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In der Schira überflügeln die Gefühle die Worte - (Rav Frand Beschalach – Schabbat Schira 5781)

In der Schira überflügeln die Gefühle die Worte

 Die Schira (Lied) in Paraschat Beschalach beginnt mit den Worten: "Damals sangen Mosche und die Benej Jisrael (As jaschir Mosche uWenej Jisrael) dieses Lied zu Haschem, und sie sagten das Folgende (Schemot 15:1). Die Worte 'As jaschir' sind problematisch, weil das Wort 'jaschir' eigentlich in der Zukunftsform ist (wird singen), während die Tora uns über ein Ereignis berichtet, das in der Vergangenheit geschehen ist.  

Dies führt dazu, dass die Gemara (Talmud Traktat Sanhedrin 91b) diesen Passuk als eine der biblischen Quellen für den Begriff der Wiederauferstehung der Toten (Techiat HaMejtim) zitiert. Die Gemara sagt, dass das Wort 'Jaschir' in Wirklichkeit auf ein zukünftiges Ereignis hinweist, nach der Zeit von Techiat HaMejtim, wenn Mosche und die Bnei Jisrael nochmals singen werden, so wie sie damals gesungen haben. Dies jedoch ist eine Drascha; es ist nicht die einfache Interpretation des Passuks.

Raschi, dessen Kommentar in erster Linie auf Peschuto schel Mikra (die einfache Interpretation des Passuks) basiert, interpretiert die Worte 'As Jaschir' wie folgt: 'As' (damals), als sie das Wunder sahen, kam ihnen der Gedanke, eine Schira (Lied) zu singen (Zukunft). Der Siftej Chachamim stellt Raschis Bemerkung klar. Die Wortwahl dieser Einleitung wirft ein grosses grammatikalisches Problem auf, nämlich  ein Widerspruch zwischen den zwei Wörtern: 'As' bedeutet 'damals' (auf die Vergangenheit hindeutend), 'Jaschir' jedoch bedeutet 'wird singen' (auf die Zukunft hindeutend). Sprechen wir also über die Vergangenheit oder die Zukunft? Um dieses Problem zu lösen, sagt Raschi 'As' – damals (Vergangenheit) waren sie inspiriert, und sie hatten dieses Gefühl in ihrem Herzen, ein Lied zu singen (Zukunft).

Der Maharal in seinem Werk Gur Arjeh fügt einen weiteren Gedanken hinzu, um zu erklären, was Raschi meint: Wenn ein Mensch äusserst freudig erregt ist, empfindet er das Gefühl, dass er seine Freude ausdrücken möchte. Ein Gesang, der aus einem Gefühl des Glücks entsteht, dringt nicht aus dem Mund oder dem Gehirn hinaus. Er entsteht aus der Freude, die im Herzen des Menschen ruht. Es war das Herz, das zuerst den Entschluss fasste, dass er singen wird.

Dies ist der Gedanke, den Raschi uns vermitteln will. 'As' (damals) sahen sie etwas Übernatürliches; sie sahen die Hand G"ttes. Sie waren überwältigt von Emotionen und Freude (Simcha). Sie hatten Schira in ihren Herzen. Dies inspirierte sie dazu, zu singen. Im Gesang sind die Worte lediglich ein äusserlicher Ausdruck dessen, was schon drinnen geschehen ist.

Um ein einfacheres Beispiel zu geben: Wenn ein Mensch Fieber hat, gibt es äussere Anzeichen. Die Temperatur des Menschen steigt an, er schaut erhitzt aus usw. Dies ist jedoch symptomatisch für etwas, das schon im Innern geschehen ist. Es muss eine innere Infektion vorhanden sein, die das Fieber auslöste.

Dies ist, was Raschi sagen will, wenn er den Ausdruck 'As Jaschir' erklärt. Die innere Emotion führt einen Menschen dazu, die Freude in der Form von Schira äusserlich auszudrücken.

Das Sefer Bej Chija sagt, dass dies vielleicht das ist, was der Talmud mit der Feststellung "Man sagt Schira (Gesang) nur auf Wein" (Arachin 11a) meint. (Die einfache Erklärung dieses Ausspruches ist, dass die Lewijim (Leviten) im Bejt Hamikdasch nur beim Giessen des Weines auf dem Misbe’ach (Altar) gesungen haben). Bei allen jüdischen Anlässen, wenn in irgend einer Form Schira gesagt wird - wie zum Beispiel bei Birchat Erussin (bei Chatan und Kala), Brit Mila, Kiddusch am Schabbat und Jomtow - sagen wir die Schira immer über ein Glas Wein.

Im Talmud (Traktat Sanhedrin 38a) heisst es ferner: "Dringt Wein ein (in den Mund/Körper eines Menschen), kommen die Geheimnisse heraus." Wenn ein Mensch Wein trinkt, wird er ein bisschen berauscht; er verliert seine Hemmungen, und dann kommen die Dinge, die darin gelagert sind (die Geheimnisse) hervor. Dies ist die Eigenschaft des Weines, und dies ist die Eigenschaft der Schira. Sie sind beide Offenbarungen dessen, was in den Gefühlen eines Menschen geschieht und im Herzen lagert.

Diese Erklärung kann uns helfen, eine weitere Lehre des Maharals zu verstehen. Der Maharal wundert sich (wie weitere Kommentatoren), warum keine Beracha (Segenspruch) auf Sippur Jeziat Mizrajim (die Mizwa, das Ereignis des Auszuges aus Ägypten am Pessach Seder zu erzählen) gesprochen wird. Warum beginnen wir die Haggada nicht mit einer Beracha: Baruch Ata Haschem Elokejnu Melech haOlam ascher kideschanu beMizwotaw weziwanu al Mizwat Sippur Jeziat Mizrajim?

Der Maharal antwortet (in Gewurot Haschem, Kap. 62), dass dies so ist, weil die Mizwa des Erzählens der Geschichte des Auszugs eine Mizwa des Herzens ist, und wir nur Berachot auf Mizwot sprechen, die irgendeine Form eine Tat (entweder Tat oder Ausspruch) beinhalten, jedoch nie auf Mizwot, die in erster Linie Mizwot des Herzens sind. Trotz der Tatsache, dass wir stundenlang am Tisch sitzen und über den Auszug aus Mizrajim sprechen, ist die vorwiegende Erfüllung der Mizwa das, was ein Mensch in seinem Herzen fühlt.

Aufgrund dieses Gedankens gibt das Buch Bej Chija eine wunderschöne Erklärung bezüglich der folgenden Frage: Die Gemara (Traktat Megilla 16b) sagt, dass Abschnitte in der Tora, die eine Schira beinhalten, immer "Ariach al gabej Lewejna" (halber Ziegelstein über ganzen) geschrieben werden müssen. Dies bedeutet, dass die Schrift der oberen Zeile immer über dem leeren Raum der darunterliegenden Zeile geschrieben wird - in einem Muster der Maurerarbeit. Raschi (ibid.) sagt, dass in der Schira die leeren Räume doppelt so lang wie die Wörter sind – also mehr Leerraum als geschriebener Raum. Warum, weil Schira sich aus zwei Dingen zusammensetzt: Erstens aus dem menschlichen Gefühl, wo die Freude empfunden wird, und zweitens aus dem eigentlichen Ausdruck dieser Gefühle. Wann immer ein Mensch sich durch Simcha überwältigt fühlt und diese ausdrücken oder darüber singen möchte, beinhalten die eigentlichen Worte nur einen winzigen Prozentsatz der Gefühle, die der Mensch empfindet. Deshalb muss die Schirat Hajam (Lied des Meeres) in einem Stil geschrieben werden, wo der Text durch Leerräume unterbrochen wird; und in der Tat gibt es hier mehr Leerräume als Text. Es gibt mehr Gefühle, als ein Mensch ausdrücken kann.

Denken Sie darüber nach. Haben Sie je an einer Bar-Mizwa Ihres Kindes gesprochen? Haben Sie an der Hochzeit Ihres Kindes gesprochen? Viele Menschen verlieren die Sprache. Sie können ihre Gefühle nicht richtig ausdrücken, weil sie von ihren Gefühlen so überwältigt sind, dass sie diese nur schwer ausdrücken können. Dies ist der Grund, warum Schira "Ariach al gabej Lewejna" sein muss. Es muss schon Geschriebenes haben, aber die Leerräume sind viel grösser.

Schira beginnt im Herzen. Es geht hier gänzlich um Gefühle. Die Worte sind lediglich ein Ausdruck eines kleinen Teils der Gefühle, die unmöglich gänzlich ausgedrückt werden können.

Das Sefer Bej Chija schliesst mit einem Schlusspunkt. Wo beginnt die Schira? Die meisten von uns werden sagen, dass es mit den Worten "Aschira laSchem - ich möchte zu Haschem singen, denn Er ist hoch und erhaben…" beginnt. Oberflächlich gesehen sind die Worte "Damals sangen Mosche und die Benej Jisrael dieses Lied dem Ewigen, und sie sprachen wie folgt" nur eine Einleitung zum Lied, während das Lied selbst mit den anschliessenden Worten "Aschira laSchem..." beginnt. Und doch sehen wir, wenn wir in einer Sefer Tora Einblick haben, dass sogar die ersten Worte "As Jaschir" im "Ariach al gabej Lewejna"-Format geschrieben sind. Warum beginnt das Format des Textes und Leerraums schon mit der Einleitung?

Die Antwort ist, dass dies schon Teil der Schira ist. "As", sie waren von Emotionen überwältigt; und deshalb "Jaschir", beschlossen sie zu singen (Zukunftsform), weil dies der Weg ist, wie alle Lieder beginnen. Dies ist mehr als nur eine Einleitung oder ein Prolog. Diese Einleitungsworte sind das, um was es sich bei der Schira handelt. Es begann mit überwältigenden Emotionen; es begann in ihren Herzen. Das Resultat davon war der Wunsch, diese Emotion auszudrücken – "Jaschir", in der Zukunftsform.

Quellen und Persönlichkeiten:

  • Raschi (1040-1105) [Rabbi Schlomo ben Jizchak]; Troyes (Frankreich) und Worms (Deutschland); „Vater aller TENACH- und Talmudkommentare“.
  • Maharal: Rabbi Jehuda Loeb von Prag (1512 - 1609); Rabbiner, Denker und Verfasser von unzähligen Werken, speziell in Haschkafa (jüd. Weltanschauung).
  • Rabbi Schabtaj Bass (1641-1718); Prag, Tschechien. Verfasser vom Sefer Siftej Chachamim, Populärer Kommentar zum Raschi-Kommentar.
  • Rav Elisha Chajim Hurvitz; Lawrence, N.Y. zeitgenössischer Rabbiner. Verfasser vom Buch Bej Chija auf Chumasch.

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Die Bearbeitung dieses Beitrages erfolgte durch Mitarbeiter des Jüfo-Zentrums in Zürich

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