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Eltern und Lehrer benötigen Hillels Geduld, um ihre Botschaft an den Mann zu bringen - Raw Frand Tezawe 5780 – Beitrag 2

Eltern und Lehrer benötigen Hillels Geduld, um ihre Botschaft an den Mann zu bringen

Der Talmud [Schabbat 31a] erzählt die Geschichte eines Heiden, der an einer Synagoge vorbeispazierte und dabei die Vorlesung über die Herstellung der priesterlichen Gewänder mitbekam. Er fragte die anwesenden Juden: „Wer trägt diese wunderschönen Kleider?“ Sie antworteten ihm, dass diese vom Kohen Gadol, dem Hohepriester, getragen werden. Da entschied der Heide: „Ich werde zum Judentum übertreten, damit sie mich zum Kohen Gadol machen und ich diese wunderschönen Gewänder tragen kann.“

Daraufhin begab er sich vor Schamaj und teilte ihm mit, dass er beabsichtige, zum Judentum überzutreten – unter der Bedingung, dass er Kohen Gadol werde. Schamaj, der bekannt dafür war, dass er sich nicht gerne von Verrückten belästigen liess, nahm den Ellenstab in die Hand und trieb damit den Heiden von dannen.

Darauf näherte sich der Heide Hillel mit dem gleichen Angebot. Hillel nahm ihn an und liess ihn zum Judentum übertreten. Darauf sagte ihm Hillel geduldig: „Nur jemand der die Regeln des Königtums kennt, kann König werden, so ist es auch beim Priestertum.  Du musst zuerst die Regeln für das Priestertum lernen, wenn du Kohen Gadol werden willst.“ Daher riet er ihm, er solle zuerst einmal hingehen und die Regeln von Heiligtum und Priestertum lernen, dann könne er zurückkehren und mit ihm über dieses Amt sprechen. Der Ger (Proselyt) begann die Gesetze von Heiligtum und Priestertum zu studieren. Als er auf den Passuk stiess: „Der Fremde, der sich naht, ist des Todes schuldig.“ [Bamidbar 3:10] fragte der Übergetretene: „Wer ist damit gemeint?“ Da sagte ihm Hillel, das beziehe sich sogar auf David, den König Israels. Einfach gesprochen: Jeder, der nicht als Kohen (Priester) geboren wurde, ist vom Tempeldienst ausgeschlossen.

Dem gewesenen Heiden wurde klar, dass er zweifelsfrei die Voraussetzungen für das Priestertum nicht erfülle, geschweige die für den Kohen Gadol. Jahre später kehrte der Übergetretene zu Schamaj zurück und warf ihm vor: „Ich wäre nie übergetreten, wenn ich nur zu dir gekommen wäre, aber weil Hillel Geduld mit mir hatte, bin ich unter die Fittiche der g’ttlichen Präsenz gekommen.“

Im Zugang Hillels zu Menschen kann man sich fragen: Klar, er war nicht so impulsiv wie Schamaj und war nicht so rasch mit dem Hervorholen der Keule – aber warum sagte er dem Heiden nicht von Anfang an: „Du hast keine Möglichkeit Kohen Gadol zu werden, weil du nicht als Kohen geboren bist.“ Wieso war er derart zurückhaltend und empfahl ihm, sich hinzusetzen und zu lernen, als ob dies irgendwie dazu führen würde, dass er ein Kohen Gadol werde?

Aus dieser Gemara (Talmudstelle) können wir lernen, dass ein Lehrer darauf achten muss, den richtigen Zeitpunkt zu wählen, um dem Schüler eine bestimmte Lehre näherzubringen. Es gibt Zeiten, in denen der Lehrer eine Lektion erteilen will; der Schüler aber ist in diesem Moment nicht bereit zu hören, was er ihm sagen möchte. Der Lehrer kann sich auf den Kopf stellen und die Lektion geben; der Schüler wird ihn ganz einfach nicht verstehen. Er ist seelisch nicht bereit, etwas aufzunehmen.

Der Heide hätte sich gegenüber Hillel genau gleich verhalten wie Schamaj gegenüber, hätte Hillel ihm geradewegs geantwortet: „Es tut mir leid, aber du kannst unmöglich Kohen Gadol werden.“ In diesem Zeitpunkt war er nicht bereit, eine solche „Herabwürdigung“ anzuhören. Er war geistig einfach nicht fähig dazu!

Hillels Weisheit versetzte ihn auf die Schulbank. Möge er doch die Wahrheit in einem unbedrohlichen akademischen Umfeld erkennen. Lasst ihn vor der offenen Gemara sitzen, lasst ihn den Passuk aus dem Chumasch lesen und auf unbelastete Weise erkennen, was hinter dem Verbot steckt. Dann wird er imstande sein, dies hinzunehmen.

So oft ist es der Fall – besonders bei unseren Kindern - dass wir ihnen etwas ans Herz legen wollen. Wir möchten, dass sie eine gewisse Gesetzmässigkeit, ein gewisses Verhalten oder eine gewisse Art, sich zu benehmen, kennen lernen. Sie sind für diese Botschaft noch nicht bereit. Wir gleichen jemandem, der versucht, einem Zweijährigen lesen oder einem sechsmonatigen Baby laufen zu lernen. Sie sind geistig oder körperlich noch nicht genug entwickelt, dass die Botschaft ankommt.

Die Gemara lehrt uns, dass man wissen muss, wann und wo eine Lektion, welche einen bestimmten Punkt lehren will, angebracht ist. Hillel verfügte über den Durchblick, wie dieser Heide unter die Fittiche der g’ttlichen Präsenz gebracht werden konnte. Wir Eltern und Lehrer sollten versuchen, seine Weisheit und seine Geduld nachzuahmen.

Quellen und Persönlichkeiten:

Hillel und Schamaj (lebten ca. 40 Jahre vor Beginn der gewöhnlichen Zeitrechnung): Führer und Gerichtsvorsitzende des jüdischen Volkes. Frühe Mischna-Lehrer, die an der Spitze von Torah-Akademien standen und mit ihren zahlreichen Diskussionen die jüdische Gesetzeslehre wesentlich beeinflussten.

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Die Bearbeitung dieses Beitrages erfolgte durch Mitarbeiter des Jüfo-Zentrums in Zürich

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