Kislew
/Paraschat Wajischlach

Raw Frand zu Parschat Dewarim 5773

Kleine Gefälligkeiten

In jener Zeit gab ich euren Richtern eine Anweisung, indem ich sagte: "Hört euren Brüdern zu und richtet auf gerechte Weise zwischen einem Mann und seinem Bruder oder einem Fremden. Ihr sollt kein Ansehen der Person im Gerichtsverfahren kennen; den Kleinen wie den Grossen sollt Ihr gleichermassen anhören (Kleines wie Grosses habt ihr anzuhören)…" (1:16-17)

Mosche Rabbejnu erzählt nochmals, wie er die seinerzeit neu berufenen Richter gewarnt hat, keine persönliche Bevorzugung anzuwenden, die das Resultat eines Entscheidungsfalls beeinflussen könnte.

Ein wiederkehrendes Thema in der Torah ist, dass persönliche Erwägungen - vor allem in Form von Bestechungen - einen Richter dazu verleiten können, eine Partei wohlwollender zu betrachten als die andere.

Der Talmud [Ketubot 105b] lehrt, dass Bestechungen nicht unbedingt eine finanzielle Form annehmen müssen. Sogar scheinbar minimale Zuwendungen können die Sichtweise eines Menschen manipulieren. Der Talmud erklärt zum Beispiel, dass selbst ein nettes Wort gegenüber dem Richter eine Art von Bestechung sein kann, die sein Urteil zu beeinflussen vermag.

Der Talmud fährt fort, indem er mehrere Amora‘im (Gelehrte der zweiten Generation der talmudischen Zeit) auflistet, die sich selbst wegen Voreingenommenheit aus einem Fall zurückzogen, nachdem sie Gefälligkeiten angenommen hatten, die wir selbst kaum als solche betrachten würden. Der Amora Schmuel hatte Schwierigkeiten, eine klapprige Brücke zu überqueren. Jemand streckte seine Hand aus und half ihm, die Brücke zu überqueren. Schmuel fragte diesen Mann, was ihn zu dieser Brücke hergebracht hatte - und der Mann antwortete, dass er einen Streitfall hatte, der vor dem Bejt Din (Gerichtshof) von Schmuel angesetzt war. Schmuel disqualifizierte sich selbst davor, diesen Fall zu beurteilen - aus Sorge, der Gefallen dieses Mannes könnte ihn unterbewusst dazu verleiten, den Mann vor Gericht siegen lassen zu wollen (wodurch er die Prozeduren des Verfahrens verzerren könnte).

In einem ähnlichen Fall, sass Amejmar im Bejt Din und eine Feder flog auf seinen Kopf. Jemand kam zu ihm hinüber und entfernte die Feder. Als er Amejmar sagte, dass er dort sei, damit sein Fall angehört werde, zog sich Amejmar wegen vermeintlicher Voreingenommenheit aus der Anhörung dieses Falles zurück.

Mar Ukwa hatte einen Fall, wo jemand vor ihn gespuckt hatte und eine andere Person kam und den Speichel zudeckte. Diese zweite Person hatte einen Gerichtsfall angesetzt, in dem Mar Ukwa das Urteil fällen sollte - und Mar Ukwa disqualifizierte sich als Richter selbst.

Der letzte Fall, der in diesem Zusammenhang im Talmud aufgeführt wird, handelt vom Farmpächter von Raw Schmuel bar Jose, der normalerweise jeden Freitag den Anteil des Ertrages von Raw Schmuel bar Jose an ihn lieferte. In einer bestimmten Woche musste der Farmpächter wegen eines geldbezogenen Falles in der Stadt sein, weshalb er entschied, den Ertrag einen Tag früher auszuliefern. Raw Schmuel bar Jose zog sich zurück, um über den Fall des Farmpächters zu richten - aus Sorge, er könnte aufgrund der Tatsache voreingenommen sein, dass er den Ertrag (als Gefälligkeit) einen Tag früher als üblich erhalten hatte.

Raw Pam stellt daher die folgende Frage: Waren diese Amora‘im so wankelmütig, dass der kleinste Gefallen ihr Urteil beeinflussen konnte? Kann man sich einen Dajan (rabbinischen Richter) vorstellen, der ein Fehlurteil fällt, weil ihm jemand über die Strasse geholfen oder seinen Hut (von einer Feder) gesäubert hat? Sollte sich ein Amora nicht mehr zutrauen, als anzunehmen, dass er aus derart trivialen Gründen voreingenommen sein könnte?

Raw Pam antwortet, dass es in dieser Gemara (Abschnitt im Talmud) nicht so sehr um richterliche Integrität oder die zerstörerische Natur von Bestechungen gehe, sondern um das Ausmass von Hakarat HaTov (Wertschätzung von Zuwendungen), die wir denen gegenüber haben sollten, die uns einen Gefallen tun.

Diese Amora‘im waren nicht wankelmütig, sondern nahmen die Gefälligkeiten anderer Menschen ernster, als wir es tun. In unseren Augen mögen solche Gefälligkeiten derartig unbedeutsam sein, dass sie noch nicht einmal auf unseren "Radarschirmen" erscheinen. Aber Menschen, die an sich gearbeitet haben, die Zuwendungen anderer Leute schätzen zu lernen, betrachten diese "kleineren" Gefälligkeiten als in so hohem Masse des Dankes würdig, dass es ihr Urteilsvermögen manipulieren könnte.

Raw Pam fährt fort, uns zu zeigen, wie viele gesellschaftliche Probleme heutzutage aus einem Mangel an Hakarat HaTov herrühren.

Ehemänner erachten die "kleinen" Gefälligkeiten, die sie von ihren Ehefrauen bekommen, als selbstverständlich - und umgekehrt. Jeder erwartet von der anderen Seite, die ihr zugeschriebenen Aufgaben und Pflichten zu erfüllen, weil es "sein" bzw. "ihr" Job sei.

Wenn Eheleute mit solcher Ernsthaftigkeit auf die Gefälligkeiten ihrer Partner schauen würden, wie es die Amora‘im getan haben - sagt Raw Pam - dann hätten wir viel mehr glückliche, stabile Ehen, in denen jeder Partner sich dafür geschätzt fühlt, was er für den anderen tut.

Dasselbe gilt auch für die Beziehungen zwischen Arbeitgebern und Beschäftigten - und gewissermassen auch für alle anderen Beziehungen. Wenn Menschen bewusst darauf schauen würden, was die andere Seite für sie leistet - statt es als ein "g-ttgegebenes Recht" anzusehen, dann würden sie viel besser miteinander auskommen.

Vielleicht bezieht sich das triftigste Beispiel von Raw Pam auf die Einstellung vieler Menschen gegenüber Jeschiwot (Talmudschulen). Wenn Absolventen und Eltern die angemessene Hakarat HaTov gegenüber den Institutionen hätten, die sie oder ihre Kinder ausgebildet haben, dann würden sie grosszügige und regelmässige Zuwendungen an diese Schulen geben - und unsere Mosdot (Institutionen) würden nicht in diesem bedauernswerten Zustand des finanziellen Zusammenbruchs sein, in dem sie sich befinden. Doch allzu oft lautet die Einstellung: "Ich habe meine Schul- bzw. Studiengebühren bezahlt. Ich habe meinen Job getan, damit Ihr eure Aufgaben erledigen könnt. Also belästigt mich nicht mehr!"

Und Menschen, die wirklich makir tov sind (von inniger Wertschätzung), wissen nicht nur die guten Dinge zu schätzen, die andere ihnen zuteilwerden lassen. Sie fühlen sich sogar jenen gegenüber zu Dank verpflichtet, die ihnen auf solche Weise wehgetan haben, dass es ihnen letztlich geholfen hat.

Als Raw Awraham Jizchak Kuk (Abraham Eisik Kook) noch in Europa war, verbrachte er den Sommer regelmässig an der Küste des Baltischen Meers in Lettland - zusammen mit vielen anderen Rabbinern.

Dieser Ferienort hatte ein Zimmer, das für G-ttesdienste bestimmt war. Eines Abends hatte Raw Re‘uven Selig Bengis eine Jahrzeit (Jahrestag des Ablebens eines Verstorbenen), doch es waren nur neun Leute in der improvisierten Schul (Synagoge). Einer der neun ging hinaus, um nach einem zehnten Mann Ausschau zu halten - und fand einen in der Nähe. Jedoch bemerkte er nicht, dass ein anderer Mann, der ebenfalls Jahrzeit hatte, genau zehn Leute ausserhalb dieses Zimmers versammelt hatte - und dass der Mann, den er von draussen abgezogen hatte (um am Minjan von Raw Bengis teilzunehmen), beim anderen Minjan gebraucht wurde.

Der Mann, der den Minjan draussen organisiert hatte, stürmte hinein, schrie Raw Bengis an - und überschüttete ihn mit Beschimpfungen.

Raw Kuk war für seine Nächstenliebe gegenüber jedem Juden bekannt, doch diese Aktion war jenseits des Tragbaren - selbst für Raw Kuk. Er ging hinüber zu diesem Menschen, der Raw Bengis verunglimpfte und verpasste ihm eine Ohrfeige dafür, dass er einen Talmid Chacham (Torahgelehrten) beleidigt hatte.

Dieser Mann wurde so wütend auf Raw Kuk, dass er entschied, ihn vor einem nichtjüdischen Gericht wegen Nötigung zu verklagen. Ein Tumult kam auf. Mehrere Personen baten Raw Kuk, sich zu entschuldigen, damit diese Angelegenheit nicht noch weitergeführt werde - doch Raw Kuk weigerte sich. "Ginge es um meine eigene Ehre, würde ich mich entschuldigen" erklärte er. "Doch Raw Bengis ist beschämt worden. Es tut mir nicht leid, einen Menschen geohrfeigt zu haben, um die Ehre eines Talmid Chacham zu verteidigen. Lasst ihn nur gegen mich vor Gericht ziehen!"

Einige Tage später änderte der wütende Mann seine Gesinnung, kam zu Raw Kuk, entschuldigte sich und teilte ihm mit, er werde nicht gegen ihn vor Gericht ziehen.

Viele Jahre lang schien dies das Ende der Geschichte zu sein.

Doch Jahre später, besuchte Raw Kuk die Vereinigten Staaten - und der Mann, den er Jahre zuvor am Urlaubsort geohrfeigt hatte, kam auf ihn zu. "Ich bin dem Rabbiner zu Dank verpflichtet", sagte der Mann, während er eine goldene Uhr aus der Tasche nahm und sie Raw Kuk präsentierte.

Er erklärte, dass nach der Ohrfeige von Raw Kuk, das Leben in Europa für ihn unerträglich geworden sei. Er brachte es zu zweifelhafter Bekanntheit dafür, jener Mann gewesen zu sein, der Raw Bengis angeschrien hatte und von Raw Kuk geohrfeigt worden war. Als er die Schande nicht mehr ertragen konnte, entschied er sich, Europa zu verlassen und nach Amerika zu ziehen, wo ihn niemand kannte. In Amerika gelangte er zu Reichtum - er wurde Millionär. Er fühlte, dass sein Vermögen letzten Endes ein Resultat der Ohrfeige von Raw Kuk war - und er wollte dem Rabbiner ein Geschenk machen, um seine Dankbarkeit auszudrücken.

Es ist schwer, Dankbarkeit für eine Ohrfeige zu empfinden - sei es im wörtlichen oder im sprichwörtlichen Sinne. Doch das Mindeste, was wir tun können, ist, uns jene Wertschätzung für Gefälligkeiten anzueignen, wie sie uns von den Amora‘im vorgelebt wurde.

Und diese Stufe der Hakarat HaTov war keineswegs auf die Generation des Talmuds beschränkt. Der Chofez Chaim, der vor weniger als einem Jahrhundert lebte, war ein Kohen (Abkömmling des Priesterstamms) und konnte deshalb keinen Begräbnissen beiwohnen. Doch als eine Frau, die einmal ein Fenster an seine Jeschiwa in Radin gespendet hatte, gestorben war - und wir sprechen nicht vom "Kunstwerk" eines Designers - folgte er dem Sarg, aus zulässiger Distanz, bis zum Friedhof (aus Wertschätzung für ihre Spende).

Wenn wir die Gefallen schätzen würden, die andere uns tun - so klein sie auch sein mögen - wäre diese Welt ein weitaus besserer Ort!


Persönlichkeiten:

  • Raw Awraham Isaak HaKohen Kuk (Kook), 1865-1935, geb. in Daugavpils (Russland), lernte in der berühmten Jeschiwa von Woloschin und war aschkenasischer Oberrabbiner des Mandatsgebietes Palästina.
  • Raw Awraham Pam, 1913 – 2001, war ein führender Gelehrter und Rosch Jeschiwa in Brooklyn, New York.

 

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