Ijar
/Paraschat BeHar

Rav Frand zu Paraschat Tezawe 5779

Zumindest der Anfang muss stimmen

Die zwei letzten Paraschot (zwei Wochenabschnitte, von dieser und letzter Woche) zählen die Bauarbeiten für das Mischkan (Stiftszelt), seine Geräte, und die Kleider für die Kohanim (Priester) auf.  Nachdem alles an seinem Platze war, konnte man mit dem vorgeschriebenen Dienst beginnen (zuerst im Stiftzelt und später im Bejt Hamikdasch, dem Heiligen Tempel). Am Ende der dieswöchigen Parascha, beschreibt die Torah das Konzept von der „Einweihung der Stätte“, den Ablauf der „Salbung des Tempels“. Es gibt eine Halacha (Gesetzeslehre), welche „Awodatam Mechanchatam“ heisst und bedeutet, dass der erste Gebrauch der Geräte sie einweiht und heiligt.

Die Torah erklärt diese Zeremonie folgendermassen: „Und folgendes sollt ihr auf dem Altar darbringen: tagtäglich (Tamid) zwei einjährige Lämmer.“ [Schemot 29:35] Für den Opferdienst im Tempel benötigte man ein Lamm am Morgen und eines am Abend (einschliesslich Schabbat und Feiertage).

In Paraschat Pinchas [Bamidbar 28: 1-8] wiederholt die Torah diesen Abschnitt über das Daueropfer (Korban Tamid), und bekräftigt nochmals die Bestimmung, jeden Tag morgens und abends ein Lamm darzubringen. Einen Unterschied finden wir jedoch in den beiden sonst gleichlautenden Abschnitten:

In Paraschat Tezawe steht: “Et haKeves HA-echad ta’asseh ba’Boker“ – „DAS eine Lamm sollst du am Morgen opfern...“

In Paraschat Pinchas steht hingegen nur: “Et haKeves echad ta’aseh ba’Boker“ – „ein Lamm sollst du am Morgen darbringen...“

Im Text in Paraschat Pinchas fehlt das hebräische „Hej haJediah,“, das im Deutschen dem bestimmten Artikel („der, die, das“) entspricht.

Mit anderen Worten: Hier in Tezawe - bei der Weihe des Altars - spricht die Torah von DEM Lamm. In Paraschat Pinchas hingegen - bei der Weisung für alle künftigen - heisst es „ein Lamm“.

Der Brisker Rav szl. sagt, dass die Torah damit auf etwas hinweisen will. Normalerweise waren die zwei Lämmer – dasjenige am Morgen und dasjenige am Abend - voneinander unabhängig. War es einmal nicht möglich, eines der beiden Opfer darzubringen, war man weiterhin verpflichtet, das andere Opferlamm darzubringen. Sie glichen damit den Tefillin (Gebetsriemen) für den Kopf und den Tefillin für den Arm. Ist jemand aus irgendeinem Grunde verhindert, die Tefillin auf den Arm zu legen, so soll ihn dieser Umstand keinesfalls davon abhalten, die Tefillin auf den Kopf zu legen (oder umgekehrt).

Der Brisker Rav sagt jedoch, dass es eine Ausnahme gab: die erste Darbringung des Korban Tamid. Am allerersten Tag, als der Altar eingeweiht wurde, waren beide Opfer notwendig. Hätte der Kohen (Priester) es versäumt, das Morgenopfer darzubringen, wäre ihm auch nicht erlaubt gewesen, die Opferhandlung am Nachmittag auszuführen. Deswegen bedient sich der Vers des bestimmten Artikels. Damit wird die Einzigartigkeit „DIESES“ Lammes betont, welches sich von allen folgenden Lämmern unterscheidet.

Der Schemen HaTov zieht eine Lehre aus dem Unterschied zwischen dem Tag der Weihe und allen darauffolgenden Tagen. Anfänge sind ausserordentlich wichtig. Wenn wir frisch beginnen, ist es sehr wichtig, „mit dem rechten Bein anzufangen“. Wenn wir den richtigen Grundstein für etwas, das über Jahre hinweg Bestand haben soll, legen wollen, dürfen wir keinen Millimeter vom Ideal abweichen. Wenn der Anfang schlecht ist, dann sollten wir die Sache lieber sein lassen. 

Auch wenn die Opferung des einen Lammes in künftigen Generationen nicht von der Opferung des zweiten abhängig ist, muss die Opferhandlung am allerersten Tag genauestens eingehalten werden. Dies ist die Bedeutung des hebräischen „Kol Hatchalot kaschot“ („Aller Anfang ist schwer“). Der Grund dafür ist, dass jeder Neuanfang ungemein wichtig ist. Dieser gibt den Ton an. Hier ist nur das Beste gut genug.

Der Wilnaer Gaon sagte einmal: Eine Gemeinde muss so genau die Rohmaterialien für eine neue Schul (Synagoge) auswählen, dass sie sogar darauf achten sollen, wer die Griffe der Aexte macht, die zum Spalten der Hölzer benützt werden. Sie dürfen nur von g’ttesfürchtigen Menschen angefertigt werden. Nur dann gibt es eine Garantie, dass die Gebete in dieser Schul immer mit der richtigen Kawana (Innigkeit) gesprochen werden. Das ist der gleiche Gedanke. Eine solche Schul muss von Anfang an richtig gebaut werden.

Ich erinnere mich an die Zeit, als das jetzige Bejt Hamidrasch (Lehrhaus) der Jeschiwa Ner Israel gebaut wurde. Als wir zum ersten Mal das Bejt Hamidrasch betraten, bat der Rosch Jeschiwa szl. (Leiter der Jeschiwa) die Studenten, sich besonders anzustrengen, um wenigstens in der ersten Woche keine bedeutungslosen Worte in diesem Bejt Hamidrasch zu sprechen. Das Benehmen der ersten Schüler in der ersten Woche würde den Weg für alle späteren Schüler über Jahre und Jahrzehnte hinweg weisen.

Jeder Anfang ist bedeutungsvoll. Die Art und Weise, wie Eltern anfangen, ein Kind zu erziehen oder wie ein Paar seinen Weg zu zweit beginnt oder wie eine Unternehmung in Angriff genommen wird, sollte gut, richtig und einwandfrei sein.

Das Gebet von Awraham war das Gegengewicht zur Sünde von Achan

Jehoschua (Josua) rief einen Bann (Cherem) gegen die private Nutzung der Beute von Jericho - der ersten Stadt, die die Juden eroberten, nachdem sie Erez Israel betreten hatten - aus. Achan aber stahl etwas von dieser Beute. Wegen dieser Sünde erlitten die Juden in der darauffolgenden Schlacht gegen die Einwohner von Ai eine Niederlage. 36 Soldaten fielen in der Schlacht. G’tt zürnte den Juden; sie mussten den Grund dafür finden und den Schuldigen bestrafen. Schlussendlich wurde Achan gesteinigt und der Vers berichtet, dass „G’ttes Zorn sich legte“ („wajaschaw Haschem mejCharon Apo“). [Jehoschua Kapitel 7].

Dazu gibt es jedoch eine unglaubliche Gemara (Talmudpassage):

Die Gemara erklärt zu diesem Abschnitt: „Ein Mensch soll immer beten, bevor etwas Schlimmes passiert, denn hätte Awraham nicht zwischen Bejt El und Ai gebetet, hätte keiner der Juden den Kampf überlebt" [Sanhedrin 44b]. Praktisch gesehen bedeutet dies, dass alle Juden, wegen Achan’s Sünde vernichtet worden wären. Genau dies wäre geschehen, hätte Awraham nicht Hunderte von Jahren früher, bei seiner Ankunft in Erez Israel (Land Israel), dort einen Altar gebaut und gebetet.

Was war denn an Achan’s Tat so schrecklich? Ja, er hätte die Beute nicht berühren sollen. Aber ist Diebstahl eine derart schlimme Sünde? Und was hat dies mit dem ganzen jüdischen Volk zu tun?

Die Antwort darauf ist, dass dies das ERSTE Mal war. Es war der Anfang der Eroberung. Aller Anfang muss mit grosser Genauigkeit gemacht werden. Jehoschua wollte diesen ersten Schritt im Land perfekt machen. Die Stadt musste erobert werden und alles, was darin gefunden wurde, war heilig. Aber ein Einzelner verdarb alles und die ganze Unternehmung war in Frage gestellt. Das ganze Volk wurde der Vernichtung preisgegeben.

Einzig und allein der Umstand, dass es „einen Anfang vor dem Anfang gab“ rettete Klall Israel, die Gemeinschaft Israel’s. Als Awraham Awinu (unser Vorvater) Hunderte von Jahren vorher nach Erez Israel kam, machte er den Anfang richtig. Awraham dawente (betete) zwischen Bejt El und Ai. Dies war das Gegengewicht.

Viele Anfänge, die wir machen, sind uns nicht bewusst. Wir können uns oft nicht an das erste Mal erinnern, als wir anfingen das Alef Bejt (jüdisches Alphabet) zu lernen. Wir erinnern uns nicht an den ersten Vers im Chumasch (Bibel), den wir gelesen haben oder an die erste Seite im Talmud. Wir erinnern uns manchmal nicht an die erste Zeit als verheiratetes Paar. Für einige von uns gehören diese Ereignisse in die graue Vergangenheit und daran gibt es nichts zu rütteln. Aber es gibt immer Anfänge, die vor uns liegen. Wenn wir sie nicht bewusst bei uns erlebten, so dann wenigstens im Leben unserer Kinder. Und wenn nicht im Leben unserer Kinder, dann erleben wir es vielleicht im Leben unserer Enkel. Vergessen wir nicht, wie wichtig ein Anfang ist und dass wir damit das Leben von vielen Generationen beeinflussen.

Quellen und Persönlichkeiten:

  • Wilnaer Gaon: Rav Eljahu ben Schlomoh Zalman von Wilna (1720 – 1797), Wilna; Torahgenie, Autor von zahlreichen gelehrten Büchern und Kommentaren.
  • Brisker Rav (1887 – 1959): Rav Jizchak Ze’ev (Welwel) Soloweitschik. Nachfolger seines Vaters, Rav Chaijim Soloweitschik in Brisk; floh im 2. Weltkrieg nach Israel.
  • Schemen HaTov: Rabbi Dov Weinberger. Zeitgenössischer Autor; Rabbiner in Brooklyn, New York.

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Die Bearbeitung dieses Wochenblatts erfolgte durch Mitarbeiter des Jüfo-Zentrums in Zürich

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