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/Paraschat Ejkew

Raw Ciner zu Paraschat Dewarim-Chason 5779 – Beitrag 1

 

“Bejn Paran uwejn Tofel“ - Zurechtweisung mit Würde und Wertschätzung des Nächsten

Die dieswöchige Parascha, Dewarim, beginnt mit den Zurechtweisungen Mosches an die Adresse der Benej Jisrael für die vielen begangenen Fehler. „Ejle haDewarim ascher diber Mosche…“- das sind die Worte, welche Mosche sprach – „bejn Paran uwejn Tofel weLavan waChazejrot weDi Sahav“ – zwischen Paran und Tofel und Lawan und Chazejrot und Di Sahav [Dewarim 1:1].

Paran bezieht sich auf die Sünde der Kundschafter, die von Paran ausgeschickt wurden. Aber mit welcher Sünde werden Tofel und Lawan in Verbindung gebracht? Raschi zitiert Rav Jochanan, dass diese Städte bis anhin noch nie erwähnt wurden! Vielmehr meinte Mosche damit unsere Reklamationen (Tofel) wegen dem weissen (Lawan) Man (Manna).

Jede Ermahnung wurde mit viel Taktgefühl ausgesprochen und nicht als direkte Beschuldigung. Rav Chajim Schmulewitz hebt hervor, dass Mosche ein paar Tage vor seinem Tod die Benej Jisrael für wohlbekannte Sünden zurechtwies: Unter anderem für die Sünde der Kundschafter, die dazu führte, dass eine ganze Generation in der Wildnis sterben musste, bevor man Erez Jisrael betreten konnte; und für die Sünde mit dem Goldenen Kalb, für die wir zusätzlich zu jeder anderen Strafe, die wir je erhalten, büssen müssen. Dies sind wahrhaft die grössten und weitreichendsten Sünden des jüdischen Volkes für alle Zeiten. Und doch wollte Mosche uns nicht öffentlich Vorwürfe machen. Warum nicht? Um uns nicht zu beschämen. Daraus lernen wir, welch tiefempfundene Achtung wir vor einer anderen Person haben, wie wir uns anderen gegenüber verhalten sollen und wie vorsichtig wir mit der Würde unseres Nächsten umgehen müssen.

Es mag jemand fälschlicherweise denken, dass man gegenüber einem ganzen Volk diese Vorsicht walten lassen soll, aber dass man mit Einzelpersonen nicht so behutsam umzugehen braucht. In der Gemara [Gittin 57] sehen wir jedoch, welche riesigen Kräfte frei werden und das Unheil, das angerichtet wird, wenn man einen einzelnen Menschen beschämt. Bar Kamza wurde grenzenlos gedemütigt, als er aus einer Hochzeitfeier hinausgeworfen wurde, zu der er irrtümlicherweise eine Einladung erhalten hatte. Seine Wut führte mit Haschems Billigung zur Zerstörung des Bejt Hamikdasch (Tempel)! Hier stand nicht die Beschämung aller Benej Jisrael zur Diskussion, sondern die eines einzelnen Juden, der niedrig und charakterlos genug war, um die römische Regierung auf sein eigenes Volk zu hetzen! Sogar die Beschämung einer solchen Person erreichte die höchsten himmlischen Höhen und löste die Zerstörung des heiligsten Ortes der ganzen Welt aus!

Das gleiche Konzept finden wir bei der Rebellion von Korach und seinen Anhängern gegen Mosche und Aharon. Nachdem diese 250 Männer Räucherwerk für Haschem dargebracht und vom Feuer verzehrt worden waren, sammelte El’asar, Aharons Sohn, die verwendeten Pfannen ein. Weshalb war nicht Aharon mit dieser Aufgabe betraut worden? Um uns Derech Erez (richtiges Benehmen) zu zeigen! Diese Männer, welche sich gegen Haschem aufgelehnt hatten, verdienten nicht, durch Aharon, dessen Stellung sie in Frage gestellt hatten, zusätzlich beschämt zu werden! Ihre Strafe war klar und genau bemessen – es durfte nichts hinzugefügt werden! Aharon sollte nicht derjenige sein, der ihre Opferpfannen zusammensuchte!

Wenn wir Tadel erteilen müssen, ist grösste Vorsicht geboten. Für den täglichen Umgang mit anderen gilt dies umso mehr! Ich stand am Ende eines Besuchs in den Vereinigten Staaten und vor der Rückreise nach Israel. In einem Laden versuchte ich, ein paar Packkartons zu ergattern. Es lagen einige mit etwas Ware auf einem Gestell. Als ich diese Sachen sorgfältig den Schachteln entnahm und sie auf das Gestell legte, kam ein Angestellter auf mich zu und empörte sich, dass ich Unordnung und ihm ein schweres Leben mache. Ich versicherte ihm unter vielen Entschuldigungen, dass ich keinen Augenblick im Sinne gehabt hatte, ihm zusätzlich Arbeit aufzubürden und dass ich sehr wohl sehe, wie anstrengend seine Arbeit sei. Ich achtete darauf, ihn so viel wie möglich mit „Herr“ anzureden. Die Verwandlung dieses Mannes war verblüffend. Er stellte sich gerade und mit erhobenem Kopf hin und entschuldigte sich, dass er mich in Aufregung versetzt hatte. Daraufhin machte er sich daran, Packkartons für mich zu suchen! Aus diesem Vorfall und den Gelegenheiten, bei denen ich Putzequipen oder Strassenkehrer meinen Dank für ihre Arbeit ausgesprochen hatte, konnte ich klar erkennen, dass alle Menschen eigentlich nur etwas Anerkennung und Respekt erwarten!

Am Schabbat sprechen wir am Tisch zuerst den Segensspruch über den Wein und decken die Challot (Schabbatbrote) zu, damit das Brot dadurch nicht beschämt wird. Ich persönlich habe noch nie ein beschämtes Stück Brot gesehen… Wenn wir jedoch darauf achten, sogar mit Dingen, die keine Beschämung erleben können, sorgfältig umzugehen, werden wir mit Menschen, welche tiefe Scham empfinden können, viel vorsichtiger sein! In diesem Sinn hat jeder Ehemann, der seine Frau blossstellt, weil sie vergessen hat, die Challot zuzudecken (oder irgendetwas anderes), den Sinn des Ganzen nicht begriffen!

Die Wichtigkeit, andere anständig zu behandeln wurde mir bei einer Begebenheit bewusst: Ich brauchte etwas aus einem Heimwerkerladen, das in einem Container nach Israel geliefert werden musste. Obwohl ich ungern andere Leute behellige und um Gefälligkeiten bitte, blieb mir in diesem Fall nichts anderes übrig. Ich telefonierte einem Schüler und fragte ihn scheu, ob er diese Sache für mich erledigen könnte. Er stimmte sofort zu und fragte nach Einzelheiten. Bevor wir das Gespräch beendeten, fragte er mich, ob er der erste sei, den ich um diesen Gefallen gebeten habe. Als ich bejahte, stiess er einen lauten Schrei aus! „Sie kennen so viele Leute - und mich haben Sie als ersten gefragt! Herr Rabbiner, mein Tag ist gerettet!“

Natürlich fühlte ich mich grossartig. Richtig verstanden habe ich diesen Vorfall jedoch erst, als ich in einem Sefer (Ma’arachej Lev) blätterte. Ich stiess auf eine Stelle, die die Gemara bespricht, wonach das Bedienen eines Rebben höher einzuschätzen ist als das Lernen von ihm [Traktat Berachot 7b]. Dieses Konzept war mir schwer verständlich. In diesem Sefer wird erklärt, dass ein Schüler, welcher auserwählt wird, seinen Rebben zu bedienen, sich wertvoll fühlt. Er fühlt, dass er von seinem Rebben respektiert wird. Sobald er die Anerkennung seines Rebben fühlt, saugt er seine Lehren wie ein Schwamm auf und lernt auf diese Weise eine Menge. Es ist das „Schimusch“ (Bedienen), welches das Lernen ermöglicht.

Der Weg, der zum Herzen und zu der Seele eines Menschen führt, geht nicht durch den Magen, sondern über seine Würde und das Gefühl der Wertschätzung. Sobald eine solche Beziehung besteht, kann Tadel leicht hingenommen werden und Lieferungen aus dem Heimwerkerladen werden bereitwillig ausgeführt!

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Die Bearbeitung der Gedanken dieser Woche erfolgte durch Mitarbeiter des Jüfo-Zentrums in Zürich

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