Tischrej
/Chol HaMoed Sukkot

Rav Ciner zu Paraschat Wajelech-Schabbat Schuwa 5780

Ein Leben als guter Mieter

Diese Woche lesen wir in Paraschat Wajelech: „Wajelech Mosche… Wajomer alejhem ben Me’ah we’Essrim Schanah anochi hajom …” (“Und Mosche ging… Und sagte ihnen (den Kindern Jisrael): ‚Ich bin heute hundertundzwanzig Jahre alt…’”) [Dewarim 31:1-2] Mosche unterrichtet die Benej Jisrael, dass sein Tod unmittelbar bevorstehe und gibt ihnen seine letzten Anweisungen.

Ausserdem sagt Haschem zu Mosche: „Hejn karwu Jomecha lamut...“ („Siehe, deine Zeit zu sterben ist nahe…“) [31:14]

Was bedeutet das Wort „hejn“?

Der Or HaChajim Hakadosch erklärt, dass Haschem mit dem Wort „hejn“ das bestätigt, was Mosche den Benej Jisrael bereits vorher mitgeteilt hatte: „Ja, die Zeit deines Todes ist gekommen.“

Der Midrasch ֲֲ[Midrasch Raba 9:6] gewährt uns einen Einblick in das, was hinter den Kulissen abgelaufen ist. Mosche forderte Haschem heraus: „Ich lobte Dich mit dem Ausdruck ‚hejn’ als ich sagte: ‚Hejn laHaschem Elokecha haSchamajim uSchemej haSchamajim haArez…’ (‚Siehe, des Ewigen, deines G-ttes sind die Himmel ‚und aller Himmel Himmel’, die Erde…’) [Dewarim 10:14]. Und jetzt verurteilst Du mich mit dem gleichen Wort ‚hejn’ zum Tode?“

Haschem donnert Seine Antwort an Mosche zurück: „Schachejn ra! (Schlechter Nachbar/Mieter!) Als ich dich nach Mizrajim (Ägypten) sandte, um die Benej Jisrael zu erlösen, gebrauchtest du das Wort ‚hejn’ um abschätzig über die Benej Jisrael zu reden. Du sprachst: ‚we’hejn lo ja’aminu li’ (‚und sie werden mir nicht glauben.’). Du verdienst es deshalb, dass dein Tod mit dem Wort ‚hejn’ besiegelt wird.“

Wieso wurde Mosche ein „Schachejn ra“ („schlechter Nachbar/Mieter“) genannt?

Der Or Jahel erklärt dass es bei einer Liegenschaftsmiete drei Personengruppen gibt: Den Besitzer, den guten und den schlechten Mieter.

Der Besitzer zieht die Miete ein und ist dabei im Frieden mit sich selbst. Er hat das Recht auf ein Entgelt von seinem Mieter, der auf seinem Grundstück lebt und Nutzen daraus zieht. Einem guten Mieter ist es bewusst, dass er für eine Bleibe bezahlt, die ihm nicht gehört und dass er auch nach der Bezahlung keinen Anteil an dieser Liegenschaft besitzt. Er weiss, dass er die Pflicht hat, für die Benützung zu bezahlen. Dies ist eine Folge der glasklaren Vereinbarung, dass das Haus dem Besitzer gehört und er es dem Mieter nur vorübergehend zur Verfügung stellt.

Ein schlechter Mieter erkennt den Nutzen nicht, welchen er vom Besitzer empfängt. Wenn wir noch einen Schritt weitergehen: Er meint, er tue dem Besitzer einen Gefallen, weil er auf das Haus aufpasse!

Haschem ist der Herr/Besitzer der Welt. Der Mensch ist ein vorübergehender Mieter. Ein „guter Mieter“ empfindet nicht das Gefühl, dass er dem Besitzer „hilft“. Es ist ihm bewusst, dass der Kopf und der Arm, auf denen er Tefillin legt, nicht ihm gehören. Der Türpfosten, an dem er die Mesusah befestigt, gehört nicht ihm. Er geht mit dem Gefühl durchs Leben, dass ihm die Dinge nicht zustehen und dass er nichts verdient. Er anerkennt den Besitzer der Welt und die Verantwortung, die er hat, für die Miete zu „bezahlen“. Der schlechte Mieter meint, er tue Haschem mit dem Erfüllen der Mizwot (Gebote) einen Gefallen. Aus diesem Grund sei Haschem ihm zu Dank verpflichtet. Er versteht nicht, dass Haschem der „Adon kol“, der Herr über alles ist und im Prinzip von Niemandem irgend etwas benötigt.

Jetzt können wir den obigen Midrasch verstehen. Mosche wies auf etwas hin, das er sich als Verdienst anrechnete: Er hatte das Wort „hejn“ verwendet und Haschem damit gepriesen. Jegliches Gefühl „ich habe verdient“ zeigt einen Mangel an Anerkennung von Haschem als Herrn/Besitzer. Deshalb wurde er postwendend als ‚schlechter Mieter’ bezeichnet.

Und weiter: Ein anderes Mal hast du das Wort „hejn“ vollständig verschieden verwendet. Du hast abschätzig über die Benej Israel gesprochen und gesagt: „we’hejn lo ja’aminu li“ („und sie werden mir nicht glauben.“)! Du glaubtest, dass sie an Haschems Fähigkeit zweifelten, dass Er sie erlöse. Du erkanntest in ihnen einen Mangel an Einsicht in Haschem als den All-Mächtigen, den Herrn/Besitzer. Und dabei verfügst du über den gleichen Mangel… Deshalb sagt Haschem Mosche: „Hejn karwu Jomecha lamut.“ („Siehe, deine Zeit zu sterben ist nahe.“)

Dieser Schabbat, der zwischen Rosch Haschana und Jom Kippur ist, wird Schabbat Schuwa/Teschuwa genannt, der Schabbat der Rückkehr/Rückbesinnung. An diesem Schabbat Schuwa/Teschuwa müssen wir uns mit Dingen beschäftigen, die in uns das Bewusstsein stärken, dass Haschem der Herr der Welt ist. Wir müssen auch Mittel und Wege finden, um uns geistig für Jom Kippur zu läutern.

Rav Chajim Schmulewitz schreibt, dass eine Möglichkeit, um Verdienste vor dem Richtspruch dieser Jamim Nora’im (ehrfurchtsvolle Tage) zu erwerben in der Bereitschaft liegt, allen denjenigen, die gegen uns gefehlt haben, zu vergeben. Haschems Umgang mit uns ist ein Spiegelbild von unserem Umgang mit anderen… Die Fähigkeit über Schlechtes hinwegzusehen und anderen für das zu vergeben, was sie uns antun, stammt von der Einsicht und trägt bei zu dieser, dass diese Welt Haschem gehört und Er die Dinge leitet, die uns geschehen müssen.

Die folgende Geschichte trug sich in der Jahreszeit zu, in der wir uns gerade befinden. Rav Josef Chajim Sonnenfeld amtete als Vorsitzender eines rabbinischen Gerichtes. Dieses musste einen bitteren, komplizierten Streitfall zwischen zwei Eheleuten beurteilen. Nachdem sie beide Seiten angehört und viele Abwägungen und Gedanken durchgespielt hatten, kamen die Richter zu einem Entscheid, den sie alsdann verkündeten.

Die Seite, die „verloren“ hatte, meinte, dass sie ungerecht behandelt worden sei. Voller Wut platzten die Leute in Rav Josef Chajim Sonnenfelds Haus und begannen, ihn auf beleidigende und bedrohende Weise anzuschreien. Während ihrem ganzen Wutausbruch sass Rav Josef Chajim Sonnenfeld ruhig da und lernte aus einem Talmudband, der aufgeschlagen vor ihm auf dem Tisch lag. Als ihr Geschrei und ihre Beschimpfungen einen neuen Höhepunkt erreicht hatten, erhob er sich plötzlich zu seiner vollen Grösse und wandte ihnen sein Gesicht zu.

„Hört genau auf meine Worte“, sprach er in dem auf einmal ganz stillen Raum. „Wenn eure Anschuldigungen gegen mich richtig sind und ich und mein Gericht geirrt haben, so habt ihr euren Standpunkt gegen mich bereits vor dem Himmel vorgebracht. Ich hoffe, Haschem wird uns vergeben. Ein Richter muss sich bei seinem Entscheid auf das stützen, was seine Augen in guten Treuen sehen können und das haben wir getan. Jedoch“, fuhr er fort und dabei steigerte sich sein Stimmpegel zu einem Brüllen, „falls wir recht hatten und den Fall korrekt entschieden haben und ihr diejenigen seid, die einen Fehler gemacht haben… dann…“ und er machte eine Pause. Die Gesichter aller, die in sein Haus geplatzt waren, erbleichten vor Angst und sie fragten sich, welch schlimme Flüche sie empfangen würden. „Dann“, fuhr Rav Josef Chajim Sonnenfeld ruhig fort, „will ich, dass ihr es wissen sollt, dass ich allen und jedem von euch für den Ärger, den ihr mir und meiner Familie bereitet habt, verzeihe. Ich segne euch alle und ihr möget für ein gutes und friedliches Jahr eingeschrieben und besiegelt werden.“

Sie verliessen sein Haus schweigsam, betreten und erschüttert…

Einer der Nachbarn, der auch eingetreten war, als der Aufruhr begonnen hatte, wandte sich an den Rav und fragte ihn, wieso er entschieden hatte, ihnen sofort öffentlich zu vergeben. Rav Josef Chajim Sonnenfeld erklärte ihm, dass die Tage des Gerichts begonnen haben. „Ich dachte mir, dass der Vortag des Jom Kippur beginnen wird und sie sich wegen dieses Vorfalls schlecht fühlen werden. Vielleicht hätten sie zu mir kommen wollen, um sich zu entschuldigen, aber sich zu sehr geschämt, um an mich heranzutreten. Um sich zu rechtfertigen, wieso sie nicht um Vergebung gebeten haben, werden sie sich einreden, dass sie ja die ganze Zeit richtig handelten. Sie würden sich noch mehr in ihre Sünde verbeissen und zum Schluss wegen mir bestraft werden. Deshalb habe ich gerade zu Beginn bekannt gegeben, dass ich ihnen vergebe. Auf diese Weise gibt es nichts, was sie von einer kompletten Teschuwa abhält, wenn sie ihre Tat bereuen.“

Mögen wir unsere Leben als „gute Mieter“ führen, bescheiden unseren Platz in dieser Welt kennen und mögen wir mit einem Jahr von Leben, Gesundheit und Erlösung gesegnet werden.

Gut Schabbes und eine G’mar Chatima Tova!

Quellen und Persönlichkeiten:

 

Or HaChajim Hakadosch (1696 - 1743); Name des Hauptwerks von Rabbi Chajim ben Mosche ben Atar, Torahkommentator; Marokko, Italien, Israel.

Rav Jehuda Leib Chassman (1869 – 1935); Name seines Werkes Or Jahel; Maschgiach der Chevron - Jeschiwa, Israel.

Rav Chajim Schmulewitz (1902 - 1978): Autor des Buches "Schaj Le'Torah "; Rosch Jeschiwa Mir; Litauen; Kobe; Jerusalem.

Rav Josef Chajim Sonnenfeld (1848 - 1932): Rav von Jeruschalajim.

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Die Bearbeitung dieses Wochenblatts erfolgte durch Mitarbeiter des Jüfo-Zentrums in Zürich

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