer (Schiw’at Jemej Awejlut).

Ich stehe dem Vater nicht nahe, aber ich kenne ihn. Wir hatten eine angenehme Beziehung, also rief ich ihn an. Vor solch einem Telefongespräch fragt man sich: "Was kann ich schon sagen?" Ich begann mit den Worten: "Reb Schmuel, was kann ich sagen? Ich habe keine Worte. Die ganze Woche denke ich nur an das…"

Er ist kein Raw oder Rosch Jeschiwa. Er ist ein einfacher Geschäftsmann. (Offensichtlich ist er nicht einfach "einfach".) Er sagte mir: "Reb Jissochor, dies ist alles ein Teil des Puzzles. Wenn Maschiach kommt, werden wir all dies verstehen. Ich akzeptiere dies als Teil des G"ttlichen Plans, obwohl ich nicht wirklich verstehe, um was es sich handelt." Ich sagte ihm: "Du hast mich gestärkt, mehr als ich je erhoffen konnte, dich zu stärken."

Dies ist, was Raschi hier sagt. "Die Jahre von Sara waren alle gleichermassen gut" bedeutet, dass Sara auf einem solch hohen geistigen Niveau war, dass sie die Jahre als solche betrachtete. Chasal sagen [Tana debej Elijahu Raba 25:2], dass ein Mensch sich immer sagen muss: "Wann werden meine Taten die Taten meiner Vorfahren – Awraham, Jizchak und Ja’akow - erreichen?" Wir müssen um solch ein Niveau bestrebt sein. Für vielen von uns stellt dies ein scheinbar unerreichbares geistiges Ziel dar. Aber in den Tagen des Maschiach werden wir dies verstehen. Jedoch gab es Menschen – und offensichtlich gibt es heute noch solche Menschen – die das Leben (sogar ein Leben voller Leid) betrachten und sagen können: Meine Jahre waren alle gleichermassen gut.

Quellen und Persönlichkeiten:

  • Tanna Dewej Elijahuist der Name eines Midrasch, der aus zwei Teilen besteht. Der erste Teil heisst "Seder Elijahu Rabba" (31 Kapitel); der zweite "Seder Elijahu Suṭa " (25 Kapitel). Der Prophet Elijahu kam zu Rabbi Anan, der ein babylonischer Amora (Talmudgelehrte) des 3. Jahrhunderts war und lehrte ihn Sinndeutungen des TANACH’s und unterrichtete ihn in vielen Themen des jüdischen Lebens, untermauert mit vielen Erzählungen, die Rabbi Anan danach niederschrieb. 
  • Midrasch Tanchuma: Sammlung von Erklärungen und Aggadot zum Chumasch. Wird nach dem Amora (Talmudgelehrten) Rabbi Tanchuma Bar Abbabenannt, da er am häufigsten in diesem Midrasch zitiert wird. Er war ein jüdischer Amora der 6. Generation, einer der bedeutendsten Aggadisten seiner Zeit.
  • Raschi (1040-1105) [Rabbi Schlomo ben Jizchak]; Troyes (Frankreich) und Worms (Deutschland); „Vater aller TANACH- und Talmudkommentare“.
  • Tolner Rebbe, Rabbi Jizchak Menachem Weinberg, (zeitgenösischer Rebbe und Redner), leitet die Tolner Gemeinde in Jerusalem und ist ein gefragter Dozent.

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Die Bearbeitung dieses Beitrages erfolgte durch Mitarbeiter des Jüfo-Zentrums in Zürich _________________________________________________________________________________________

 

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