Tamus
/Paraschat Pinchas

Raw Frand zu Parschat Balak 5773

Die besten Dinge im Leben sind anders, wenn man sie umsonst bekommt

Dieser Wochenabschnitt beinhaltet die bemerkenswerte Geschichte von Bil‘am und seiner Eselin. "Als die Eselin den Engel des Ewigen auf dem Weg stehen sah - mit gezogenem Schwert in seiner Hand, da bog die Eselin vom Weg ab und ging auf das Feld. Daraufhin schlug Bil‘am die Eselin, damit sie wieder in den Weg einlenkte. Der Engel des Ewigen trat in den Hohlweg zwischen den Weinbergen, wo eine Mauer auf der einen und eine Mauer auf der andern Seite war." [Bamidbar 22:23-24]

Im Midrasch Bamidbar Rabbah heisst es, dieses Szenario der "Mauer auf der einen und einer Mauer auf der andern Seite" sei eine Botschaft an Bil‘am gewesen: Du wirst nie imstande sein, dieses Volk zu beeinträchtigen, weil dieses Volk von den zwei steinernen Tafeln (Luchot) beschützt wird, die vom Finger G-ttes beschrieben wurden - und über die es heisst: "auf der einen und auf der andern Seite waren sie beschrieben" [Schemot 32:15]. Ganz offensichtlich ist das ein Wortspiel. Doch es muss auch etwas Tieferes darin stecken. Es muss etwas hinsichtlich der Luchot geben, über die es heisst: "mi'se u'mi'se hem ketuwim" (auf der einen und auf der anderen Seite waren sie beschrieben) - was die Antithese bzw. das "Gegengift" zu all jenem ist, wofür Bil‘am steht. Was ist die Interpretation dieses Midrasch?

Ich sah eine interessante Erklärung des Tolner Rebbe [Raw Jizchak Menachem Weinberg (Jerusalem)], schlita, in seinem Buch "Hejmah Jenachamuni". Chasal (unsere Weisen) sagen über den Vers, "Es stand in Israel kein Prophet mehr auf wie Mosche" [Dewarim 34:10], dass in Israel nie jemand wie Mosche aufkam, aber es unter den Völkern der Welt doch so ein Individuum gab. Wer war das? Es war Bil‘am, der Sohn von Be‘or. Der Allmächtige ahnte das Argument der Völker der Welt, "wenn wir selbst einen Propheten von der Statur eines Mosche gehabt hätten, wären wir zu besseren Menschen geworden" (Raschi in Balak 22:5). Er wollte die Nationen nicht argumentieren lassen, es sei nicht fair gewesen - es sei kein Spiel auf Augenhöhe gewesen. Aus diesem Grund schuf der Allmächtige Bil‘am - den Propheten der Völker - gleichwertig zu Mosche in seiner Prophetie.

Das Problem ist, dass Bil‘am einer der verachtenswertesten Protagonisten im ganzen Tenach ist. Er ist das Sinnbild einer Person, die widerwärtige Midot (Charaktereigenschaften) hat. Das Traktat Awot (Sprüche der Väter) zählt seine bösen Charakterzüge auf. Er war überheblich, lüstern, neidisch und gierig. Man nenne eine schlechte Eigenschaft - er hatte sie! Zusätzlich dazu, dass er all diese schlechten Eigenschaften besass, war er eine unmoralische Person. Die Gemara (der Talmud) schlussfolgert [Sanhedrin 105], dass die Eselin, die er tagsüber ritt, auch die Kreatur war, die ihn bei Nacht "bedienstete".

Wie kam es, dass ein Mensch, der mit solcher Prophetie begabt war - und mit solch einem Verständnis des Allmächtigen, der abscheulichste und amoralischste Mensch auf Erden sein konnte? Die Antwort ist, dass es sich um Prophetie handelte, die er vom Allmächtigen geschenkt bekommen hatte - weil er sie eben haben sollte. Prophetie unter normalen Umständen muss erarbeitet und verdient werden - nach vielen Jahren der Arbeit und der Selbstverbesserung. Prophetie, die man "gratis" bekommt, ist von anderer Natur.

Der Messilat Jescharim (Pfad der Aufrechten) geht die verschiedenen, menschlichen Eigenschaften durch (basierend auf der Baraita des Rabbi Pinchas ben Jair, Traktat Awoda Sara 20b ), die man sich notwendigerweise aneignen muss, um letzten Endes die Spitze der "spirituellen Pyramide" zu erreichen - Ruach HaKodesch (wörtlich: "Heiliger Geist"). Ein Mensch muss sich durch alle anderen Attribute in Messilat Jescharim seinen Weg bahnen, um g-ttliche Inspiration zu erlangen - geschweige denn Prophetie. Ein Jude, der den lebenslangen Weg auf sich nimmt, den der Ramchal (Rabbi Mosche Chaim Luzzato, s"l) in Messilat Jescharim aufzeigt, erreicht die ultimative Gabe des Ruach HaKodesch und anschliessend Newuah (Prophetie).

Bil‘am, andererseits, bekam das alles eines Tages geschenkt. Es gab keine Selbstverbesserung. Es gab keinen Prozess der Arbeit an sich selbst. Der Schöpfer des Universums gab es ihm "umsonst" - aus dem Grund, den wir genannt haben - sodass die Völker der Welt keine Beschwerde gegen Ihn vorbringen konnten. Doch Bil‘am blieb dieselbe schreckliche Person, die er immer gewesen war - als er das Geschenk der Prophetie erhalten hatte, ohne dafür zu arbeiten. Aus diesem Grund gibt es keinen Widerspruch.

Wir können diesen Zwiespalt verstehen, wenn wir folgendes Szenario ins Auge fassen: Ein Mensch arbeitet hart in seinem Geschäft, investiert viele Überstunden und grosse Anstrengungen, um es "Stein für Stein" aufzubauen. Nach zahlreichen, kleineren Fortschritten, wird er zunehmend erfolgreich. Das Geschäft weitet sich aus - und wiederum später weitet es sich noch mehr aus, nachdem zwischenzeitliche Meilensteine erreicht worden sind. Schliesslich geht das Unternehmen an die Börse und der Inhaber wird Multimillionär. Diese Art von Mensch kann gewöhnlich seinen Wohlstand handhaben, weil er weiss, was es bedeutet hat, arm zu sein und wie schwer es ist, dieses Geld zu verdienen. Er weiss, dass es nicht von alleine kommt.

Eine andere Person hat aber nur acht Schuljahre aufzuweisen und gewinnt plötzlich 250 Millionen Dollar in der amerikanischen Powerball-Lotterie. Oftmals wissen solche Leute nicht, wie sie mit ihrem Wohlstand umgehen sollen. Es gibt unzählige Geschichten über derartige Menschen, deren Wohlstand ihr Leben ruiniert hat, weil sie nicht mit Geld umzugehen wissen. Sie nehmen all dieses Geld in einem "Gefäss" auf, das dieses Geldes nicht würdig ist.

Dies war das Szenario mit Bil‘am. "Du, Bil‘am, wirst niemals einen Einfluss auf das jüdische Volk haben, weil es die Luchot hat, die von dieser und von jener Seite beschrieben sind - in die Tafeln eingRawiert." Wenn ein Mensch etwas als fortdauernd beschreiben will, lautet der Ausdruck dafür: "in Stein gemeisselt". Die Anspielung des Midrasch in Bezug auf Klal Jisrael (Volk Israel), dass es die Luchot hat, die "von dieser und von jener Seite" beschrieben sind, besagt, dass was das jüdische Volk erreicht hat, von harter Arbeit herrührt, sodass es ein fortdauernder Bestandteil ihrer selbst wird - in Stein gemeisselt, gewissermassen. Bil‘am hingegen ist nur ein "Strohfeuer". Was ihm in Sachen Prophetie gegeben wurde, war nicht Teil seiner Essenz. Aus diesem Grund konnte er dem jüdischen Volk nichts anhaben.

Undankbar zu sein, ist das Schlimmste vom Schlimmsten

Die folgende Erkenntnis ist vom Alten von Slabodka. Gemäss dem Midrasch, sagte Bil‘am zu Balak: Wir beide sind undankbar. Ohne Awraham Awinu, hätte es niemals einen Balak, König von Moaw, in der Welt gegeben. Denn ohne Awrahams Verdienste, wäre Lot (Vater von Moaw) niemals der Zerstörung von Sedom entkommen. "Wie kannst du - als Nachkomme von Lot - mich beauftragen, die Nachkommen von Awraham zu verfluchen?" - "Ich selbst bin auch undankbar", sagte Bil‘am zu Balak, "denn ohne ihren Vorvater Ja'akow, würde es mich auch nicht geben. Lawan hatte nur das Verdienst, Söhne zu bekommen - von denen ich abstamme - aufgrund der Tatsache, dass Ja'akow in seinem Haus lebte. Wie kann ich Ja'akows Nachkommen verfluchen? Ich selbst muss wohl auch undankbar sein."

Dies ist ein seltsamer Midrasch. Es scheint so, als gäbe der böse Bil‘am eine Mussar-Lektion (eine "Standpauke" in menschlicher Ethik). Seit wann kümmerte sich Bil‘am um Midot Towot (positive Werte)? Warum drückt dieser Mensch, der alle bösen Eigenschaften dieser Welt hat, Reue darüber aus, dass er undankbar sei?

Der Alte von Slabodka sagt, wir können hieraus erkennen, dass der schlechteste aller Charakterzüge die Undankbarkeit sei. Sogar ein Bil‘am - der Prototyp schlechter Charaktereigenschaften, fühlte sich schlecht wegen seiner Undankbarkeit.

Raw Ruderman, der Gründer und Rosch Jeschiwa (Oberhaupt der Talmudschule) von "Ner Israel", war ein Nachfahre des Alten von Slabodka - und diese Idee ist sehr typisch in Bezug auf die Themen, über die er regelmässig sprach. Es gab im Prinzip drei Themen, auf die er immer wieder zurückkam, um seinen Schülern anständiges Benehmen zu vermitteln: Torah, Chessed (Barmherzigkeit) und Hakarat HaTov (Anerkennung von Gutem). Raw Ruderman fühlte, dass wenn ein Mensch jene nicht anerkennt, die ihm Gutes tun, dies seine gesamte Menschlichkeit in Frage stellt. Wir alle haben unsere Macken, aber undankbar zu sein, ist das Schlimmste vom Schlimmsten.

 

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